Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka
Doch warum Europa an dem Satz zerbrechen könnte.

Vor genau einem halben Jahr sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen einen Satz, der vieles veränderte. Wir schaffen das. Er war der mutigste und richtigste Satz ihrer bisherigen Amtszeit. Und er sollte uns – auch nach diesem schwierigen ersten halben Jahr – weiterhin Vorbild sein.

Wir kannten die Kanzlerin zuvor als "Teflon-Merkel": Probleme ging sie pragmatisch an, Feinde ignorierte sie, Entwicklungen saß sie aus. Diese Politik trug wenig Visionen in sich und erst recht keine Menschlichkeit. Im Sommer 2015 kamen immer mehr Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegen in Syrien und im Irak, aus dem Chaos in Afghanistan und den Hungersnöten in Eritrea und Somalia nach Europa.

Europa ist wohlhabend, doch ließ die Hilfesuchenden an seinen Küsten absaufen.

Vielleicht war es das kleine Flüchtlingsmädchen Reem, dass bei einer Gesprächsrunde mit Merkel zu weinen begann. Vielleicht waren es die Bilder von ertrunkenen Kindern an türkischen Stränden oder von ausgezehrten Vätern entlang der Balkanroute. Vielleicht war es die Summe all dieses Elends, die aus der Pragmatikerin Merkel eine Visionärin machte. "Wir schaffen das" war ein Satz, der – ganz egal, ob man gläubiger Christ ist oder nicht – die Hoffnung darauf vereint, dass wir gemeinsam Helfen können wo Hilfe benötigt wird. Merkel stellte sich einfach der Realität.

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Eine Bilanz: Eine Millionen Flüchtlinge kamen 2015 nach Deutschland (Bamf I), im Januar kamen weitere 127.000 hinzu (Bamf II). Unserer Wirtschaftskraft hat das bislang nicht geschadet, unsere Behörden bekommen die Lage nach anfänglichem Chaos in den Griff. Ja, wir schaffen das tatsächlich.

Doch schaut man auf Europa, sieht es düster aus. Die Staaten der Europäischen Union (EU) sind in der Flüchtlingsfrage zerstritten. Von Österreich abwärts wurden die Grenzen dicht gemacht – kein Staat entlang der Balkanroute wollte derjenige sein, der nun all die Flüchtlinge aushalten muss.

Übrig blieb Griechenland, übrig blieb Idomeni.

In dem kleinen Dorf an der griechisch-mazedonischen Grenze tummeln sich bereits 11.000 Migranten. (SPIEGEL ONLINE) Athen schätzt, dass bald 70.000 in ganz Griechenland festsitzen. (The Guardian) Merkels "Wir schaffen das" – es hat Europa ungewollt zur Festung gemacht und Griechenland zu einem Slum. Erstmals zahlt die EU nun Millionen von Euro an humanitärer Hilfen innerhalb seiner eigenen Grenzen. (New York Times)

Merkel wollte das nicht, sie wollte ein geeintes Europa mit offenen Grenzen. Doch der Rest der Union wollte der Vision aus Berlin nicht folgen. "Wir schaffen das" war nie nur an die Deutschen gerichtet, es war auch ein "Yes, we Can" an alle Europäer. Allein, Merkel ist kein Obama, das Visionäre bei ihr war ungewohnt – und Europa fühlte sich von so viel deutschen Großmut nicht angesprochen.

Dabei hat Merkel ja recht:

Unser wohlhabender Kontinent von 510 Millionen Einwohnern kann locker, drei, vier, fünf Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Finanziell wie gesellschaftlich; der Gedanke Europa ist zu groß und zu lang gewachsen, als dass er vor einer "islamischen Invasion" wie ein Soufflé in sich zusammen fallen würde. Noch dazu wollen die aus dem Nahen Osten zu uns Kommenden ja gar keinen Kulturkampf – egal, wie oft die Besorgten in der EU immer wieder davor warnen. Flüchtlinge wollen einfach nur Sicherheit.

"Danke für die überwältigende und tatsächlich bewegende Welle spontaner Hilfsbereitschaft, die wir in diesem Jahr erlebt...

Posted by Angela Merkel on Donnerstag, 31. Dezember 2015


Am Montag treffen sich die Staaten zu einem EU-Sondergipfel, mal wieder soll eine Lösung gefunden werden für das, was uns zu zerreißen droht. Auch wenn Berlin mittlerweile von der geschlossenen Balkanroute profitiert (Wenn die anderen EU-Länder den Buhmann spielen, kann sich Deutschland ohne schlechtes Gewissen ob der ausbleibenden Flüchtlinge ausatmen), Merkel täte gut daran, an ihrer Vision festzuhalten und Europa zu einer gemeinsamen Lösung zu drängen.

Und wir Bürger täten mit Blick auf Deutschland gut daran, ihr zu folgen. Denn an Menschlichkeit wird weder die EU noch Deutschland zugrunde gehen.

Aber am Fehlen von Menschlichkeit.

Politiker sind keine Moderatoren, die uns durch unseren Alltag führen wie ein Showmaster durch das Samstagsabendprogramm. Sie sind im besten Sinne Vordenker, Politik stellt die Weichen, die Gesellschaft aber formen wir. Es ist gut, an etwas zu glauben – aber es ist etwas völlig anderes, es zu erwarten. Wir dürfen nicht erwarten, dass jemand die Flüchtlingsfrage für uns löst. Aber wir müssen daran glauben, dass wir sie gemeinsam wuppen.

Nichts anderes bedeutet dieser schlichte eine Satz von Merkel.