Wer ist diese Frau?

Ein Montagabend in Hamburg, es hat Minusgrade, aber Marie-Thérèse Kaiser kann jetzt nicht fehlen. Sie hat ihr Gesicht in einem weißen Schal vergraben und presst ihre Arme an die Seiten. 

Sie zückt ihr Handy und filmt. Marie-Thérèse nimmt an der mittlerweile siebten "Merkel muss weg"-Demo vor dem Hamburger Dammtor-Bahnhof teil. Seit Februar treffen sich hier montags Demonstranten, sie sind mit der Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht einverstanden. Marie-Thérèse ist eine der jüngsten in der Gruppe, um sie herum stehen vor allem ältere Männer. Viele von ihnen tragen dicke Jacken in Tarnfarben.

Die Demonstranten sagen über sich, sie seien besorgte Bürger, sie hätten einfach nur genug von Merkel. Der Hamburger Verfassungsschutz sagt, auch Rechtsextreme würden die Demonstration organisieren. Einige der Organisatoren der Demo würden dem rechtsextremen Türsteher- und Hooligan-Milieu entstammen. Auch die "nicht-extremistischen Teilnehmer" der Demo wüssten, mit wem sie da demonstrierten: "Jeder, der da hingeht, muss wissen: Er macht mit Rechtsextremisten gemeinsame Sache." (VerfassungsschutzHamburg1)

Und Marie-Thérèse? Sie störe bloß, wie Merkel das Bildungssystem heruntergewirtschaftet habe, sagt sie.

Die 21-Jährige wohnt nahe Bremen bei ihren Eltern und studiert in Hamburg Luxusmarken-Management. Nebenbei arbeitet sie als Model. Auf Instagram und Facebook teilt sie Bilder ihrer Shootings oder Artikel über ihren Auftritt in einer RTL-Datingshow.

So präsentiert sich Marie-Thérèse, das Model:

Auf ihrem Twitter-Kanal präsentiert sie sich anders: Dort teilt sie Artikel des rechten Magazins "Compact", stellt sich auf die Seite der rechtsextremen Identitären und wirbt für Inhalte der AfD. In ihrer Twitter-Biografie weist sich Marie-Thérèse selbst als AfD-Mitglied aus und teilt Inhalte wie diese:

In rechten Kreisen ist Marie-Thérèse zu einer Art Vorzeige-Demonstrantin geworden – sie ist das bürgerliche Gesicht, das die fremdenfeindliche Fratze der Rechtsextremen verdeckt.

Ob rechte Strategen Marie-Thérèse bewusst in den Vordergrund schieben, ist nicht klar. Das wäre aber nicht neu: Rechte und Rechtsextreme präsentieren gern Frauen, weil sie mit dem Klischee des dumpfen Rechtsextremen brechen, als sanfter gelten. So werden bürgerliche Menschen mit radikalen Ideen erreicht. (bpb)

Marie-Thérèse wird auf Blogs zitiert oder schreibt selbst Gastbeiträge über ihre Demo-Erfahrungen, von den "Merkel muss weg"-Veranstaltungen in Hamburg berichtet sie regelmäßig live; dabei drückt sie sich gewählt aus. Wer rechtfertigen will, dass er mit Rechtsextremen demonstriert, kann auf Marie-Thérèse verweisen. Sie unterscheidet sich von den vielen anderen Demoteilnehmern. Rund 200 kommen laut Polizei jede Woche. Auch am vergangenen Montag tragen sie wieder "Merkel muss weg"-Schilder, jemand hat ein AfD-Plakat mitgebracht, viele hüllen sich in Deutschlandfahnen.

An dem Abend tritt Matthias Matussek auf, der bislang bekannteste Redner. Der Schriftsteller hat früher für SPIEGEL und "Welt" gearbeitet, heute schreibt er für rechte Blogs, mehrmals wurde ihm Homophobie und Islamfeindlichkeit vorgeworfen. Jetzt steht er auf zwei zusammengebundenen Bierkästen und ruft Parolen ins Mikro: "Über zwei Millionen junge muslimische Bodybuilder" würden "das Land fluten". An den Tafeln würden sie "im Nahkampf" Rentnerinnen und Bedürftige erledigen.

(Bild: Marc Röhlig)

Jemand im Publikum ruft "Widerstand", schnell stimmen alle ein. Auch Marie-Thérèse. Sie brüllt es nicht, sie bewegt nur sacht ihre Lippen. 

Jeder dürfe hier seine Meinung sagen, behauptet Marie-Thérèse, und das, was sie bislang gehört habe, sei weder rechts noch verfassungsfeindlich. Sie sagt: "Ich bin natürlich gegen jede nationalsozialistische Aussage, davon distanziere ich mich ganz klar."

Die Einordnung des Verfassungsschutzes verdrängt sie. Auch den Vorwurf, sie gebe der rechtsextremen Demo ein bürgerliches Gesicht, weist sie zurück. "Ich lasse mich von niemandem instrumentalisieren, sondern vertrete lediglich meine ureigenen Interessen." Sie lasse sich nicht zensieren oder einschränken.

Das rechte Magazin "Compact" stellt sie in der jüngsten Ausgabe als "Schöne des Monats" vor – die lieber in der Kälte demonstriere, als "bei Kaviar und Champagner mit der Hautevolee" zu dinieren. Das Model bezeichnet das Porträt als "Ehre":

Rund 900 Demonstranten stellen sich ihr und den anderen Rechten entgegen, darunter laut Verfassungsschutz auch Linksextreme. Einige hatten vorab Pyrotechnik gezündet und den Verkehr am Dammtor-Bahnhof lahmgelegt. Ihre Sprechchöre sind drüben bei der "Merkel muss weg"-Demo nicht zu hören.

Dort achten die Veranstalter genau darauf, wer ans Mikro darf und welche Bilder von der Demo gezeigt werden. Wer mit Verschwörungstheorien anfängt, wird von den Bierkästen gezerrt, wer Fotos von den Ordnern machen will, die Marie-Thérèse umringen, wird mit großen schwarzen Taschenlampen geblendet.

Laut Verfassungsschutz sind es diese breit gebauten Männer, die die Montagsdemos bestimmen. Der frühere Hamburger NPD-Chef Torben Klebe und Mitglieder der mittlerweile verbotenen und militanten rechtsextremen "Blood & Honour"-Gruppierung waren bereits bei den Montagsdemos. Auch Reichsbürger sollen aufgetreten sein. 

Zumindest die Reichsbürger findet Marie-Thérèse nicht weiter bedenklich: Mit Reichsbürgern, die die Existenz des deutschen Staates bestreiten, habe sie kein Problem. Solange diese ihre Aussagen für sich behielten, "dürfen sie gerne Seite an Seite mit mir demonstrieren".

Die Rechtsextremen werden solche Sätze gerne hören.

Korrektur: Marie-Thérèse ist 21 Jahre alt. Im Artikel hatten wir zuerst 23 geschrieben.


Gerechtigkeit

Carles Puigdemont sitzt in deutschem Knast – wie es jetzt weitergeht
Ihm droht eine lange Haftstrafe.

Am Freitag erließ die spanische Justiz den neuen europäischen Haftbefehl, zwei Tage später folgte die Verhaftung. Der katalanische Separatistenführer Carles Puigdemont ist am Sonntagvormittag in Deutschland festgenommen worden. (bento)

Wie gehen die deutschen Behörden nun mit ihm um, und was droht Puigdemont bei einer Auslieferung in Spanien? Die die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wo wurde Carles Puigdemont festgenommen?

Wenige Kilometer hinter der deutsch-dänischen Grenze, auf einer Raststätte nahe der deutschen Autobahnabfahrt Schleswig-Schuby. Puigdemont war auf der Autobahn 7 in Richtung Hamburg unterwegs, er wollte laut seinem Anwalt Jaume Alonso-Cuevillas von Helsinki über Dänemark zu seinem derzeitigen Wohnort Waterloo in Belgien reisen.

In Belgien hatte Puigdemont sich seit Ende Oktober aufgehalten, um sich dem Zugriff der spanischen Behörden zu entziehen. Nach Finnland war er gereist, um an einer Konferenz an der Uni in Helsinki teilzunehmen und finnische Abgeordnete zu treffen.

Wo ist Puigdemont jetzt?

Derzeit befindet sich der Ex-Präsident der Katalanen in Polizeigewahrsam in einer Justizvollzugsanstalt in Neumünster. Wie ein Sprecher des Kieler Landeskriminalamts gegenüber dem SPIEGEL erklärte, übernimmt die Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig die Federführung des Verfahrens in Deutschland.