Bild: dpa / Michael Kappeler
Endlich doch noch ein packender Auftritt.

Angela Merkel hat am Mittwochabend bei Anne Will ihren bisher stärksten Auftritt in der Flüchtlingskrise absolviert, vielleicht sogar den bisher stärksten Auftritt ihrer Kanzlerschaft. (Man ist ja schon für wenig dankbar.) Mit deutlichen Worten verteidigte sie ihren Kurs: "Wir schaffen das." Die kritischen Nachfragen von Anne Will schienen sie noch zu bestärken.

1. Merkel gibt sich entschlossen

Der erste Einspielfilm. Dramatische Musik. Viele Flüchtlinge. Jemand sagt: "Too much people." Ist das Land nicht überfordert? Merkel: "Ich habe einen Plan." Der Krieg in Syrien sei das Problem, die Verteilung der Flüchtlinge in der Europäischen Union, außerdem die nicht gesicherten Außengrenzen.

2. Willkommenskultur statt Abschreckung

"Deutschland ist auch ein Land, das Flüchtlinge freundlich empfängt", sagt Merkel. "Ich möchte mich nicht beteiligen an einem Wettbewerb 'Wer ist am unfreundlichsten zu den Flüchtlingen', und dann werden sie schon nicht kommen." Dafür gibt's Applaus. Grenzen dicht sei keine Lösung. Selbst wenn man einen Zaun bauen würde. "Das wird nicht klappen. Es gibt den Aufnahmestopp nicht."

3. Mehr Menschlichkeit wagen

Anne Will möchte von Merkel wissen, ob sie ihre Kanzlerschaft an die Flüchtlingskrise knüpft: Entweder ihr helft mir, ihr wollt die Politik des freundlichen Gesichts, oder ich bin nicht mehr eure Kanzlerin? Merkel spricht von den Helfern, von Geflüchteten ohne Essen, ohne Schlafplatz: "Das zeichnet uns doch aus, dass uns das nicht egal ist!"

4. Ein Selfie macht noch keinen Flüchtling

Anne Will zeigt ein Selfie, Merkel mit Flüchtling. Hat sie die Flüchtlinge nach Deutschland gerufen? Merkel ist fast schon belustigt: Sie glauben doch nicht, dass Menschen nur wegen eines Selfies ihre Koffer packen und eine lebensgefährliche Flucht auf sich nehmen, sagt sie.

5. Nur keine Zahlen

"Kennen sie eine genaue Zahl, oder gehört das in die Unordnung herein, dass sie gar nicht wissen, wie viele da noch kommen?", fragt Anne Will. Merkel will die Frage nicht beantworten. "Das ist im Moment nicht richtig möglich, da Zahlen verlässlich zu nutzen."

5. Kein Herz für Wirtschaftsflüchtlinge

Erinnerung an den Juni, an Merkels unglücklichen Auftritt mit einer weinenden Geflüchteten. "Es werden die Schutz bekommen, die Schutz brauchen." Andere sollen zurückgeschickt werden. "Wer aus rein wirtschaftlichem Grund kommt, muss zurück nach Hause", sagt Merkel.

6. Der Schleier des Vergessens

War es nicht deutsche Politik, die Flüchtlingsfrage auf andere Länder abzuschieben? An die Grenzen Europas, nicht an die Grenzen Deutschlands? Darauf will sich Merkel nicht einlassen. Sie lenkt ab. Was sie will: Mehr Geld für Entwicklungspolitik. Nicht überall auf der Welt Geld ausgeben, sondern erstmal dort, wo Flüchtlinge herkommen.

7. Hallo, Stammtisch!

Merkel zitiert eine Studie, nach der 70 Prozent der syrischen Flüchtlinge zurück in die Heimat wollen. Aufenthaltstitel für drei Jahre, danach genau ansehen: Besteht der Fluchtgrund noch? Das wirkt wie eine Beschwichtigung an den Stammtisch: Die Flüchtlinge gehen größtenteils schon wieder.

8. Der Innenminister bleibt vorerst

Thomas de Maizière hat bisher in der Flüchtlingskrise eine schlechte Figur gemacht, aktuell entreißt das Kanzleramt ihm die Verantwortung. Aber entlassen will Merkel ihn nicht. Anne Will fragt nach, fragt nochmal, fragt erneut: Merkel hält zu ihm. Sie spricht ihm auch nicht ihr Vertrauen aus, was für einen Minister das klare Ende bedeuten würde. Vielleicht wartet sie erst noch ab, ob sie Ursula von der Leyen in Sachen Doktortitel verliert.

9. Seehofer nervt

Im zweiten Einspielfilm sagt der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, dass es nicht weiter geht mit den vielen Flüchtlingen. In immer neuen Variationen. Abschottungsrhetorik. Nervt Merkel die CSU nicht? Darauf fällt sie natürlich nicht herein. "Nerven, das ist keine Kategorie. Wir sind ein freies Land." Kein schlechtes Wort über Seehofer, der doch Tag und Nacht arbeite.

Wir haben einen Vorschlag, wo mehr Geld für Flüchtlinge zu holen ist: eine höhere Erbschaftssteuer für Superreiche.

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