Veranstalter kündigen nach Konfrontation mit neuen Vorwürfen umfassende Überprüfung an.

Es sollen nicht irgendwelche Fremden gewesen sein, die den Security-Mitarbeiter Hamudi D. auf dem Splash-Festival als "Kanacke", "Fotze" und "Scheiß Ausländer" beschimpften. Sondern zwei seiner Kollegen. 

Alle drei arbeiteten vergangene Woche auf dem Festival als Security-Kräfte. So erinnert sich Hamudi, 31. Als er den beiden Männern später auf dem Ferropolis-Gelände am Rande eines gefluteten Tagebaus, nördlich von Leipzig, erneut begegnete, hätten sie ihn wieder beschimpft und gedroht: "Wir pissen euch in die Zelte." 

Doch nachdem sich Hamudi und einige seiner Kollegen schließlich über die rassistischen Sprüche bei André H., dem zuständigen Bereichsleiter der Security-Firma Japo, beschwerten, sagte der nach übereinstimmenden Aussagen von Hamudi und Kollegen, dass er die Aufregung nicht verstehen könne. Die Thor-Steinar-Kleidung der mutmaßlich rechten Pöbler trage er selbst auch gerne. Sie sei unpolitisch. Und die Sache sei doch wohl eher eine Privatangelegenheit. 

Der Bereichsleiter will lediglich darauf hingewiesen haben, einmal eine Hose einer Marke gekauft zu haben, von der er nicht wusste, dass sie der rechtsradikalen Szene zugerechnet werde und das Logo entfernt zu haben, als er dies erfahren habe.

Von einer privaten Angelegenheit kann inzwischen so oder so kaum noch die Rede sein. 

Der geschilderte Vorfall ist nicht der einzige, bei dem rechte Sprüche und unangemessenes Verhalten von Festival-Mitarbeitern eine Rolle spielen. 

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher beschwerten sich in den vergangenen Tagen (Hiphop.de). Auch andere Medien berichteten bereits über Hamudis Geschichte (Taz). Nachdem bento die Splash-Veranstalter mit weiteren Vorwürfen konfrontrierte, räumen sie inzwischen größere Probleme und sogar ein "düsteres Bild über Dienstleister, mit denen wir zusammengearbeitet haben" ein.

Auf dem Melt-Festival dürften an diesem Wochenende dennoch die gleichen Sicherheitdienste gearbeitet haben. Doch von vorn.

Ordner am Bühnenrand beim "Splash" 2018.

(Bild: Alexander Prautzsch/dpa)

Das Melt findet traditionell genau eine Woche nach dem Splash am selben Ort statt. Beide Veranstaltungen werden vom gleichen Unternehmen, der Goodlive Festival AG, veranstaltet. Viele Mitwirkende bleiben nach dem Splash gleich für das Melt auf dem Gelände, um beim Auf- und Abbau zu helfen und bei beiden Festivals Geld zu verdienen. Nur Hamudi und viele seiner Kollegen waren nach den Ereignissen auf dem Splash nicht mehr dabei. 

Sein Arbeitgeber, einer der Sub-Unternehmer von Japo, erhielt kurzfristig weniger Aufträge für das Melt. Von Konsequenzen für die Firma der mutmaßlichen Pöbler ist dagegen nichts bekannt, wenngleich der betreffende Mitarbeiter nicht mehr eingesetzt werde. Wie kann das sein? Wenn man den Aussagen verschiedener Festival-Mitarbeiter glaubt, hatte dieser Umgang mit rechten Vorfällen auf dem Festival-Gelände offenbar System. 

Übereinstimmende Berichte von sechs Personen, die auf dem Splash- und auf dem Melt-Festival gearbeitet und mit bento gesprochen haben, zeigen, dass es noch weitaus mehr Vorwürfe wegen rechter Mitarbeiter gibt. Seit Jahren sollen die Verantwortlichen davon gewusst haben.

Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht das Unternehmen Japo aus Chemnitz. Es organisiert für die Veranstalterfirma Goodlive vieles, was für ein funktionierendes Festival wichtig ist: Security-Personal, Absperrgitter, Technik und Logistik. Vor allem für die Sicherheit werden jedes Jahr zahlreiche kleinere Subunternehmen beauftragt. 

Aus einem dieser Subunternehmen kommen auch die Männer, die Hamudi rassistisch beleidigt und bedroht haben sollen. Hamudi und seine Kollegen arbeiteten wiederum für eine andere Security-Firma, ebenfalls ein langjähriges Subunternehmen von Japo. In diesem System arbeiteten die Firmen in den vergangenen Jahren nicht nur beim Splash und dem Melt zusammen, sondern auch beim Lollapalooza in Berlin. 

Japo hat eine große Verantwortung – und viel Einfluss, wie selbst die Veranstalter einräumen. Das Unternehmen muss dafür sorgen, dass genügend Personal, etwa 300 Security-Kräfte, auf dem Melt und dem Splash dabei ist. Es gibt zwei Unternehmem mit dem Namen Japo, ein Veranstaltungsunternehmen und eines für Sicherheit. Beide haben dieselbe Adresse. Das Sicherheitsunternehmen hat jedoch seit über einem Jahr ihre Homepage nicht aktualisiert und das Veranstaltungsunternehmen sagt, es sei nicht verantwortlich, auch wenn es die Festivals auf der Firmenseite nennen. Die Veranstalter wiederum teilen über einen Sprecher mit, sie würden nur ein Unternehmen kennen und das sei bislang eben sehr aktiv und auch wichtig gewesen: "Die Japo". 

Klar ist: Das Unternehmen hat die Möglichkeit, Abläufe zu beeinflussen und mitzubestimmen, wie mit Problemen auf dem Gelände, beispielsweise mit offen rechtsradikalen Ordnern, umgegangen wird. Doch entlässt das Goodlive aus der Verantwortung?

In einer Stellungnahme des Veranstalters, die bento vorliegt, ist von einem "zentralen systemimmanenten Problem" die Rede.

Weitere Dokumente, die bento vorliegen, zeigen, dass nach dem gemeldeten Übergriff auf Hamudi viele seiner Kollegen kurzfristig keinen Anschluss-Job auf dem Melt mehr erhielten. Die meisten Kollegen sollen davon erst am Mittwochmorgen erfahren haben – etwa zwei Tage vor Beginn des Melt-Festivals. Anders als in den vergangenen Jahren seien diesmal nur vier statt etwa 20 Personen in den Dienstplan eingetragen worden, berichtet ein Betroffener. 

Auch Hamudi erhielt keinen Job mehr. Japo teilte mit, dass es nicht der Wahrheit entspreche, dass Coalition wegen der Meldung eines Problems mit einem anderen Mitarbeiter nicht mehr eingesetzt werde. Coalition ist weiterhin für Japo im Einsatz, die geringere Mannstärke erkläre sich durch eine geringere Auslastung des Melt-Festivals und dadurch, dass ein anderer häufig beauftragter Unternehmer beim Melt!-Festival wieder Kapazitäten gehabt habe.

Melt und Splash finden seit Jahren in Ferropolis, dem Gelände eines ehemaligen Tagebaus, nördlich von Leipzig, statt.

(Bild: Jan Woitas/dpa)

Für die Kollegen von Hamudi ist es nicht der erste Fall, in dem rechtes Personal für Probleme auf dem Gelände gesorgt habe. So sei praktisch jährlich Security-Personal wegen rechter Äußerungen oder Erkennungszeichen nach Hause geschickt worden, erinnern sich Hamudis Kollegen und Mitarbeiter einer weiteren Firma. Auch im Crew-Bereich habe es mehrfach Zwischenfälle mit rechten Securitys gegeben. Vom "Fascho-Camp" sei die Rede, von verfassungsfeindlichen Tätowierungen verschiedener Security-Männer aus der Region und von rassistischen Pöbeleien unter Kollegen verschiedener Subunternehmen.

Vor zwei Jahren sollen rechte Securitys einem schwarzen Mitarbeiter einer anderen Firma das Auto direkt vors Zelt geparkt und anschließend laut Rechtsrock abgespielt haben. 

Als Verantwortliche von Japo schließlich reagiert und eingeschritten seien, sei es nur um die Lautstärke, nicht aber den Inhalt der Musik gegangen. So berichten es mehrere Personen, die vor Ort waren. Japo teilt mit, dass ihnen ein solcher Vorfall nicht bekannt ist. Auf Anfrage konnte auch die andere Firma dazu keine Angaben machen, eine solche Mitteilung habe man von seinen Mitarbeitern nicht erhalten.

Ein junger Mann, ebenfalls ein Security-Kollege von Hamudi, berichtet von einem weiteren Vorfall. 2015, als fast täglich über Geflüchtete berichtet wurde und viele Menschen helfen wollten, sei es ihm und weiteren Kollegen auf dem Ferropolis-Gelände von Japo-Mitarbeitern verboten worden, Kleidung mit dem Aufdruck "Refugees welcome" zu tragen. "Wir mussten die T-Shirts ausziehen, da sie zu politisch seien." Japo bestreitet dies auf Anfrage, es sei lediglich verlangt worden, als oberstes Kleidungsstück die Dienstweste zu tragen, welche eine eindeutige Kennzeichnung der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes ist.  

Die Vorwürfe beschränken sich auch nicht allein auf das Melt- und Splash-Festival. Auf dem ebenfalls von Japo mitorganisierten "Full Force"-Festival am selben Ort habe es ähnliche Vorfälle und Beschwerden gegeben. Zwei Security-Mitarbeiter, die 2014 vor Ort waren, berichten davon. Von welchem Unternehmen die beschuldigten Mitarbeiter damals stammten, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen. Klar ist, dass auch hier Japo für das Personal mitverantwortlich war, so steht es auf der eigenen Unternehmens-Homepage.

Als einem Ordner mit Thor-Steinar-Bauchtasche auferlegt worden sei, diese auszuziehen, habe man den Kollegen, von dem die Beschwerde kam, kurz darauf gezwungen, selbst ein – angeblich unpolitisches – Tattoo abzukleben. Aus Schikane und falsch verstandener Balance, vermuten beide Männer. Japo äußert sich auf Nachfrage bislang nicht zu den Vorwürfen.

Tatsächlich zeigen weitere Gespräche, dass die wiederholten Vorfälle mit rechten oder rechtsradikalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kaum unbekannt geblieben sein können.

Ein ehemaliger Verantwortlicher, der nicht namentlich zitiert werden will, erzählt am Telefon davon, dass er das Thema mehrere Jahre lang immer wieder gegenüber Japo und dem Veranstalter angesprochen habe. Als nichts passiert sei, habe er sich schließlich von den Festivals in Ferropolis zurückgezogen. Die geschilderten Vorfälle liegen mehr als fünf Jahre zurück.

Sein ehemaliger Mitarbeiter, der den Aufgabenbereich unter der Aufsicht von Japo übernommen hat, bestätigt seine Schilderungen im Wesentlichen.

(Bild: Sophia Kembowski/dpa)

Fast alle Gesprächspartner sagen, dass es für die Festivals Splash und Melt grundsätzlich schwer sei, geeignetes Security-Personal zu finden. Die Schichten auf dem Ferropolis-Gelände gehen oft 12 Stunden, quer durch Tag und Nacht. Der Lohn sei dafür eher gering, meinen viele, nur wenige Euro über Mindestlohn.

"Es ist außerdem eine Region, bei der jeder fünfte AfD wählt. Die netten, süßen Kids hauen ab, die Muskelberge bleiben", sagt der Geschäftsführer einer beteiligten Sicherheitsfirma, die aus Berlin kommt. 

„Ich hole meine Leute extra 500 Kilometer her, damit ich mich auf sie verlassen kann.“
Geschäftsführer einer beteiligten Sicherheitsfirma

Sachsen-Anhalt, wo das Melt und das Splash stattfinden, ist bis heute das Bundesland mit dem höchsten AfD-Ergebnis bei einer Landtagswahl. Schon 2016 wählten hier knapp 25 Prozent die rechte Partei. Im nahegelegen Sachsen werden im Herbst ähnliche Ergebnisse erwartet, seit Jahren gibt es eine starke rechte Szene, auch im Kampfsport- und Security-Milieu (Zeit). 

Auch bei Goodlive, den Veranstaltern der beiden Festivals, scheint man das Problem inzwischen wahrzunehmen. 

Nachdem bento die Veranstalter am Samstag mit den weiteren Vorwürfen konfrontiert hat, veröffentlicht das Unternehmen am Montag, einen Tag nach dem Melt, erneut eine Stellungnahme. 

"Die aktuellen neuen Erkenntnisse vermitteln ein düsteres Bild über Dienstleister, mit denen wir zusammengearbeitet haben", heißt es. Man sei "persönlich schockiert und erschüttert". Weiter schreibt Goodlive: "Es ist uns nicht gelungen, unhaltbare Missstände grundlegend zu beseitigen."

Und dann: 

„"Damit sich solche Vorfälle in Zukunft nicht wiederholen, haben wir es uns mit sofortiger Wirkung zur Aufgabe gemacht, die Uhren auf Null zu stellen."“
Stellungnahme der Melt- und Splash-Veranstalter

Künftig sollen alle Dienstleister auf dem Melt- und Splash-Gelände "explixit" und "mit absoluter Genauigkeit" unter die Lupe genommen werden. Was das heißt und wie das gehen soll, geht aus der drastischen Erklärung nicht hervor. 

Wie es in unmittelbarer Zukunft aber weitergeht, ist jetzt schon klar. Auf dem Lollapalooza in Berlin, das Goodlive Anfang September ausrichtet, wird das vielkritisierte Security-Unternehmen Japo in diesem Jahr erstmals nicht mehr dabei sein. Die Entscheidung dazu ist schon vor langer Zeit gefällt worden, ohne Zusammenhang zu den beschriebenen Vorfällen. 

*Aus Angst um ihre Jobs wollten die Sicherheitskräfte, mit denen bento gesprochen hat, anonym bleiben, Namen und Positionen sind der Redaktion bekannt.

Anmerkung: Japo hat nach Veröffentlichung des Textes eine Stellungnahme veröffentlicht, die dann berücksichtigt wurde. In dieser (Link) heißt es weiter: "Ja, es gab in der Vergangenheit und auch bei diesjährigen Festivals, welche durch uns betreut wurden Vorkommnisse/Auffälligkeiten innerhalb des über Subunternehmer gebuchten Personals." Gegen gemeldete Vorfälle mit rassistischem oder rechtem Hintergrund gehe man jedoch aktiv vor und dulde keine Diskriminierung: "Derartiges werden wir weder tolerieren noch dazu schweigen."

 


 [JU1]https://www.japo-security.de/infusions/news/news.php?readmore=6


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