Der kalkulierte Shitstorm des YouTubers Inscope

Ein deutscher YouTuber isst einen Babydelfin. Das behauptet er zumindest. Inscope21 zeigt am Montag in seiner Instagram-Story erst das tote Tier im Ganzen und tut dann so, als würde er es zubereiten und essen: "auf extremer Gönner-Basis". 

Kurz darauf bricht der Shitstorm los. In den Kommentaren unter Inscopes Instagram-Posts und auf Twitter wird er mit Nazibegriffen ("Untermensch", "abartig") bezeichnet, sowie als "kranker Vollidiot". User wünschen ihm eine Fischvergiftung oder sogar den Tod. 

Inscope kommt aus Stuttgart und heißt eigentlich Nicolas Lazaridis. Bekannt wurde er durch Videospiel-Streams und Videos zu Muskelaufbau. Er hat knapp 3 Millionen Abonnenten auf seinen beiden YouTube-Kanälen und 1,6 Millionen Follower bei Instagram. 

Nach dem Delfin-Video werden andere YouTuber von ihren Fans aufgefordert, sich zu Inscopes Aktion zu äußern. Das tut zum Beispiel der vegane YouTuber Simon Unge. Er ist zunächst auch geschockt, vermutet aber gleich einen Fake dahinter: "Inscope ist schon wirklich heftig hängengeblieben, aber das würde er niemals machen."

Unge hat recht. Einen Tag später löst Inscope die Aktion mit einem weiteren Video auf. 

Der Babydelfin war aus Silikon und kam aus dem 3D-Drucker. Im Video zeigt Inscope die Herstellung der Attrappe. 

Er sagt auch, dass das Ganze nicht einfach ein "Prank" gewesen sei. Er habe auf Beifang aufmerksam machen wollen, also Tiere, die in der kommerziellen Fischerei mitgefangen werden, obwohl sie gar nicht das Ziel sind. Laut "WWF" ertrinken jährlich 300.000 Wale, Delfine und Tümmler in Fischernetzen. Davon seien auch Babydelfine betroffen.

Inscopes Plan geht auf: Weniger als 24 Stunden nach Veröffentlichung steht das Auflösungs-Video ganz oben in den YouTube-Trends und wurde schon über 1,2 Millionen mal aufgerufen. 

Die Aktion war nicht Inscopes Idee. Dahinter stecken der Lebensmittelhändler Followfood, der sich für nachhaltigen Fischfang einsetzt, und eine Werbeagentur.

Man habe Absagen von mehreren anderen YouTubern erhalten, bevor Inscope zugesagt habe, sagt Followfood-Mitgründer Jürg Knoll auf bento-Anfrage. Der YouTuber sei für die Aktion bezahlt worden, eine Summe möchte Knoll nicht nennen.

Man habe sich entschieden, "die Kraft des Shitstorms zu nutzen", sagt der Followfood-Chef. Diese Kraft war so gewaltig, dass die Aktion früher aufgelöst wurde als eigentlich geplant.

Aber wieso entlud sich überhaupt so eine große Wut über das Verspeisen des Babydelfins? Kamen die Hassnachrichten nur von Veganerinnen und Veganern? 

Inscope bedankt sich für den Shitstorm, weil er die Wut nachvollziehen kann. Er mahnt aber auch an, den eigenen Fleischkonsum zu hinterfragen: "Wie oft liegt bei euch zuhause ein Babyschwein oder eine Babykuh auf dem Tisch?"

Einer, der nach eigenen Angaben "komplett ausgerastet" ist, ist ein Sponsor von Inscope. Matthias Clemens, Chef des Sportnahrungsherstellers Zec+,  erzählt in einem Video, dass er nicht in die Aktion eingeweiht gewesen sei. Wäre das Video echt gewesen, hätte er Inscope rausgeworfen, sagt er. "Wir lieben alle Tiere. Ich hab diesen Babydelfin gesehen, mein Herz ist gestorben." Erst ein Anruf bei Inscope und der Hinweis darauf, dass die Aktion nicht echt und für den guten Zweck sei, habe ihn beruhigen können. 

Zum Schluss sagt er an Inscope und seine Crew gerichtet: "Dafür nächstes Mal Steak auf euren Nacken, für den Schrecken."

Warum ist das Steak von der Kuh okay, das vom Delfin aber ein Kündigungsgrund? 

"Es gibt eine Vorstellung davon, was richtiges und was falsches Essen ist", sagt Eva-Maria Endres. Sie ist Ernährungswissenschaftlerin und hat unter anderem zur Rolle von Ernährung in sozialen Medien geforscht. Diese Standards seien kulturell gewachsen: "Das hat nichts mit Logik zu tun". In anderen Kulturen ist es zum Beispiel normal, Hunde oder Insekten zu essen.

Die heftigen Reaktionen auf die Aktion überraschen Eva-Maria nicht. Essen sei, gerade in sozialen Medien, ein sehr emotionales Thema, weil jeder mitreden könne. Ernährung sei ein wichtiger Indikator dafür, wie jemand sich selbst moralisch verortet. Deshalb rufe ein vemeintliches Abweichen von dieser Moral wie das Essen eines Babydelfins heftige Reaktionen hervor. User würden damit klarstellen wollen: "Wir sind auf der guten Seite!"

Insgesamt hält Eva-Maria die Aktion für gelungen. Vielleicht könne das Video Menschen dabei helfen, Routinen zu hinterfragen und sich daraus zu lösen. An einen nachhaltigen Effekt glaubt sie aber nicht. "Man könnte die Schockreaktion mit immer wieder auftretenden Lebensmittelskandalen wie zum Beispiel BSE vergleichten." Da habe man immer wieder eine kurzfristige Änderung des Konsumverhaltens beobachten können, die sich aber schnell wieder verflüchtigt habe.

Kurzfristig ist die Aktion für Inscope und Followfood jedenfalls ein Erfolg. Erst enorme Reichweite und nach der Auflösung fast ausschließlich positive Reaktionen und Lob. 


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