Bild: Instagram/Cheerupluv
Die Geschichte von Eliza
"Lächel doch mal." 

Es ist ein Satz, den wohl die meisten Frauen schon mal gehört haben. So wie die Fotografin Eliza Hatch, 23. Meistens ignorierte sie ihn einfach. Bis zu diesem einen Tag im Januar: Als sie durch London spazierte und mal wieder ein Mann zu ihr sagte: "Cheer up". Wörtlich bedeutet das "Kopf hoch" – aber gleichzusetzen ist mit dem deutschen: "Lächel doch mal."

Dieses Mal wollte Eliza nicht lächeln. Sie wurde richtig wütend. 

In ihr kamen die Gedanken hoch an all die Situationen, in denen sie diesen Satz schon hören musste. Sie dachte an einige anzügliche Komplimente, die in ihr ein ungutes Gefühl hinterließen. Sie dachte an die Männer, die sie im Bus angestarrt hatten, mit lüsternen Blicken. 

Ich werde anders behandelt, weil ich ein Frau bin. Ich werde als schwächer angesehen, weil ich eine Frau bin.

An die Momente am Arbeitsplatz, an denen sie sich nicht ernst genommen gefühlt hatte, und nicht so recht wusste, wieso. Und Eliza dachte an ihren Schulweg, damals, als sie Angst verspürte, weil ihr jemand folgte. 

Plötzlich wurde ihr klar: "Ich werde anders behandelt, weil ich ein Frau bin. Ich werde als schwächer angesehen, weil ich eine Frau bin." Ein Gedanke, der ihr vorher noch nie so gekommen war. 

Sie fühlte sich aufgewühlt, sprach mit ihren Freundinnen. Auch sie erzählten von Alltagsbelästigung, Belästigung, die wie das "Normalste auf der Welt herüberkommt", sagt es Eliza. Über mehrere Stunden tauschten sie sich aus. "Es ging um unangenehme Blicke, aber auch um ernsthafte Übergriffe." 

Eliza wollte etwas verändern. 

"Nicht die Belästigung allein ist das Problem, sondern die Aufklärung", sagt sie. Es müsse klar werden, welchen Situationen Frauen Tag für Tag ausgesetzt seien. Nur so könnten junge Mädchen lernen, dass Belästigung nie in Ordnung ist. 

Eliza startete den Instagram-Account "Cheer up Luv" – um hier Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Geschichte zu erzählen. 

Und das sind die Geschichten: 
Elaine: Eines morgens war ich im Park joggen und wurde von zwei Männern beobachtet (...). Ich wollte mich gerade dehnen. Sie kamen auf mich zu, einer sagte (...): "Möchtest du jetzt einen Dreier haben?" Ich sagte ihnen, dass sie gehen sollen, und habe mich weiter gedehnt. Sie gingen nicht...
Stattdessen fragten sie: 'Kannst du aufhören dich so runterzubeugen? Das turnt mich total an.'
Gina: Ich war auf einem Festival (...), als mich plötzlich eine Gruppe von Jungs belästigte. Ich sagte sie sollen mich in Ruhe lassen. Einer von ihnen fasste mit seiner Hand zwischen meine Beine, nahm meinen Rock hoch und machte Fotos von meinem Schritt...
Er schickte das Bild an seine Freunde (...). Ich nahm ihm das Handy weg und lief zur Polizei (auf dem Festival-Gelände). (...) Sie sagten, sie könnten nichts tun. Der Junge musste dann das Foto löschen. Ich schämte mich.
Daniell: Ich saß in einem Bus in Kroatien, vier Männer saßen vor mir. Einer setzte sich neben mich und fing an sich zu unterhalten. (...) Er kam immer näher, versuchte, mich zu berühren und zu streicheln...
Er versuchte auch, mit seiner Hand unter meinen Pullover zu fassen. Ich sagte ihm, er solle mich in Ruhe lassen (...).
Emmeline: Es war ein warmer Abend in einer vollen Metro in Paris im Juli. Ich bemerkte, dass mich ein Mann die ganze Zeit anlächelte...
Nach einigen Minuten bemerkte ich, dass er sich dabei einen runterholte. Ich bekam Panik und rannte aus der Bahn.
Gabriella: Ich war 15, als ich auf dem Weg von der Schule nach Hause war (...). Wie immer trug ich meine Schuluniform. Ein Mann warf mir Luftküsse aus seinem Wagen zu. Ich ignorierte ihn, weil ich es eklig fand. Aber er hörte nicht auf...
Als ich mich umdrehte bemerkte ich, dass er angehalten hatte (..) und direkt auf mich zukam. (..) Ich rannte den Hügel runter um nach Hause zu kommen und schaute nicht zurück.
Hannah: Ich ging an einer Männergruppe vorbei, einer griff meinen Arm (...). Ich nahm meine Kopfhörer raus und sah ihn angewidert an. Er fragte: Woher kommst du?....
Ich dachte: "Nicht heute" und ging weiter. Dann sagte sein Freund: "Sie ist eh hässlich."
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Bisher posteten Menschen, vorrangig auf Twitter und Facebook, unter dem Hashtag "metoo" von persönlichen Fällen, in denen sie sexuell belästigt wurden. Die Aktion wurde von der Schauspielerin Alyssa Milano nach dem Skandal rund um den Produzenten Harvey Weinstein gestartet (bento). 

Es ist einfach eine wahnsinnig tolle Community entstanden – die zeigt, dass wir das Schweigen brechen können, das dieses Thema lange dominiert hat.

Nun sammelt Eliza die Geschichten der Frauen auf einem eigenen Account – der deutlich macht, wie viele Menschen außerhalb Hollywoods betroffen sind. Ihre Geschichten handeln von unangenehmen Komplimenten und Blicken, und auch von sexuellem Missbrauch.

Wir haben Eliza gefragt: Glaubst du, dass ein Instagram-Account wirklich ein Mittel gegen sexuelle Belästigung ist?

Ja! Die Bilder sind eine Art Therapie – für mich, aber auch für die Frauen, die ihre Geschichte erzählen. Darüber zu sprechen hilft. Denn in  unserer Gesellschaft war lange kein Platz für dieses Thema. Ich habe das Gefühl, dass die Bilder etwas verändern, auch wenn es nur für den Einzelnen ist. 

Die meisten Frauen, die ich fotografiert habe, kannte ich nicht, aber sie kamen alle zu mir und haben mir ihre Geschichte anvertraut. Es ist einfach eine wahnsinnig tolle Community entstanden – die zeigt, dass wir das Schweigen brechen können, das dieses Thema lange dominiert hat. 

Und wie lautet deine Geschichte?

Ich bin in London aufgewachsen. Schon auf dem Weg zur Schule habe ich mich früher unsicher gefühlt. Zum Beispiel, weil ich in meiner Schuluniform von Männern angestarrt wurde. Und auch, wenn ich heute in der Bahn oder im Bus sitze, werde ich manchmal angestarrt. 

Generell werde ich von der Gesellschaft als schwächer angesehen, weil ich eine Frau bin. Das ist mein Gefühl, das ist das, was ich erlebt habe. Deshalb ist mir dieses Foto-Projekt so wichtig. Junge Mädchen sollen nicht denken, dass Belästigung normal ist. 

Was denkst du über #metoo – und kann diese Bewegung wirklich etwas bewirken? 

Ich denke, #metoo ist eine starke Bewegung. Es ist ein Weg für Frauen und Männer, sich Gehör zu verschaffen, ohne die eigene Geschichte im Detail erzählen zu müssen. 

Die Bewegung schafft den richtigen Grad zwischen Anonymität und Solidarität und zeigt auch, wieviele Menschen heute noch sexuelle Belästigung erleben. Diese Diskussion brodelt schon lange und wir müssen sie weiter führen. 

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Gerechtigkeit

Warum auch Frauen Teil des Sexismus-Problems sind

Es ist eine hitzige und unsortierte Debatte, die wir um das Thema Sexismus führen, seit Frauen vor wenigen Wochen angefangen haben, den Missbrauch von Harvey Weinstein öffentlich zu machen.