Bild: Sandra Steh
Nur 50 Studenten wohnen im Maximilianeum.

Philipp Reiser wohnt in einer WG in Haidhausen, einem Stadtteil von München. Das sagt er zumindest, wenn ihn jemand fragt.

Nur liegt diese WG in einem Prunkbau – dicke, steinerne Mauern, Kameras, Sicherheitspersonal. Reiser lebt mit knapp 50 anderen Bewohnern in Deutschlands exklusivstem Studentenwohnheim: dem Münchner Maximilianeum.

(Bild: Sandra Steh)

Wer in den Hochsicherheitstrakt, hinter die Mauern will, braucht eine weiße Karte. Philipp Reiser, Bayerns bester Abiturient 2011, hat so eine Eintrittskarte in diese ziemlich abgefahrene Welt.

Das Maximilianeum beherbergt nicht nur das exklusive Studentenwohnheim, sondern auch den Bayerischen Landtag. Die Studenten kommen mit dem Rad, die Politiker in ihren Limousinen.

In der Fotostrecke: So sieht es im Maximilianeum aus
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Das Parlament sei nur Untermieter, sagt der Student, "quasi von uns geduldet". Der Münchner grinst, als er die hausinterne Rangordnung klarstellt: "Hausherr und Eigentümer ist bis heute die Studienstiftung, der Landtag kam erst 1949 in das Gebäude."

Diese Zweiteilung merkt man überall: Nähert man sich der politischen Zone des Hauses, markieren rote Teppiche das Hoheitsgebiet der Parlamentarier.

(Bild: Sandra Steh)

Philipp Reiser, 22, hat dunkelblonde Haare und ein blasses Gesicht. Sein türkises Polohemd leuchtet schon aus der Ferne. Sein Zimmer im ersten Stock sieht recht unspektakulär aus, kaum Farbe, wenig Accessoires, keine persönlichen Bilder, dafür Aktenordner an Aktenordner.

Reiser ist gerade erst wieder aus Paris zurück. Da hat der Münchner mit dem 1,0-Abitur mal eben seinen Bachelor im französischen Recht fertig gemacht, der Master sei auf dem besten Wege, sagt er. Seinen VWL-Bachelor hat er schon länger durch, abgeschlossen als Jahrgangsbester an der Uni in München.

Uni sei nicht alles, das Leben sehr viel bunter.
Philipp Reiser

Doch Reiser mag das E-Wort nicht besonders, E wie Elite. Er sagt lieber: "Wenn man mich in ein Seminar oder eine Vorlesung setzt, will ich auch gut sein."

Als Perfektionisten bezeichnet sich der Münchner heute nicht mehr. Uni sei nicht alles, das Leben sehr viel bunter. Das habe er auch in Frankreich gelernt, ausgehen, Spaß haben.

Während der Führung durch das Studentenwohnheim ist Philipp Reiser ganz Gentleman. Draußen sperrt er für die Fotografin den Radweg ab, hält Türen auf. Drinnen grüßt er die Putzfrau und den Koch: "Was gibt es heute Gutes?" Tomatencremesuppe, Saiblingfilet, Falafel und Kaiserschmarrn. Studentenfutter deluxe.

Es passt ins Bild, dass Reiser bei einem Rundgang durch das Maximilianeum kein Gemälde friedlich an der Wand hängen lässt, ohne es in den historischen Kontext einzuordnen.

Erster Halt: Der Bußgang nach Canossa, ein Ölgemälde, fast vier Meter hoch, das nur wenige knarzende Holzdielenschritte von seinem Zimmer entfernt ist.

Reisers Flur erinnert an ein Museum: Bilder neben Wappen, alte, antike und mindestens genauso abgesessene Möbel. "König Maximilian II. von Bayern wollte mit den im Haus verteilten Gemälden den Lauf der Geschichte einfangen", erzählt er.

Maximilian is watching you

Dieser Maximilian starrt einen wirklich auffällig oft an, auch im Fernsehraum schaut er skeptisch Richtung Sofa. Maximilian is watching you. Der dürfe das. Er hat das Studentenheim der Superlative gegründet, 1852.

Das Konzept: Ein Rundumsorglos-Wohnheim für die begabtesten bayerischen Abiturienten – bis 1980 waren damit nur Männer gemeint. Wer nicht kochen, putzen, waschen muss, kann sich mehr seinem Studium widmen. Privilegien, die Reiser und die anderen Maximilianeer, so werden die Bewohner genannt, noch heute genießen.

Auf dem Weg Richtung Speisesaal im Erdgeschoss, geht es an einem anderen Aufenthaltsraum vorbei: dem Mädchenzimmer. Der Geruch von Zigarettenasche hängt in der Luft, ein großes Gemälde ziert die Wand.

"Das ist der einzige Raum, in dem man rauchen darf", sagt Reiser. Der Name "Mädchenzimmer" stammt aus einer Zeit, als nächtliche Zimmerbesuche, also Frauen, strengstens verboten waren.

Was nach Sex, Drugs und Rock'n'Roll klingt, ist hier: Sofa, Schnapsschrank, Flügel. "Bier gibt es hinten im Kühlschrank", sagt Reiser. Alkohol sei ausdrücklich erlaubt. Laut Stiftungsurkunde stehe jedem Bewohner ein Liter Bier pro Tag zu. Maximilian, König von Bayern, Freund des Bieres.

Grund genug, nach den Aufnahmebedingungen und dem WG-Casting zu fragen. Wer nicht aus Bayern oder der linksrheinischen Pfalz kommt und kein 1,0-Abi hat, ist gleich raus. Dieses Kriterium erfüllen jährlich etwa 400 Schüler.

Nach der ersten Hürde folgen zwei weitere. Besonders hart sei die finale Prüfung gewesen, sagt Reiser. Ein einstündiges Gespräch mit zwölf Doktoren und Professoren, ein Bombardement an Fragen, die weit über den Gymnasialstoff hinausgehen. Eine davon: Was ist das häufigste Wort der Iphigenie auf Tauris von Goethe?

Reiser musst jetzt los, es ist kurz vor 13 Uhr. Höchste Zeit für eine weitere Besonderheit des Maximilianeums: das gemeinsame Mittagessen; eine Zeremonie, drei Gänge. Reiser sucht in einem Haufen weißer Serviettentaschen nach seinen Initialen, P und R.

Er wartet, bis der Stiftungsvorstand in der Mitte der U-förmigen Tafel Platz nimmt. Erst jetzt dürfen sich die Stipendiaten setzen, der Reihe nach, symmetrisch. "Nachdem der Vorstand uns einen schönen Nachmittag wünscht, dürfen wir aufstehen", sagt Reiser.

Philipp Reiser wohnt in einer WG in Haidhausen. Das sagt er zumindest, wenn ihn jemand fragt. Er untertreibt.

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