Bild: Adidas/Jung von Matt
Wie sollen Ost und West zueinander finden, wenn die Wende nur noch Werbeträger ist?

Das muss damals eine ziemlich geile Party gewesen sein, im November 1989. Diesen Eindruck bekommt, wer schaut, wie heute – 30 Jahre später – der Mauerfall gefeiert wird. 

Adidas bringt am Jubiläumstag eine "Wendejacke" auf den Markt, die – hihi – gewendet werden kann. Im Videoclip zur doppelten Bomberjacke schaut Sido böse in die Kamera. Es soll nur 500 Stück geben, und auch nur in ausgewählten Läden in Berlin. (Berliner Morgenpost)

Auch H&M feiert den Mauerfall – mit einer eigenen Kollektion. Auf den Shirts und Sweaters steht  "Neunzehnhundert89" oder "East + West – when two became one", Palina Rojinski bewirbt die Teile. Die Erlöse sollen gemeinnützigen Organisationen zugute kommen. (Fashionunited)

Mauer-Maskottchen David Hasselhoff veröffentlicht zum Jubiläum ein Hörbuch, in dem er in einer fiktiven Geschichte erzählt, wie er als popsingender US-Geheimagent in Berlin mitmischte. Und klar, er geht auch wieder auf Tour. "Are you looking for freedom?", fragt er im Tour-Trailer in die Kamera – und stimmt seine berühmte Hymne an.

Der Mauerfall? Ein Happening!

Die Folklore zum Mauerfalljubiläum wirkt auf mich wie der finale, triumphierende Stinkefinger des Kapitalismus: Du wolltest Freiheit? Gönn dir Highend-Fashion im Flagshipstore!

Versteht mich nicht falsch: Die Adidas-Jacke sieht tatsächlich bombe aus, zu "Looking for Freedom" tanze ich gerne und oft ganz ungeniert, und dass H&M die Erlöse seiner 89-Kollektion an Vereine spenden will, die sich gegen Mobbing, Rassismus und Rechtsextremismus stark machen, ist ein gutes Signal. 

Aber das alles hat mit dem 9. November 1989 nichts zu tun. Sondern das:

Das DDR-Regime hat seine Bürgerinnen und Bürger bespitzelt. Die Mauer teilte 28 Jahre lang Deutschland. 

Auf der Seite des DDR-Regimes galt der Schießbefehl: Die Soldaten mussten auf Mitbürger schießen, die fliehen wollten. Mehr als 600 Menschen kamen zwischen 1961 und 1989 bei Fluchtversuchen über die Mauer ums Leben. (Berlin)

Im Herbst 1989 gingen in der DDR mehr und mehr Unzufriedene auf die Straßen. Auf den "Montagsdemos" forderten sie Reisefreiheit, ein Ende der SED-Herrschaft und eine demokratische Neuordnung ihres Heimatstaates. Bald waren es Hunderttausende, bald wurde die Regierung machtlos. Am 8. November schließlich tanzten in Berlin die Menschen aus Ost und West gemeinsam auf der Mauer.

Wenn ich die Bilder von damals heute sehe, fährt mir immer noch ein Schauer über den Rücken. Ich war damals drei Jahre alt, meine älteste Erinnerung ist unser erster Westbesuch. Meine Eltern hatten den Trabi von Oma geliehen, und wir fuhren in der Adventszeit auf den Nürnberger Christkindlesmarkt.

Ich lebe in einem geeinten Deutschland. Und es sind die mutigen Menschen von 1989, denen ich das zu verdanken habe.

Wenn ich nun erlebe, wie die Wende uns als Geschichtskitsch verkauft wird, macht mich das traurig. Ich habe das Gefühl, dass nicht die Geschichte der Einheit erzählt wird – sondern ein Konsummärchen aus dem Westen. 

Mauerfall-Folklore made by Hasselhoff: "Are you looking for freedom?"

(Bild: Audible)

Die Mauer-Kommerzialisierung zeigt mir, dass ostdeutsche Perspektiven kein oder nur ein geringes Gewicht bei der Aufarbeitung von 1989 und den Folgejahren haben. Meine Eltern mussten nach der Wende noch mal neu starten – so ging es den meisten Ostdeutschen. Etwa 80 Prozent haben in den Neunzigerjahren ihren Job vorübergehend oder dauerhaft verloren (Bundeszentrale für politische Bildung). Bei vielen wurden Abschlüsse nicht anerkannt oder abgewertet. Viele fühlen sich seither als Bürger zweiter Klasse.

Als es um die Frage ging, wie die beiden Deutschlands zusammenwachsen können, wollten die meisten Befragten aus der ehemaligen DDR nicht einfach geschluckt werden: 42 Prozent wünschten sich eine eigene Verfassung, 38 Prozent eine neue, gesamtdeutsche Verfassung, und gerade einmal neun Prozent wollten das westdeutsche Grundgesetz übernehmen (SPIEGEL).

Aus West-Sicht war der Mauerfall ein Happy End, aus Ost-Sicht aber ein Uncertain Start. Für viele ist er es immer noch.

Der Historiker Marcus Böick, 35, führt diese Schieflage auf eine "neopatriotische Erfolgs- und Heldenerzählung" des Westens zurück. Als habe der Westen gerufen: Wir haben gewonnen, alles wurde gut, also hört auf zu jammern! Wendejubiläen zahlen in diese Erzählung ein, mit Wendejacken in den Regalen und "trällernden Sängern" auf der Bühne vorm Brandenburger Tor (SPIEGEL). 

In meinen Augen gehört die Friedliche Revolution von 1989 zu den wichtigsten Errungenschaften des jungen Deutschlands. Natürlich sollte sie gewürdigt und gefeiert werden – gerade, damit wir jungen Menschen verstehen, was uns geschenkt wurde. Auch heute gibt es wieder Mauern, in den Köpfen und ganz real. Aus unserer Geschichte können wir fürs Morgen lernen. 

Aber nicht mit Modekollektionen und Popsongs – sondern lieber mit Zeitzeugen, einem ehrlichen Interesse an deutsch-deutschen Perspektiven und mit Formaten, die die Erinnerung gekonnt in unsere Zeit übertragen. 


Fühlen

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