Bild: Masha Sedgwick
Die Modebloggerin sagt: "Wenn wir jetzt nicht laut werden, wann dann?"

Masha Sedgwick ist eine der bekanntesten deutschen Modebloggerinnen. Die 29-Jährige hat allein bei Instagram mehr als 200.000 Follower. Im Podcast "MatchaLatte" spricht Masha normalerweise mit Blogger-Kollegin Lisa Banholzer über ihr Leben und ihren Arbeitsalltag in der Modewelt. Doch in der aktuellen Folge geht es um etwas ganz anderes.

Darin berichten beide von ihren Abtreibungen. Masha hat vor knapp zehn Jahren abgetrieben. Im Podcast erzählt sie, dass sie trotz Verhütung schwanger wurde. Zu dem Zeitpunkt ging die Beziehung zu ihrem damaligen Partner langsam zu Ende. Daher habe sie sich recht schnell für eine Abtreibung entschieden, ihr Freund sei damit einverstanden gewesen. Später habe er ihr dennoch Vorwürfe gemacht.

Warum erzählt sie gerade jetzt davon? So wie Masha sprechen gerade viele Frauen über ihre Abtreibungen, denn die Große Koaltion hat ihren Kompromiss zu Paragraf 219a verabschiedet, der das sogenannte Werbeverbot für Abtreibungen regelt (SPIEGEL ONLINE). Kritikerinnen und Kritiker sind enttäuscht von der Gesetzesänderung. Sie ändere ihrer Meinung nach nichts daran, dass Frauen es weiterhin schwer haben werden, neutrale Informationen zu finden und Ärztinnen und Ärzte weiterhin dafür kriminalisiert werden, wenn sie diese Informationen bereitstellen. 

Der Protest findet nun in verschiedenen Formen statt: Viele gehen auf die Straße, die Bloggerin Nike van Dinther hat eine Petition gegen Jens Spahns Studie zu den "seelischen Folgen" von Schwangerschaftsabbrüchen gestartet, etliche Frauen haben von ihren Erfahrungen berichtet.

Wir haben Masha gefragt, warum sie öffentlich von ihrer Abtreibung erzählt hat.

"Weil jetzt der richtige Zeitpunkt ist", sagt sie. Sie wolle ihre Stimme und ihre Reichweite nutzen. Bisher habe es einfach nicht den Rahmen gegeben – und es sei noch nie so dringend gewesen.

Nach der Podcast-Folge hätten sich viele junge Frauen bei ihr gemeldet, sagt Masha. Viele hätten Probleme, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, der oder die den Eingriff vornimmt. Als Influencerin sehe sie ihre Aufgabe auch darin, auf Politisches aufmerksam zu machen, ihrer sozialen Verantwortung und Vorbildfunktion gerecht zu werden.

"Das ist eine Bewegung, die alle Frauen betrifft", sagt sie – und eigentlich betreffe sie sogar die Männer. Masha findet: Es gab bisher zu wenige männliche Stimmen. "Nur die Konservativen, die Abtreibungsgegner machen den Mund auf. Was ist mit den anderen?", fragt sie.

Dabei ist ein Schwangerschaftsabbruch nicht selten. 2017 haben mehr als 100.000 Frauen in Deutschland abgetrieben (Statistisches Bundesamt). Trotzdem finden Frauen meist nicht genügend Informationen über den Ablauf. Sie werden nicht ausreichend – und vor allem nicht neutral – aufgeklärt. Eine Google-Suche führt einen schnell auf die Websites von Abtreibungsgegnern, die häufig wie eine neutrale Quelle wirken, aber voller traumatisierender Bilder sind.

"Das Wissen über Abtreibungen fehlt", so Masha. Die wenigsten wüssten über die Prozedur Bescheid und öffentlich traue sich kaum jemand, darüber zu sprechen. Wer es doch tut, gerät schnell ins Visier der Abtreibungsgegner.

Die Reform von 219a hatte eigentlich das Ziel, den Zugang zu Informationen über einen Schwangerschaftsabbruch zu verbessern. Das Ergebis? Ein Kompromiss, der nicht alle zufrieden stellt.

Auch in Zukunft können Ärzte auf ihren Webseiten nicht konkret und ausführlich über Abtreibungen informieren. Stattdessen werden Schwangerschaftsabbrüche weiterhin stigmatisieriert und kriminalisiert. Masha sagt: "Frauen gelten nach einer Abtreibung als kaltherzig. Oft sind sie jung und werden auf ihre Lebenssituation reduziert." Schwangere werden bevormundet und gemaßregelt, anstatt selbst über ihren Körper bestimmen zu dürfen. 

Eine Abtreibung ist keine leichtfertige Entscheidung. Es gibt kein Richtig oder Falsch.
Masha Sedgwick


Ein Blick ins Ausland zeigt: Andere Länder sind weiter, in Spanien etwa geht man mit Schwangerschaftsabbrüchen ganz anders um.

Masha möchte Paragraf 219a am liebsten ganz abschaffen. Und sie findet, Ärzte und Ärztinnen müssten besser ausgebildet werden. Im Studium lernen diese meist nicht mal, wie sie eine Abtreibung durchführen (bento). Außerdem solle man die Voraussetzungen für schwangere Frauen insgesamt verbessern. "Mit Geldern oder einer besseren Infrastruktur könnte man existierende Schwangerschaften schützen", sagt Masha. "So würden sich weniger Frauen für eine Abtreibung entscheiden."

Trotz des Protests hat die Koalition aus SPD und Union den Kompromiss beschlossen. Für den Internationalen Frauentag am 8. März sind allerdings wieder Demonstrationen gegen 219a angesetzt.

Auch Masha will nicht aufgeben, das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, sagt sie. Und:

Wenn wir jetzt nicht laut werden, wann dann?
Masha Sedgwick




Gerechtigkeit

Demo gegen Uploadfilter in Köln: Hier sind die besten Plakate
"Wir sind keine Bots!"

In Köln haben vor allem junge Menschen gegen den Artikel 13 der geplanten Urheberrechtsreform demonstriert. Die Reporter von @infozentrale schätzen, dass mehr als 1000 Menschen aus Angst vor Uploadfiltern auf die Straße gingen. Heise.de schreibt von mehr als 3000 Teilnehmern.

Die Demonstrierenden riefen: "Wir wollen keinen Artikel 13", "Nie wieder CDU" und: "Wir sind keine Bots". Damit spielten sie auf einen Tweet von CDU-Politiker Sven Schulze an (hier mehr dazu bei bento).