Bild: Anton Liebsch
Sie starten Fanseiten bei Facebook, bedrucken Jutebeutel und treten sogar in die SPD ein.

Vielleicht war es Zufall, vielleicht bewusste Inszenierung, vielleicht aber auch Abbild eines Phänomens: Als Martin Schulz am Sonntag seine Rede im Willy-Brandt-Haus hielt, saßen hinter ihm – und damit im Fokus der Kameras – vor allem junge Menschen. Sie lachten, sie applaudierten, einige sollen sogar "geile Sau" gerufen haben.

"Geile Sau" – dieser Spitzname ist zum Symbol der Begeisterung geworden, die Martin Schulz gerade bei jungen Menschen auslöst.

Zum ersten Mal verwendet hat ihn Matthias Zeller, 21, Kreisvorsitzender der Jusos Mannheim – ausgerechnet in einem Beitrag des ARD-Morgenmagazins. Es sei eine Impulshandlung gewesen, weil "die Stimmung im Raum so euphorisiert war", sagt Zeller. Nach der Ausstrahlung kannten nicht nur Frühaufsteher den Jungsozialisten, auch Schulz hatte den Spruch gehört – und rief bei Zeller an.

"Durch diesen Anruf hat er noch mal bestätigt, dass er wirklich ein geiler Typ ist."​
Matthias Zeller

Martin Schulz, frisch nominierter SPD-Kanzlerkandidat, hat uns gerade angerufen und für unsere Unterstützung im...

Posted by Jusos Mannheim on Wednesday, January 25, 2017


Dass die eigene Jugendorganisation hinter dem Kanzlerkandidaten steht, ist zwar nicht selbstverständlich, aber auch nicht wirklich überraschend. Doch die Euphorie erfasst nicht nur die Jusos: "Ich habe immer gesagt: Wenn Martin Schulz aufgestellt wird, dann trete ich in die SPD ein", sagt Alexander Schilin, 24, Student aus Tübingen.

Am Abend des 24. Januar füllte er das Beitrittsformular aus, in den darauffolgenden Tagen machten das noch viele andere: In der Woche nach Bekanntgabe von Schulz’ Kandidatur traten mehr als 2800 Menschen online in die SPD ein, fast die Hälfte von ihnen ist jünger als 35.

Und in den sozialen Netzwerken drücken sogar Menschen ihre Sympathie für Schulz aus, die eigentlich nicht viel mit der SPD am Hut haben. Hinter der Initiative "Martin kann Kanzler" zum Beispiel steht eine Gruppe ganz unterschiedlicher junger Menschen: Studenten, Promovierende, Angestellte in Pflege- und Handwerksberufen – nicht alle sind SPD-Mitglieder.

Im vergangenen Jahr haben sie einen offenen Brief an Schulz geschrieben und eine Facebook-Seite ins Leben gerufen, seit Bekanntgabe von Schulz’ Kandidatur steigt die Zahl der Gefällt-mir-Angaben. Eine der Unterstützerinnen ist Melanie Lal, 22, Studentin aus Bremen. Sie fühlt sich zwar von keiner Partei wirklich repräsentiert, aber Martin Schulz findet sie gut – und sie sagt: "Er braucht junge Leute, die hinter ihm stehen."

Mit diesen Memes feiert das Netz Martin Schulz:

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Offenbar tun das immer mehr, laut ARD-Deutschlandtrend wächst Schulz’ Beliebtheit, gerade unter jungen Erwachsenen: Seit er im November 2016 zum ersten Mal in die Befragung aufgenommen wurde, wuchs der Anteil der 18- bis 34-Jährigen, die mit seiner Arbeit zufrieden sind, von 37 auf 58 Prozent – im Vergleich der Altersgruppen der stärkste Anstieg.

Im Februar 2017 war Schulz bei den jungen Erwachsenen damit zum ersten Mal beliebter als Angela Merkel, mit deren Arbeit 55 Prozent zufrieden sind.

Ein 61-jähriger Mann mit Halbglatze als Hoffnungsträger der Jugend – obwohl er bisher nicht mal explizit um sie wirbt?

Konkrete Vorschläge oder Versprechen hat Schulz noch nicht gemacht. Woher also kommt die Euphorie?

Fragt man die Schulz-Fans, sprechen fast alle zuerst über Inhalte: Schulz steht in ihren Augen für ein starkes Europa und den Kampf gegen Rechtspopulismus – Themen, die ihnen, der "Generation Erasmus", wichtig sind. Als die Briten über den Brexit abstimmten, sprach sich eine Mehrheit der Jungen für den Verbleib in der EU aus (bento). Als die Amerikaner einen neuen Präsidenten wählten, stimmte eine Mehrheit der Jungen für Hillary Clinton (bento). Beide Male verloren sie.

"Ich glaube, viele junge Menschen haben das Gefühl, dass die Populisten die Macht übernehmen", sagt SPD-Neumitglied Schilin. "Man will sich irgendwie dagegen wehren, will die Demokratie und Europa verteidigen."

Schulz passt in diese Zeit, in diese Stimmung.

Er ist der Gegenentwurf zu Brexit-Befürwortern und Donald Trump, er ist überzeugter Europäer, gibt sich weltoffen und tolerant. Dass er so viel Zeit in Brüssel verbracht hat, ist für seine Anhänger kein Nachteil – im Gegenteil: Er kennt sich mit der EU aus und kritisiert sie, er weiß, welche Probleme sie hat, wo sie demokratischer werden muss. "Er kann das europäische Projekt, was vielen jungen Menschen so wichtig ist, wieder zukunftsfähig machen – und wieder dafür begeistern", sagt Schilin.

Dass Schulz mit diesen Themen ankommt liegt auch daran, wie er sie präsentiert: Er macht den Mund auf, redet leidenschaftlich, handelt auch mal intuitiv. "Martin Schulz reißt Politik aus ihrer neoliberalen Langweiligkeit und macht sie wieder zu einer persönlichen, emotionalen Sache", sagt Janwillem van de Loo, 29, Initiator von "Martin kann Kanzler".

Ein praktischer Nebeneffekt: Direktheit und Emotionalität funktionieren auf Social Media. Als Schulz einen griechischen Abgeordneten wegen rassistischer Äußerungen aus dem EU-Parlament warf, sahen Tausende das Video der Aktion bei Facebook (bento). Seit seiner Antrittsrede entstehen Dutzende Memes (bento). Mit seiner Art passt Schulz da rein, wo junge Menschen sich ganz natürlich bewegen – das weiß und nutzt er.

"Er ist einer, mit dem man sich identifiziert", sagt Jungsozialist Zeller.

Dass Schulz eine Identifikationsfigur ist, liegt aber nicht nur an seinem Auftreten. Spricht man mit jungen Menschen über den SPD-Kanzlerkandidaten, kommen sie alle irgendwann auf seine Biographie zu sprechen: Kein Abitur, kein Studium, vom Alkoholiker über den Buchhändler zum Spitzenpolitiker. "Mich beeindruckt sein persönlicher Werdegang", sagt Jan Ingensiep, 33, Konditor aus Duisburg, der auch bei "Martin kann Kanzler" mitmacht. "In Zeiten, wo viele Politiker keine Schwächen zugeben und sogar Abschlüsse erfinden, macht ihn das sympathisch, glaubwürdig und authentisch."

Die Jusos aus Mannheim haben Schulz-Memes auf Jutebeutel gedruckt.

Ingensiep will dafür kämpfen, dass Schulz Kanzler wird – genau wie die anderen: SPD-Neumitglied Schilin will in den kommenden Monaten beim Straßenwahlkampf helfen. Die Facebook-Seite "Martin kann Kanzler" soll weiter existieren und "eine Plattform sein, um Martin Schulz für ein breites Spektrum an jungen Menschen zugänglich zu machen", sagt Initiator van de Loo.

Und die Jusos in Mannheim wollen gar "eine Bewegung starten". Gerade haben sie eine Anleitung erstellt, mit der man Schulz-Memes auf Jutebeutel drucken kann (Facebook). Am Samstag werden sie selbst 200 Taschen bedrucken und dann verteilen; Jusos aus ganz Deutschland haben angekündigt, das Gleiche machen zu wollen.

Sie alle setzen große Hoffnungen auf Schulz. Jetzt muss er nur noch liefern.

Tech

Facebook hat jetzt eine eigene Tinder-Funktion
Es ist leider nicht so lustig, wie es klingt.

Facebook macht auf Tinder – und will dich ab sofort mit Jungs und Mädels aus deiner Umgebung verkuppeln. Die neue App-Funktion "Discover People" schlägt dir fremde Facebook-Profile aus deinem Umfeld vor. Das Feature wird gerade weltweit per Update auf Android und iOS ausgespielt (TechCrunch). Auch in Deutschland ist "Discover People" schon verfügbar.

Die Funktion zeigt Facebook-Profile an, die an den gleichen Events wie du teilnehmen oder beim gleichen Unternehmen arbeiten. Auch der Wohnort oder die Mitgliedschaft in Fangruppen können für eine Verbindung reichen. Freunde, mit denen du bereits verknüpft bist, werden nicht angezeigt.