Bild: dpa / Patrick Seeger

Interview mit Martin Schulz

Schulz soll Kanzlerkandidat für die SPD werden – Sigmar Gabriel will den Posten nicht (bento). Anfang November hatte Schulz uns ein Interview gegeben, damals war er noch EU-Parlamentspräsident.

Wir treffen den SPD-Politiker Martin Schulz in der Vertretung des Europäischen Parlaments in Berlin, Unter den Linden, vierter Stock. Wir wollen über drei Themen sprechen, die viele von uns derzeit besonders bewegen: der Umgang mit Rechtspopulisten, die Integration von geflüchteten Menschen und das Leben nach dem Brexit.

Was sagt Martin Schulz dazu?
1. Rechtspopulismus in Europa

Vor der Landtagswahl diskutierten Gymnasiasten aus Mecklenburg-Vorpommern mit Politikern der Jugendorganisationen von SPD, CDU, Grünen und Linkspartei. Die AfD war nicht eingeladen – und genau darüber beschwerten sich die Schüler. (SPIEGEL ONLINE)

Einer fragte:

"Ich gehe der AfD nicht aus dem Weg, ich bin ja jeden Tag mit ihr konfrontiert. Schließlich ist die AfD nicht nur im Europaparlament vertreten, sondern auch in vielen Landtagen.

Ich würde dem jungen Mann mit einer Gegenfrage antworten: Hast du nicht eher den Eindruck, dass die AfD einer ernsthaften Debatte aus dem Weg geht, indem sie nur Vorurteile und Ressentiments mobilisiert – und es deshalb sehr schwierig ist, sich auf sachlicher Ebene mit ihr auseinanderzusetzen?"

Auf dem Twitter-Profil der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD, haben wir das gefunden:

"Genau das meine ich: 'Umvolkung' ist ein Begriff des Dritten Reichs. Wenn bereits Kinder unter fünf Jahren in dieser Form stigmatisiert und als Fremdkörper bezeichnet werden – denn das soll ja ausgedrückt werden – dann ist das eine fundamentale Verletzung der Prinzipien unseres Staates.

Genau deshalb ist es so schwierig, die AfD als einen Teil des demokratischen Spektrums zu akzeptieren. Man muss ihre aus freien Wahlen hervorgegangene Präsenz respektieren, aber man muss keineswegs ihre Argumente akzeptieren."

Was sagen Sie zu so einem Tweet?

"Das ist Hetze. Klassische Hetze."

Vor einigen Monaten warfen Sie einen Abgeordneten der griechischen Neonazipartei "Goldene Morgenröte" aus dem EU-Parlament (bento). Das Video erreichte Hunderttausende Menschen in den sozialen Netzwerken – so viel Aufmerksamkeit bekommt das EU-Parlament selten. Würde es helfen, wenn Politik immer so social-media-wirksam gestaltet wird?

"Das glaube ich nicht. Klar, die sozialen Medien spielen eine ungeheure Rolle in der politischen Gestaltung und inzwischen auch in der politischen Entscheidungsfindung. Über die sozialen Netzwerke kann man heute viel schneller öffentliche Debatten auslösen. Aber es wird keine social-media-konforme Demokratie geben.

Als ich von der Aussage erfuhr, handelte ich intuitiv: Ich wollte zeigen, wo die Grenze ist – und das ist zum Glück gelungen. Die Grenze ist da überschritten, wo anderen die Würde abgesprochen wird, und das hat dieser griechische Abgeordnete getan."
Der Rauswurf im Video

Nur wenige Menschen erreichen über Social Media ein so großes Publikum. Wie können sie trotzdem ein Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung setzen?

Ich finde, dass junge Männer und Frauen da häufig viel mutiger sind als ältere.
"Ganz viele Leute machen das schon, gerade in Ihrem Alter. Ich sehe jede Menge Buttons mit Sprüchen gegen Rechts, T-Shirts, Aufkleber. Das alles sind öffentlich sichtbare Botschaften. In der Zeit, in der wir heute leben, gehört dazu Mut.

Ein Kennzeichen der sozialen Medien ist ja oft Anonymität. Umso mehr ist es anzuerkennen, wenn Leute diese Anonymität nicht für sich reklamieren, sondern durch ein sehr bewusstes Zeichen ihre Haltung erkennbar machen. Ich finde, dass junge Männer und Frauen da häufig viel mutiger sind als ältere."
2. Die Flüchtlingsfrage

Der Bundespräsident lud vor ein paar Wochen junge Leute ins Schloss Bellevue und fragte sie, wie sie sich Deutschland in 20 Jahren vorstellen. Immer wieder sprachen sie dabei über Flüchtlinge und Integration. (bento)

Samim Noori, 24, sagte:

"Schon heute feiern Bürgerinnen und Bürger mit unterschiedlichem familiären Hintergrund zusammen Weihnachten und andere Feste. Ich habe selbst auch schon mehrfach das Zuckerfest mitgefeiert. 2036 wird es hoffentlich nichts Besonderes mehr sein."

Ahmad, 20, kommt aus Qamischli, Syrien, und lebt jetzt in Bremen. Was er erzählt, stimmt eher pessimistisch:

"Ich glaube, dass die überwältigende Mehrheit in unserem Land anders denkt. Wir müssen dennoch sehr ernst nehmen, was Ahmad sagt. Die individuelle Erfahrung eines Menschen prägt sein Bild von unserer Gesellschaft.

Deshalb müssen wir dringend dafür sorgen, dass das nicht seine einzigen Erfahrungen bleiben, sondern dass er auch die Leute kennenlernt, die ihn aufnehmen wollen, die helfen, die offen sind und die Verständnis für seine Situation haben."


Was kann jeder Einzelne von uns beitragen?

Wir alle haben Vorurteile.
"Wir alle haben Vorurteile. Aber ich halte es für extrem wichtig, sich die Mühe zu machen, sie nicht einfach so zu haben – sondern sie durch Neugierde, durch Kennenlernen und durch individuelle Erfahrungen abzubauen. Zu jungen Leuten würde ich immer sagen: Geht doch mal hin und fragt einfach mal."
3. Die Zukunft Europas

Am 23. Juni stimmte eine Mehrheit der Briten für den Austritt Großbritanniens aus der EU. In London gingen daraufhin vor allem junge Menschen auf die Straße und protestierten mit Plakaten wie diesen:

Das sind die besten Plakate der Brexit-Gegner

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Was haben Sie gefühlt, als sie von dem Ergebnis erfuhren?

"Als ich nach der Brexit-Abstimmung die Tränen von vielen jungen Leuten in Großbritannien gesehen habe, hat mich das tief berührt. Als ich dann las, dass mehr als 70 Prozent der Unter-25-Jährigen für Remain gestimmt hatten, hat mich das wieder ein bisschen aufgerichtet. Denn damit haben die Jungen ein klares Signal für Europa ausgesendet."

Was sagen Sie diesen jungen Briten jetzt?

"Ich glaube, wir werden erst nach und nach verstehen, was da abgelaufen ist. Wir müssen begreifen, dass die Entscheidung für die nächste Generation in Großbritannien ein schwerer Schlag ist.

Großbritannien hat sich für den Austritt entschieden. Gleichzeitig können wir uns aber nicht erlauben, eine ganze Generation junger Britinnen und Briten zu verlieren. Für die zukünftige Zusammenarbeit brauchen wir gerade sie. Ich habe noch keinen endgültigen Plan, wie wir das lösen."
(Bild: bento)

Ist die EU am Ende?

"Nein, eine Konsequenz aus dem Austritt Großbritanniens muss sein, dass wir in manchen Bereichen verstärkt zusammenarbeiten – aber eben auch deutlicher machen, dass die EU intensive Reformen braucht."

Wie das?

"Im Klartext: Es gibt Felder, in denen wir mehr Europa, mehr Zusammenarbeit, brauchen. Bei der Terrorismusbekämpfung zum Beispiel. Und das muss erklärt und dafür muss geworben werden.
Nicht alles muss in Brüssel entschieden werden.
Wir müssen zugleich aber auch sagen: Nicht alles muss in Brüssel entschieden werden. Wasserverbrauch zum Beispiel kann man reduzieren, indem man vereinheitlichte Toilettenspülungen beschließt – oder indem man die regionale Ebene entscheiden lässt. Die andalusische Regierung kennt sich besser aus mit dem Wassermanagement in ihrer Region als Brüssel.

Wenn wir dahin zurückkehren, dass wir die globalen Ziele der EU runterbrechen auf regionale Aktionen, würden sich die Menschen meiner Meinung nach wieder mehr mitgenommen fühlen."

Junge Briten stimmten mehrheitlich für Remain, alte für Leave. Ähnlich sah es bei der US-Wahl am Dienstag aus: Junge Menschen stimmten eher für Clinton, alte für Trump. Dieser Tweet fasst den Generationenkonflikt gut zusammen:

"Der Konflikt ist nicht neu. Die junge Bundesrepublik wurde bezeichnet als die 'Herrschaft der alten Männer'. Doch dann kamen junge Leute, Willy Brandt oder Helmut Kohl zum Beispiel, die sagten: 'Über unsere Zukunft entscheiden alte Leute? Das geht so nicht!' Plötzlich gab es einen Aufstand der Jungen, eine Revolte: Sie traten massenhaft in Parteien und Organisationen ein.

Heute verschärft sich dieser Konflikt, weil die jüngere Generation zahlenmäßig in der Minderheit ist, das stimmt. Umso mehr bedarf es des politischen Engagements. Umso mehr müssen sich aber Organisationen auch für junge Leute öffnen."

Wir sollen also eine Revolte starten?

Jüngere haben die Pflicht, sich zu engagieren.
"Na, das war jetzt kein Revolutions-Aufruf. Aber beim Brexit hat man gesehen: Die 'Meine Stimme zählt ja nicht'-Haltung funktioniert nicht. Jüngere haben die Pflicht, sich zu engagieren.

Umgekehrt ist auch meine Generation gegenüber den Jüngeren in der Pflicht. George Bernard Shaw, ein irischer Schriftsteller, hat einmal gesagt: 'Hütet euch vor alten Männern, denen ist die Zukunft egal.' Uns darf die Zukunft nicht egal sein."

Zum Abschluss: Was raten Sie jungen Menschen vor der Bundestagswahl 2017?

Ich habe festgestellt, dass sich am Ende in der Demokratie nichts bewegt, wenn du keinen Mut hast.
"Ich sage nicht 'Engagier dich' oder 'Geh wählen'. Denn jeder engagiert sich heute auf seine Art. Und Wählengehen ist eine Bürgerpflicht, das sollte sowieso jeder.

Ich selbst habe mich erst als Schülersprecher engagiert, dann in der Partei. Dadurch habe ich festgestellt: Du kannst wirklich etwas beeinflussen. Aber ich habe auch festgestellt, dass sich am Ende in der Demokratie nichts bewegt, wenn du keinen Mut hast.

Ich würde mich auf ein altes Sprichwort beziehen: 'Den Mutigen gehört die Welt.' Mut haben – Mut, sich da, wo man ist, zu äußern. Das ist mein Rat."
Einfach mal machen? Diese jungen Menschen halfen am Hamburger Hauptbahnhof, als dort viele Flüchtlinge ankamen. Hier erzählen sie, wie die Erfahrungen sie verändert haben:
"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof.
Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt.
Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.
Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof.
Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte.
Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.
Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen."
"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich.
Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen.
Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar.
Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.
Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.
Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann.
Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.
Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt.
Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem."
"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern.
Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar.
Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt.
Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern.
Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich.
In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.
Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln.
Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen.
Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."
"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe.
An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.
Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen.
Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!'
Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.
Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert.
Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."
"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark.
Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch.
Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.
Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet.
In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich.
Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.
In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann.
Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.
Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht.
Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."
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Der Film zum Wochenende: Coming Home

Für einen Tag Prinzessin sein – ein Traum vieler junger Mädchen. Für Isis Salam wird er nun wahr. Nur ist die 26-Jährige kein kleines Mädchen mehr.

Isis lebt in Berlin, schlägt sich die Nächte um die Ohren und ist irgendwie noch nicht so richtig angekommen. Schon seit sie 16 ist, zieht sie rastlos durch die Welt, immer auf der Suche nach sich selbst. Gerade jetzt soll die junge Nigerianerin die "wichtigste Rolle ihres Lebens" spielen. Denn ihr Vater wird zum König des Stammes der Yoruba gekrönt. Und Isis zur Prinzessin. Also macht sie sich auf den Weg nach Lagos und kehrt nach 25 Jahren zum ersten Mal zurück zu ihren afrikanischen Wurzeln.