Ende Oktober 2016 fing es an: Nachdem der Fischhändler Mouhcine Firki in dem Küstenort Al Hoceima in einer Müllpresse starb, gingen Hunderte Marokkaner auf die Straße – zuerst in Al Hoceima, dann in den großen Städten Rabat, Tanger, Casablanca und Fes.

Anfangs standen die Forderungen ländlicher Bewohner im Mittelpunkt: Die Bevölkerung im Norden Marokkos rief nach einem Krebskrankenhaus, nach besserem Zugang zu Schulen, nach mehr Geldern aus Rabat für die lokale Infrastruktur. 

Doch als Nasser Zefzafi, der Sprecher der Bewegung, im Mai verhaftet wurde, nachdem er einen Gottesdienst gestört hatte, weiteten sich die Proteste auch inhaltlich aus.

Seitdem demonstrieren regelmäßig tausende Menschen gegen Korruption, Arbeitslosigkeit, die Verletzung von Menschenrechten und für Meinungsfreiheit. 

Bisher ist der Makhzen, der Herrscherhof in Rabat, auf keine der Forderungen eingegangen. Im Gegenteil: Im Internet zeigen Handyvideos, wie brutal der Staat gegen die Demonstranten vorgeht, mindestens 35 Aktivisten sitzen als politisch Gefangene in Haft. Niemand kann vorhersagen, ob Marokko kurz vor einem eigenen Arabischen Frühling steht oder die Proteste ins Nichts laufen. 

Wie erleben Marokkaner die aufgeladene Stimmung? Was erhoffen sie sich von den Protesten, was befürchten sie? Fünf Menschen haben uns von ihrem Leben zwischen Demo, Uni und Jobsuche erzählt.
Oumaima
Oumaima, 20

In Marokko wird gegen Menschen- und Grundrechte verstoßen. Es gibt momentan über 200 politische Gefangene. Außerdem verlangen immer mehr Schulen Geld, das verstößt gegen unsere Verfassung, die eigentlich allen Marokkanern ein Recht auf kostenlose Schulbildung zugesteht. 

Im Überblick – So wirkte sich der Arabische Frühling auf die einzelnen Länder aus:
TUNESIEN – Der Autokrat Ben Ali floh nach Protesten aus dem Land. Für den Demokratieprozess im Anschluss erhielten Politiker den Friedensnobelpreis.
Doch viele junge Tunesier sind heute frustriert. Perspektivlosigkeit lähmt die junge Generation, der Anteil an Islamisten im Land ist enorm.
ÄGYPTEN – Die Bevölkerung stürzte erst den Diktator Husni Mubarak, später gingen sie gegen die neue Islamistenregierung auf die Straße.
Seit einem Putsch herrscht der General Abdel Fattah al-Sisi – die Jugend sitzt heute im Gefängnis, im Land ist alles schlimmer als zuvor.
LIBYEN – Die Proteste verwandelten sich in einen Bürgerkrieg, der Diktator Muammar al-Gaddafi wurde getötet.
Heute ist Libyen in mehrere Rebellenregionen zerrissen, die Terrormiliz "Islamischer Staat" ist im Land eingesickert.
JEMEN – Nach Protesten floh der Autokrat Ali Abdullah Salih ins Ausland, doch eine Übergangsregierung scheiterte.
Heute kämpfen Salih-Anhänger, Regierungstreue, Rebellen und Islamisten gegeneinander – Saudi-Arabien fliegt Luftangriffe.
SYRIEN – Aus friedlichen Protesten wurde ein Bürgerkrieg, Dikator Baschar al-Assad ließ seine Bürger in Foltergefängnisse werfen.
Heute kämpfen Assad-Truppen gegen Islamisten, die Welt mischt sich mit Luftschlägen ein, mehr als 400.000 Menschen sind tot.
DIE GOLFSTAATEN - In Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain gab es Straßenproteste.
Alle wurden rasch niedergeschlagen, Saudi-Arabien setzte sogar Panzer ein.
MAROKKO – Nach Protesten sicherte das Königshaus eilig Reformen zu – und konnte so weitere Aufstände verhindern.
Doch die Lage hat sich für junge Menschen kaum verbessert, Königstreue und Politikfrust wechseln sich ab.
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Das sind Entwicklungen, die mich wirklich aufregen und weshalb ich selbst auf die Straße gehe. Denn es reicht mir nicht aus, meine Überzeugungen nur über Worte zu verteidigen, ich will dafür mit meinen Taten einstehen. Ich studiere Verwaltungs- und Betriebswirtschaftslehre und engagiere mich für Amnesty International

In der Kleinstadt, in der ich studiere, gab es bisher keine Demonstrationen. Ich war während des Ramadan auf einer großen Demo in Fes, die von Polizei und Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst wurde. Das Vorgehen war brutal, es gab einige Verletzte, und das, obwohl die Stimmung davor total friedlich war.

Es gibt Leute, die nicht Ruhe geben werden.
Oumaima

Obwohl die Proteste nun schon seit sieben Monaten laufen, gibt es weiterhin viele motivierte Leute, die nicht Ruhe geben werden, solange ihre politischen Forderungen nicht erfüllt oder wenigstens ernsthaft diskutiert werden.

Bouchra, 25
Bouchra

Mit 17 bin ich auf meine ersten Demos gegangen und in der Schule habe ich durch andere Aktivisten die Partei der demokratischen und sozialistischen Avantgarde, kurz PADS, kennengelernt. Seitdem bin ich Mitglied.

Die PADS unterstützt die Proteste, ich laufe oft bei den Demos in Casablanca mit. Die Verletzung von Menschenrechten in Marokko ist eines der Hauptthemen, die uns jetzt auf die Straße treibt. Gleichzeitig ist es mir wichtig, nur an gewaltfreien Demos teilzunehmen.

Ich bin froh, dass ich schon als junger Mensch die Chance hatte, mich über politische Themen auszutauschen und meine eigenen Ideen und Ansichten zu stärken. Der Großteil meiner Freunde sind Kameraden aus der PADS, die Jugendgruppe der Partei ist wie eine zweite Familie für mich. 

Doch ich bin davon überzeugt, dass die Proteste nicht ausreichen, um wirklich etwas zu verändern. Es braucht junge Leute, die tatsächlich in einflussreichen Positionen als Entscheidungsträger arbeiten, in Organisationen und in Parteien. 

Soufiane, 25
Soufiane

Mein Leben spielt sich in drei verschiedenen Städten ab: in Casablanca, wo ich an meiner Doktorarbeit in Biomedizin arbeite, in El Jadida, meiner Heimatstadt, und in Rabat, wo ich als Aktivist bei verschiedenen politischen Aktionen mitwirke.

Für mein Studium gehe ich hin und wieder ins Krankenhaus und sehe dort ältere Menschen, die dringend versorgt werden müssten. Aber es mangelt an Geld, an Personal und die schutzlosen Menschen, die zu alt und zu machtlos sind um sich zu wehren, werden liegen gelassen.

Das sind Erfahrungen aus meinem alltäglichen Leben, die mich dazu bringen, selbst aktiv zu werden.

Ich habe manchmal Angst, verhaftet zu werden.
Soufiane

Ich will politische Überzeugungen kreativ und originell umsetzen. Shows mit Musik und Performance-Aktionen erhalten einfach mehr Aufmerksamkeit. Als vor ein paar Jahren zwei junge Männer verhaftet wurden, nachdem sie sich in der Öffentlichkeit geküsst hatten, haben wir ein Kiss-In vor dem Parlament organisiert.

Natürlich habe ich manchmal Angst, selbst verhaftet zu werden. Ich will mir lieber nicht vorstellen, wie politische Gefangene von der Polizei behandelt werden. 

Aber sie können nicht verhindern, dass wir wütend sind. Irgendwann wird das Gefühl von Ungerechtigkeit zu politischen Veränderungen führen.

Hanane, 22
Hanane

Eigentlich interessiere ich mich nicht für Politik. Ich will Englischlehrerin werden, das war schon immer mein Traum. Doch ich kenne viele Leute mit akademischen Abschlüssen, die keine Stelle finden. 

Trotzdem gehen wir nicht demonstrieren. Wir wollen keine Probleme mit der Polizei haben. Seit Anfang des Jahres gab es in Agadir keine Demonstrationen mehr, für politische Aktionen treffen sich die Aktivisten in nahegelegen Großstädten.

Es soll bei uns nicht dasselbe passieren wie in Libyen oder Syrien.
Hanane

Ich verfolge die Proteste im Fernsehen auf dem marokkanischen Sender "2M", dort wurde auch gezeigt, wie gewalttätig manche Demonstranten waren. Das kann ich nicht unterstützen.

Als Frau habe ich zwar dieselben Rechte wie Männer, aber wenn eine Frau heiratet, wird trotzdem von ihr erwartet, zuhause zu bleiben und sich um die Familie zu kümmern. Auch einige Bekannte von mir denken so, sie haben die alten Konventionen einfach übernommen.

Wenn ich könnte, würde ich gehen.
Hanane

Doch auch in dieser Sache macht mir die Vorstellung einer Revolution Angst.

Gab es denn schon jemals eine friedliche Revolution ohne Tote? Es soll bei uns nicht dasselbe passieren, wie in Libyen oder Syrien. Wenn ich die Möglichkeit hätte im Ausland zu studieren oder zu arbeiten, dann würde ich ohne zu zögern gehen. 

Amine, 30
Amine

Ich gehe auf die Straße. Für meine Arbeit als Journalist mache ich Fotos und rede mit den Leuten. Ich möchte zeigen, was wirklich hier los ist, denn viele große Zeitungen berichten nicht oder sehr einseitig über die Hirak.

Sie dienen der staatlich verordneten Meinungsmache und verbreiten die Ansicht, die Hirak sei eine kleine Gruppe von Separatisten, die das Land destabilisieren wollten.

Es gibt nur wenige Ausnahmen, besonders im Internet finden sich viele unabhängige Medien, die sich mit der Hirak befassen, wie "Telquel" oder "Média24". Auch ich will als Journalist objektiv berichten, Position beziehen.

Ich will zeigen, dass die Proteste in Casablanca immer ruhig verlaufen. Nur einmal kam es zu Gewalt, als die Polizei und paramilitärische Hilfskräfte eine Demonstration vor der Polizeipräfektur verhindern wollten.

Ich will Position beziehen.
Amine

Doch sobald man sich öffentlich politisch äußert, fällt man unter die staatliche Überwachung. Ich werde seit 2011 überwacht, weil ich während des arabischen Frühlings provokante Karikaturen veröffentlicht habe. 

Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, plötzlich verhaftet zu werden. Mit der Zeit ist die Angst verschwunden. Immerhin habe ich keine Familie und bin nur für mich selbst verantwortlich.


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