Bild: Reuters
"Es geht darum, die kritische Stimme einer jungen Frau auszulöschen."

Immer wenn Hajar Raissouni ihren Job gut macht, ist die Regierung sauer. Die 28-jährige Journalistin arbeitet für eine der wenigen unabhängigen Zeitungen in Marokko. Immer wieder berichtet sie über Menschenrechtsverletzungen im Land. Das ist keine Straftat: Offiziell herrscht Pressefreiheit.

Jetzt sitzt Hajar trotzdem im Gefängnis. 

Ende August griffen Polizisten Hajar auf, als sie eine Klinik verlässt. Kurze Zeit später verurteilt ein Gericht sie zu einem Jahr Haft wegen unerlaubtem Sex und einer angeblichen Abtreibung. 

Außerehelicher Geschlechtsverkehr und Schwangerschaftsabbrüche sind in Marokko unter bestimmten Bedingungen illegal. Hajar sagt, sie war nie schwanger – ihre Anwälte legen Beweise vor. Gegen ihren Willen wird sie vaginal untersucht. Die Regierung kann nichts nachweisen. Trotzdem lehnt das Gericht eine Berufung ab. (SPIEGEL)

Seither gibt es Proteste im Land, die ihre Freilassung fordern. Über 7.000 Marokkanerinnen haben ein Manifest für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen unterzeichnet (ZEIT). Weltweit haben Journalisten ihre Solidarität bekundet.

Das Abtreibungsgesetz abschaffen, will die Regierung nicht. Man wolle die konservative Gesellschaft und Islamisten nicht provozieren – so der marokkanische Staat. Aber sowohl Liberale als auch Konservative sind auf Hajars Seite.

Worum geht es also wirklich im Streit zwischen Hajar und der Regierung in Marokko?

Das haben wir Khadra gefragt. Die 35-jährige Marokkanerin arbeitet selbst als Journalistin – will aber in diesem Gespräch anonym bleiben. Derzeit arbeitet sie nicht in Marokko, sondern von einem anderen arabischen Land aus. Ihr echter Name und ihr Arbeitgeber ist der bento-Redaktion bekannt. 

bento: Viele kennen Marokko nur aus Broschüren und Instagram. Dieser Fall zeigt ein ganz anderes Gesicht des Landes.

Khadra: Marokko präsentiert sich als attraktives Urlaubsziel. Wir sehen super sexy und modern aus. Aber wir sind nicht frei. Wir kämpfen in Marokko schon so lange für mehr Gerechtigkeit. Wir gehen auf die Straße, protestieren, unterschreiben Petitionen und twittern über Missstände. Aber es ändert sich nichts. Stattdessen werden kritische Journalistinnen wie Hajar von der Regierung eingeschüchtert und aus dem Weg geräumt.

Der Anklagepunkt war aber Abtreibung und nicht ihre journalistische Arbeit.

Hajar sagt, ihr wurden beim Verhör mehr Fragen zu ihrer Arbeit und ihrer regierungskritischen Familie gestellt, als zu ihrer Beziehung oder ihrem Krankenhausbesuch. Schau mal, von außen sieht es so aus, als würde ein unerlaubter Schwangerschaftsabbruch geahndet werden. 

„In Wahrheit geht es darum, die kritische Stimme einer jungen Frau auszulöschen.“

Jeder hat Sex vor der Ehe in Marokko und es werden laut Schätzungen täglich bis zu 800 illegale Abtreibungen durchgeführt. Es interessiert aber eigentlich niemanden. Die Polizei toleriert das. Nur bei kritischen Bürgern toleriert sie es nicht.

Aber warum gerade Abtreibung? Hajar sagt doch, sie war gar nicht schwanger.

Gerade Sittengesetze haben immer einer moralische Note und bringen die Störenfriede nicht nur ins Gefängnis, sondern sollen auch ihren Ruf zerstören und sie diskreditieren. Hajar ist eine junge Frau. Die Anklage hat scheinbar nichts mit ihrer regierungskritischen Position zu tun, soll aber den Effekt haben sie öffentlich zu beschämen und ihrer Stimme die Glaubwürdigkeit zu nehmen.

Das ist eine typische Methode der marokkanischen Regierung. Sie spähen kritische Journalisten, Oppositionelle und politische Aktivisten aus und suchen Fehler. Wenn sie eine Gelegenheit finden, schieben sie auch etwas unter. Die Regierung missachtet hier nicht nur die Grenzen des Privatlebens und der Intimsphäre ihrer Bürger, sondern auch die Rechtsstaatlichkeit. Die selektive Durchsetzung geltenden Rechts soll die Bürger besonders einschüchtern. 

Hajar ist also nicht die erste Reporterin, der das passiert ist?

Es passiert ständig. Viele ihrer Kollegen standen schon vor Gericht – auch aus ihrer eigenen Redaktion. Es wurde Journalisten schon Zwangsprostitution und Menschenhandel vorgeworfen. Eine Kollegin von Hajar ersucht gerade Asyl in Paris und will nicht zurück ins Land. Es gibt aber auch oppositionelle Politikerinnen, die von der Regierung an den Pranger gestellt wurden: Eine Politikerin einer oppositionellen Partei soll in Frankreich ihr Kopftuch ausgezogen haben. In einem anderen Fall ging es um Untreue in der Ehe. Das sind private Angelegenheiten, die für politische Ziele instrumentalisiert werden. Hajar hat zudem Pech, dass sie aus einer regierungskritischen Familie kommt.

Ist das der Grund, warum du nicht in Marokko arbeitest?

Ich bin nicht aus Marokko weggelaufen. Ich habe Marokko verlassen, weil jeder Marokko verlässt, der kann. 

„Du wächst in diesem Land mit der Mentalität auf, dass es überall auf der Welt besser ist als bei uns.“

Und ich bin auch einfach nicht so mutig wie Hajar, um direkt am Brennpunkt vor Ort zu arbeiten und zu versuchen die Dinge dort zu verändern. Ich berichte aus dem Ausland und habe einen Arbeitgeber gefunden, der dieselben Werte teilt, wie ich und bei dem ich mir aussuchen kann, worüber ich berichten will. Trotzdem stelle ich mir jedes Mal, wenn ich nach Marokko fliege, die Frage, ob ich festgenommen werde. Richtig Angst habe ich nicht und ich lasse mich auch nicht einschüchtern. Ob ich wirklich in Gefahr bin, werde ich sehen, wenn ich das nächste Mal meine Familie in Marokko besuche.

Haben die Proteste für Hajar denn das Zeug, jetzt etwas zu ändern?

Ich bin sehr pessimistisch. So lange der Staat versucht seine Probleme auf diese Weise zu lösen, wird es keine Verbesserung geben. Aber Hajar vereint alle hinter sich. Es geht hier nicht nur um Frauenrechte oder um Pressefreiheit. Es geht auch nicht nur um Machtmissbrauch und die Verletzung von Menschenrechten. Das ganze System ist das Problem und deshalb fühlt sich auch das ganze Volk von diesem Fall betroffen.

Aber das klingt doch wie ein Wendepunkt. Glaubst du nicht, dass die Dinge sich ändern können, wenn alle das wollen? 

Ich habe diesmal nicht nur Frauenrechtler und die typischen NGO-Anhänger auf der Straße gesehen. Alle Menschen haben sich aufgeregt. Alle glauben an Hajars Unschuld. Und die Leute sagen, dass sie selbst zu ihr stehen würden, wenn sie Sex gehabt hätte oder wenn sie wirklich wegen einer Abtreibung im Krankenhaus gewesen wäre. Sogar junge Männer und Manager von Banken, die sich sonst nicht für Freiheitsrechte interessieren, haben bei einer Kampagne mitgemacht, die sagt "Wir sind alle Kriminelle!". 

Die Leute fragen sich, wie weit diese Ungerechtigkeit noch gehen soll und sogar privilegierte Mitglieder der Königsfamilie fühlen sich in ihrer Lebensführung angegriffen. Keiner will ins Visier der Behörden geraten. Mit der nötigen internationalen Aufmerksamkeit könnte sich diesmal vielleicht wirklich etwas ändern.


Future

Eine Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns – ein Anfang, noch nicht das Ziel

Den Titel als eine der einflussreichsten Frauen in der Wirtschaft hatte sie bereits – dieser Einfluss wird jetzt noch größer. Jennifer Morgan, 48, bildet zusammen mit Christian Klein, 39, das Vorstandsduo beim Softwarehersteller SAP. Im Oktober des Jahres 2019, endlich. Damit ist Morgan die erste Frau in dieser Rolle bei einem Dax-Unternehmen. 

Zwar hat Morgan den Chefinnenposten nicht alleine inne, sie ist gleichberechtigt mit einem jungen Mann. Und Gleichberechtigung ist doch schließlich das, wofür nicht nur Feministinnen und Karrierefrauen seit Jahren kämpfen. Diese Doppelspitze könnte das Modell der Zukunft sein.

Sind Frauen und Männer, die sich mehr weibliche Vorbilder wünschen, endlich am Ziel angekommen? 

Nein, in den Führungsetagen sieht es immer noch schlecht aus. Allein bei börsennotierten Unternehmen in Deutschland sitzen zwar so viele Frauen wie nie in den Vorständen, aber Männer haben überwiegend das Sagen. Im ersten Halbjahr 2019 gab es 61 Topmanagerinnen in den 160 Unternehmen der drei Börsenindizes Dax, MDax und SDax. Und wie viele Männer? Mehr als zehnmal so viele. (Manager Magazin)

Man könnte über die SAP-Entscheidung jubeln. Angebrachter aber ist der Frust darüber, dass es so langsam vorangeht.

Berechnungen zeigen, dass es bis zur Mitte des Jahrhunderts dauern wird, bis in den Vorstandgremien eine 50:50-Verteilung erreicht sein könnte und unsere Töchter Chefinnen sein werden (Manager Magazin). Warum dauert es so lange?

Der erste Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit liegt ja meist in der Erkenntnis des Missstandes – und der ist doch nun schon hinlänglich bekannt. Seit Jahren.

Viele Konzerne und selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten sich lange gegen eine Frauenquote gesperrt. Es sollte freiwillig funktionieren, tat es aber nicht. Vier Jahre hat es nun seit der Einführung gedauert, bis der Frauenanteil in Aufsichtsräten über 30 Prozent gestiegen ist und dem ersten Vorstand eines Dax-Konzerns eine Frau vorsteht. (Tagesspiegel)

Die Quote gilt allein für börsennotierte und mitbestimmungspflichtige, mindestens 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter große Unternehmen. Wenig überraschend also, dass Frauen in kleineren Konzernen im Schnitt deutlich seltener in Führungspositionen vertreten sind. Ohne Gesetz klappt's wohl nicht.