Bild: Nike Laurenz
Wie tritt man dafür ein, dass Frauen so behandelt werden sollten wie Männer?

Spielstraßen, sanierte Fassaden, Buchsbaum, an diesem Ort lässt sich eine Geschichte erzählen über den Kampf gegen die Benachteiligung von Frauen. 

In Sulzbach bei Saarbrücken zeigen die Fensterläden an, wo Marlies Krämer wohnt. Das einzige Haus, an dem welche hängen, ist ihres. 

Was viel über die Frau aussagt, die in Deutschland für konsequenten Feminismus steht. "Als wir einzogen, wollten sie, dass die Häuser in der Straße gleich aussehen. Ich hab gesagt: Nix. Fensterläden dranlassen. Die sind mein Stolz", sagt Krämer.

Von Hamburg nach Sulzbach: Eine Geschichte über das Kämpfen(Bild: Screenshot / Laurenz)

Die Läden blieben. Heute ist Krämer 80, seit 1962 lebt sie in ihrem Haus und seitdem ist es schwierig, ihr auszureden, was sie sich vorgenommen hat.

Als in den Neunzigern ihr Reisepass verlängert werden musste, zog sie vor Gericht. Sie erreichte, dass Frauen in dem Dokument als "Inhaberin", nicht als "Inhaber" bezeichnet werden.

Sie setzte durch, dass schöne Wetter bringende Hochdruckgebiete, die bis dahin nur Männernamen trugen, auch Frauennamen bekommen.

Sie verklagte die Sparkasse, weil sie Kundinnen in ihren Formularen als "Kunde" bezeichnet. Als sie für ihre Verdienste eine Bürgermedaille bekommen sollte, lehnte sie sie ab. Sie ist eine Bürgerin.

Ist das bewundernswerte Hartnäckigkeit oder Starrsinn? Wie sehr muss Feminismus nerven? Wie tritt man heute dafür ein, dass Frauen so behandelt werden sollten wie Männer? 

So wie Beyoncé, die in ihren Songs Sexismus anprangert und auf Bühnen Banner mit dem Wort "Feminist" ausrollen lässt? 

So wie Kanzlerin Merkel, die auf einem Podium des Frauengipfels zugab, keine Feministin zu sein? Anschließend wurde sie bejubelt, diese Ehrlichkeit mache sie zu einer starken Frau.

Oder so wie H&M, dessen Klamotten mit "Feminism is for everyone" bedruckt sind?

In Sulzbach fängt der Kampf für eine gerechte Gesellschaft und eine intakte Umwelt draußen an. Beim Klingelschild. "Weg mit dem Atomprogramm. Krämer", steht da. Sie öffnet. Feines Haar, leichte Weste, Rollator. Man muss nicht radikal aussehen, um es zu sein.

Nix. Fensterläden dranlassen
Marlies Krämer

Drinnen Teppiche auf Fliesen, in der Küche Einmachgläser, Energiesparlampen, es gibt Mineralwasser zu trinken. Im Wohnzimmer ist schon mehr Ansage, zerlesene Bücher von Rosa Luxemburg und Oskar Lafontaine stehen in Regalen, zwischendurch Postkarten mit Aufdruck: "Suche fünf fleißige Männer oder eine Frau." Die Spülung von Krämers Klo ist abgestellt, es gibt eine Kanne mit Brauchwasser zum Nachgießen.

Bücher von Marlies Krämer: Wohnzimmer mit Ansage(Bild: Nike Laurenz)

Es geht ihr hier gut bis bestens, sagt sie. Aber es brauchte, bis es so war. Je härter ihr Leben, desto mutiger ihre Aktionen.

Vielleicht, weil ein Gedanke erst schmerzen muss, bevor er zur Idee wird. Vielleicht, weil man Erniedrigungen lange ertragen muss, bis man sie in Stärke umwandeln kann.

Krämer ertrug Jahrzehnte. 

Sie wuchs in einer armen Familie auf, wurde katholisch erzogen. Ihre Schuhe, die von Anfang an zu klein waren, trug das Mädchen Marlies Krämer, bis sie auseinanderfielen. "Es war keine schöne Kindheit", sagt sie leise. "Mutter tat mir leid. Sie war nur zu anderen gut, nie zu sich selbst, wie die Kirche es vorschrieb. Vater war Patriarch."

Er war es auch, der ihr den Beruf diktierte: Nach der Schule musste sie Verkäuferin werden, obwohl sie Sprachen studieren wollte und ihre Schule ihr ein Stipendium dafür gegeben hätte.

Mit 21 heiratete sie, bekam vier Kinder. "Und damit war es das." Krämer schaut in ihren Schoß. "Aber der Wissensdurst verging nie."

Marlies Krämer in jungen Jahren: "Es war keine schöne Kindheit"(Bild: Nike Laurenz)

Als ihr Mann bei einem Unfall ums Leben kam, verging der Wissensdurst für einige Zeit vielleicht doch. Krämer musste allein durchkommen. Sie lieh sich Geld, kaufte das Haus mit den Fensterläden. Es machte das Leben nicht leichter.

"Ich war tot von der Maloche", sagt sie über diese Zeit, in der sie als Küchenhilfe in der Mensa der Saarbrücker Uni arbeitete. Sie hätte dort gern im Hörsaal gesessen, nun wusch sie von früh bis spät Geschirr, kroch mit Lappen unter Schränke.

Ich war tot von der Maloche
Marlies Krämer

Sie dachte an ihren Vater und wie er sie nie selbst entscheiden ließ, dachte an die Befehle und wie sie gehorchte. Sie putzte und servierte. 

Es tut noch immer weh. "Ich riss mir den Arsch auf für die schwerste Arbeit, aber die, die rausgeputzt in den Büros saßen, bekamen mehr Geld." Krämers Stimme donnert. 

"Und dann die Verschwendung. Immer blieb was liegen, was wir dann in den Abfluss schleuderten. Das Wasser wurde angestellt, eine Stunde, bevor Geschirr zu uns zurückkam. Es gab keinen Ölabscheider, der Schmutzwasser filtert, und die Becher waren aus Plastik."

Wenn sie sich darüber ärgerte, gab es Gelächter. "Sie tuschelten und lästerten", Krämer schaut grimmig. Auch die Kolleginnen fühlten sich benachteiligt, aber sie wollten nicht rausfliegen. Krämer kuschte nicht. Sie bat allein um eine Filteranlage, bat darum, den Hahn später aufzudrehen. Vergeblich.

Marlies Krämer im Wohnzimmer: "Der Wissensdurst verging nie"(Bild: Nike Laurenz)

Sie ging nach Hause und sah ihre Kinder auf dem Sofa sitzen. "Das meiste, was ich zu ihnen sagte, war: nein. Schokolade, Limo, Eis waren nicht drin, obwohl ich jeden Tag zur Maloche ging. Es war nicht fair." 

Bei dem Gedanken daran, dass ihre Kinder bald dasselbe durchmachen könnten, wurde ihr übel. Sie schrieb dem Kultusminister einen Brief.

Monate vergingen. Dann stand in der Mensa eine Filteranlage, die Plastikbecher wurden abgeschafft. 

Der Tag fühlte sich für Krämer wie ein neues Leben an. Sie sah, dass sie doch was erreichen kann, als Frau. Wenn Ölabscheider, was ging dann noch?

Doch ihre beharrliche Art erschwerte die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen immer mehr. Man kündigte ihr. Krämer wollte das nicht akzeptieren, zog vors Gericht, das entschied, sie müsse wieder eingestellt werden.

Doch Krämer hatte es satt.

Sie beantragte Arbeitslosengeld, begann ein Soziologiestudium, trat der SPD bei, später der Linkspartei. Und sie blieb das, was man eine unbequeme Person nennt.

Pinnwand von Marlies Krämer: "Das meiste, was ich sagte, war: nein"(Bild: Nike Laurenz)

Im Programm der Volkshochschule bemängelte sie die ausschließlich männliche Sprachform, obwohl überwiegend Frauen die Weiterbildungen in Anspruch nahmen. Sie schlug aufs Rednerpult und rief, Frauen müssten für gleiche Leistung dasselbe verdienen wie Männer. Am Morgen titelte die örtliche Zeitung ihr Gesicht.

Einige Bekannte von ihr dachten, sie habe sie nicht mehr alle, und brachen den Kontakt ab. Krämer war Schlimmeres gewohnt, sie hatte ohne Mann und mit Mensa vier Kinder großgezogen.

Die Tochter und die drei Söhne hielten zu ihr, ansonsten musste sie allein damit klarkommen, verachtet zu werden.  

Denn es ist bis heute so: Wenn Frauen öffentlich Stellung beziehen, ihre Interessen vertreten, werden sie, anders als Männer, gleich als schrill oder quengelig wahrgenommen, schreibt die populäre britische Historikerin Mary Beard in ihrem 2017 erschienenen Manifest "Frauen und Macht". Frauen werde jede Autorität abgesprochen. 

Krämer, "Nein!"-Ohrringe: "Solange es geht, lass ich von mir hören"(Bild: Nike Laurenz)

Krämer erlebte das oft, aber sie kämpfte weiter. Sie wurde zornig auf all jene, die Frauen in der Sprache nicht vorkommen lassen. "Wir werden permanent zum Mann umfunktioniert oder totgeschwiegen. Dabei leisten Frauen fundamentale Arbeit für Staat und Gesellschaft. Vor allem sie erziehen die Kinder, pflegen Kranke und betreuen die Alten. Zum Nulltarif und ohne eigenen Rentenanspruch." Die Mütterrente, die es seit 2014 gibt, zählt bei ihr offenbar nicht.

Aus jeder ihrer Erfahrungen erwuchs eine neue Kampfansage, und was das ist, lernt, wer Marlies Krämer drei Stunden zuhört. Sie lässt sich nur ungern unterbrechen: Feminismus bedeutet, für die Rechte der Frauen zu kämpfen, um die Rechte der Menschen zu verbessern! Feministinnen sind auch Umweltaktivistinnen! Sie haben kein dickes Auto und sie tragen auch kein H&M! Feministinnen wissen von Bangladesch!

Küche von Marlies Krämer: Feministinnen haben kein dickes Auto(Bild: Nike Laurenz)

Krämer ist keine für Kompromisse, sie betrachtet nicht einmal bisherige Errungenschaften als solche. Frauenquote, Mutterschutz, familienfreundliche Arbeitszeiten, es sind keine nennenswerten Reformen, solange die Benachteiligung in ihrem Ursprung nicht beseitigt wird: der Sprache.

Der griechische Philosoph Sokrates begriff das schon vor 2500 Jahren. Krämer zitiert ihn ständig: Wer in der Sprache nicht vorkomme, schrieb er, der käme es auch nicht im Bewusstsein. Heute belegen das Studien, die zeigen, dass Frauen nicht automatisch mitgedacht werden, wenn sie unerwähnt bleiben. Wer also ständig Kunde sagt oder hört, der schließt unterbewusst aus, dass es auch Kundinnen gibt. 

Krämers Küchentisch: Wie sehr muss Feminismus nerven?(Bild: Nike Laurenz)

Der Bundesgerichtshof kam trotzdem zu dem Urteil, die Sparkasse müsse Kundinnen in Formularen auch weiterhin nicht nennen, Frauen erlitten dadurch keinen Schaden. 

Krämer reckt den Zeigefinger, sie donnert wieder. "Das Urteil legitimiert die geringe Wertschätzung von Frauen, es ist ein Schaden", ruft sie. Wegen der Sparkasse wird sie vors Bundesverfassungsgericht ziehen.

"Solange es geht, lass ich von mir hören", sagt Krämer. Dann steht sie auf, 13 Uhr, Zeit für ihren Mittagsschlaf. 



Sport

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