Bild: Screenshot/ZDF
Wenn er Kanzler werden will, sollte er sich der neuen Realität bald stellen

59 Minuten lang nickt Friedrich Merz bei "Markus Lanz" am Dienstagabend im ZDF meist professionell zuhörend. Nur der zuckende Mundwinkel verrät immer wieder, dass es ihm wohl nicht leichtfällt, Luisa Neubauer von "Fridays for Future" ruhig zu folgen. Sie, die Klimaschutz-Aktivistin, kritisiert ihn, den Vielleicht-nochmal-Kanzler, hart. 

Nach einer Stunde reicht es ihm. "Frau Neubauer, da hab ich einen konkreten Vorschlag", ruft er, "kandidieren Sie im nächsten Jahr für den Bundestag und kämpfen Sie in Deutschland für Mehrheiten!" Wumms. 

Es ist einer der Sätze, bei denen unter normalen Umständen wohl das Studio-Publikum gejohlt hätte. Denn Merz sagte, was viele Menschen gerne sagen: Beweis dich erstmal irgendwo. Stell dich hinten an und warte, bis du dran bist. Quatsch nicht dumm rum, sondern mach mal. 

Doch es applaudierte niemand. Das Studio war Corona-bedingt leer. Und Friedrich Merz offenbarte mit seinem Blick in diese Stille, dass er wohl nicht mehr ganz versteht, wie Politik im Jahr 2020 funktioniert. Denn Luisa Neubauer "kämpft" längst für Mehrheiten. Sie macht längst Politik – und das durchaus mit Erfolg. 

Gut möglich, dass die 24-Jährige, die auch Mitglied bei den Grünen ist, im kommenden Bundestag sitzt. Doch es wäre nicht der Anfang ihres Engagements, sondern nur eine Bestätigung dafür, dass sie längst wahrgenommen wird. Schon jetzt haben die Proteste des vergangenen Jahres grundlegend verändert, wie über die Klimakrise diskutiert wird. Das Thema spielt in Umfragen und Diskussionen eine zentrale Rolle. Hunderttausende Menschen gingen für wirksamere Gesetze auf die Straße. Monatelang und bundesweit. 

Es ist ein Erfolg, den Schülerinnen, Schüler und Studierende ohne Mandate erreichten. Oder vielleicht sogar deshalb. Auch in vielen anderen Bereichen lief es in den vergangenen Jahren so. Erst vor wenigen Wochen protestierten Hunderttausende gegen Rassismus, sogar trotz Corona. Im vergangenen Jahr mobilisierten die "Seebrücken"-Bewegung, das linke "Unteilbar"-Bündnis und weitere Initiativen zahlreiche Menschen. Parteien schlossen sich teilweise an, Initiatoren waren sie aber nirgendwo.

Dass Friedrich Merz das bislang wohl nicht realisiert hat, zeigt, wie wenig ihn die Diskussionen offenbar interessierten. Eigentlich wollte er um diese Zeit schon im Kanzleramt sein. Dass er das Jahr 2020, wie viele Menschen, eigentlich anders geplant hatte, kann er auch bei Markus Lanz kaum verbergen. 

Statt im zweiten Versuch CDU-Chef zu werden, Angela Merkel abzulösen und im Regierungsairbus durch die Welt zu jetten, muss Merz jetzt vom Standort Deutschland aus weiter Schlagzeilen produzieren. In der vergangenen Woche empfing er den SPIEGEL im waldgrünen Anzug, um für Schwarz-Grün und sich zu werben. 

Doch das Politikverständnis, das er bei Markus Lanz offenbarte, könnte ihm dabei noch zum Verhängnis werden. Luisa Neubauer, der immer wieder Beliebigkeit nachgesagt wurde, machte von Beginn an klar, dass sie Merz an dem messen will, was er aktuell bewirken kann – und nicht daran, was er vor zwei Jahrzehnten oder in einem Jahr einmal erreicht haben könnte.

"Niemand kann Ihnen Klimafreundlichkeit attestieren – außer den blanken Zahlen", sagte sie irgendwann zu Merz' schwarz-grünen Regierungsplänen. Schon davor hatte sie ihm vernichtend attestiert, "mandatspolitisch gesehen" zurzeit ja in Wahrheit "absolut gar nichts" zu sein. Es war ein brutaler Satz, der aber vielleicht vor allem deshalb aufrüttelte, weil er, anders als viele andere Sätze bei "Markus Lanz", im Kern stimmt. 

"Für die Grünen, für die SPD, für die CDU – ist mir völlig wurscht!", rief er ihr hinterher, als es später darum ging, für welche Partei sie denn ein Bundestagsmandat anstreben sollte. Es klang, als habe sie ihr Studium noch nicht abgeschlossen und müsse noch einmal von Null anfangen, bevor sie zu Hause etwas vorweisen könne. Doch auch das ist nicht richtig. 

Tatsächlich ist es so, dass die Klimaschutz-Proteste in den vergangenen 12 Monaten wohl mehr Einfluss auf die Bundesregierung hatten als der ehemalige Unionfraktionschef in den vergangenen 12 Jahren. Friedrich Merz kann vielleicht noch einmal mächtig werden, Luisa Neubauer ist es schon.

Die junge Protestbewegung hat längst eine Dynamik entwickelt, die alle Parteien auf den Prüfstand stellt. Selbst die Grünen mussten im vergangenen Jahr plötzlich aufpassen, dass sie beim Klimaschutz nicht von der öffentlichen Stimmung überholt werden. Wenn sie im kommenden Jahr mit Merz eine Regierung bilden sollten, dürfen sie ihm und seinem waldgrünen Anzug nicht näherstehen als den Hunderttausenden, die für grüne Kernthemen auf der Straße waren.

Klassische Politkarrieren gibt es selbstverständlich immer noch. Doch junge Politiker wie Kevin Kühnert profitieren vor allem dann, wenn sie die gesellschaftlichen Stimmungen ehrlich benennen können. Wenn Friedrich Merz im kommenden Jahr CDU-Chef und erster schwarz-grüner Kanzler werden will, sollte er sich dieser neuen Wirklichkeit bald stellen. Vielleicht kann er ja auch mal eine Demo anmelden.


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