Die Aktion "Maria 2.0" ist der größte Protest in der Kirche seit Jahren.

Wie viele Frauen braucht es, um den Kurs des Papstes zu ändern? In hunderten katholischen Gemeinden gärt es: der unaufgeklärte Missbrauchsskandal, das Verbot weiblicher Priester, das Zölibat, die Sexualmoral. Seit Montag protestieren Tausende Katholikinnen in ganz Deutschland dagegen. Das Vorhaben der Frauen, die sich unter dem Schlagwort "Maria 2.0" versammeln, ist überall dasselbe: Sie wollen eine Woche lang keine Kirche betreten, ehrenamtliche Arbeit ruhen lassen.

Für Großstadt-Atheisten mag das harmlos klingen, doch in vielen kleinen Gemeinden kommt es einem Streik gleich. 

Viele der Frauen feiern unter freiem Himmel spontan eigene Gottesdienste, mit Predigten und Reden. Einfach so, ohne die Priester.

Priester laufen vor dem Münster Freiburg an Frauen der Initiative "Maria 2.0" vorbei. Auf einem Banner der Frauen steht "Das 11. Gebot: Fürchte Dich nicht vor dem Weiblichen."

(Bild: Patrick Seeger/dpa)

Die Proteste gegen die Missstände in der katholischen Kirche werden von keiner zentralen Stelle organisiert, es gibt keinen Verein und keine PR-Agentur dahinter. 

Ausgelöst wurden sie vielmehr von einer Petition an den Papst, die laut Campact inzwischen mehr als 22.000 Menschen unterzeichnet haben. Veröffentlicht wurde sie im März von fünf Frauen aus Münster. Lisa Kötter, 59, ist eine von ihnen. Sie sagt: "Wir sind eine Graswurzelbewegung, keine Profis." Und:

Unsere Forderungen stehen auf alten Bettlaken und nicht auf Instagram.
Lisa Kötter, Mit-Initiatorin von "Maria 2.0"

Die Facebook-Seite von "Maria 2.0" hat bis heute kaum mehr als 3000 Fans. Verziert ist sie mit selbstgemalten Bildern von Lisa Kötter. In Zeiten von Social Bots und Fake News ist das ein ungewöhnlicher Protest: eine einfache Petition auf einem Online-Portal und viel Vernetzung vor Ort, mit GMX-Mailadressen und Telefonanrufen. Doch es funktioniert. Inzwischen erhalten Kötter und ihre Mitstreiterinnen Nachrichten aus der ganzen Welt, sogar aus Chile.

Wir Frauen können nicht noch 1000 Jahre warten. Es reicht, jetzt muss sich etwas verändern.
Lisa Kötter

Kritiker haben den Frauen aus Münster vorgeworfen, "unkatholisch" zu sein, erzählt Lisa Kötter. "Manche fänden es wohl gut, dass wir in die evangelische Kirche wechseln." Doch die fünf denken nicht daran. Ihre Petition macht klar, dass auch Beschwichtigungsversuche wie ein symbolischer Kardinalsbesuch die Sache nicht mehr beenden könnte. 

Dafür ist die Empörung der Frauen zu groß. Und die Liste ihrer Forderungen zu lang:

  • Wer in der Kirche Missbrauch begangen oder vertuscht hat, soll sein Amt verlieren
  • Die Kirche soll mutmaßliche Täter an zivile Gerichte übergeben und mit Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten
  • Frauen sollen Zugang zu allen Ämtern der katholischen Kirche erhalten
  • Das Pflichtzölibat soll abgeschafft werden
  • Die Sexualmoral der Kirche soll sich künftig "an der Lebenswirklichkeit" der Menschen ausrichten

Dazu heißt es: "Wir stehen fassungslos, enttäuscht und wütend vor dem Scherbenhaufen unserer Zuneigung und unseres Vertrauens zu unserer Kirche." Und: "Wir handeln. Wir hängen diesen Brief an alle Kirchentüren. Von Samstag, 11. bis Samstag, 18. Mai 2019 betreten wir keine Kirche und tun keinen Dienst. Wir alle wissen, wie leer dann die Kirchen sein werden und wie viel Arbeit unerledigt bleiben wird."

Lisa Kötter will den Protest vor die Kirchen tragen. "Wir bleiben eine Woche lang draußen. Das zeigt doch ganz gut, wo wir bislang in der Kirche stehen."

(Bild: Friso Gentsch/dpa)

Der Text hat ein paar Rechtschreibfehler, auch Begriffe wie "Schändung" würden PR-Profis heute wohl eher vermeiden. "Wir sind sicherlich auch mal ungeschickt", sagt Lisa Kötter. Doch das alles macht die Botschaft vermutlich nur noch ehrlicher. Die Unterzeichnenden wissen, was gemeint ist.

Auch Judith Klaiber sieht das so. Die 31-jährige Theologin unterstützt die Petition, auch wenn sie noch bei keiner der Protestaktionen von "Maria 2.0" dabei war. "Ich finde einfach keine Zeit für die Proteste, auch wenn sie wichtig sind", sagt Klaiber und fährt mit einem Satz fort, den man als Laie von einer promovierten Katholikin kaum erwarten würde:

Ich habe seit Jahren keine Gemeinde mehr, in der ich zu Hause bin.
Judith Klaiber, Theologin

Klaiber glaubt, dass es vielen jungen Christen so geht. In ihrem Leben hat sie bislang in fünf Städten gelebt. Im Vergleich zu ihren Freunden ist das nicht mal viel. Derzeit wohnt sie in Wien, meistens. Für das klassische Konzept der katholischen Kirche sei das jedoch zu viel. An einem Ort wohnen, sonntags zur Kirche gehen, irgendwann heiraten, auf den Pfarrer hören – auch für gläubige junge Menschen ist das meist kein Konzept mehr.

Judith Klaiber will nicht länger warten.

(Bild: Joseph Krpelan)

Die Gemeinde, in der Judith Klaiber noch am ehesten zu Hause ist, heißt Twitter. Dort erlebt sie, wie andere junge Katholiken denken. Die 31-Jährige und ihre katholischen Kontakte bilden "eine Bubble", wie Klaiber selbst sagt. Doch das sind Dorfgemeinden oft auch. Weltliches Engagement zur Europawahl mischt sich in ihrer Timeline mit der Forderung nach kirchlichen Reformen. Sie retweetet Nachrichten mit dem Hashtag #mariafeminista.

"In meinem Umfeld ist es klar, dass auch die Männer Veränderung wollen und brauchen", sagt Klaiber. Es wirkt absurd: Auf der einen Seite stehen junge Frauen, die sich gerne gleichberechtigt in die Kirche einbringen würden, aber nicht dürfen. Auf der anderen Seite verliert die Kirche junge Männer, die nichts mit dem Missbrauchsskandal zu tun haben und ihr Leben nicht dem Zölibat unterwerfen wollen.

Judith Klaiber gibt offen zu, dass sie sich oft über die Kirche ärgert.

Aus ihrer Sicht zögern viele Priester und Bischöfe den Wandel so lange wie möglich hinaus. Klaiber hat das Gefühl, die männlichen Amtsträger wüssten, dass ein Kulturwandel kaum vermeidbar sei: mehr Frauen, weniger Macht. Die Frage sei nur, wann. Und wie viele Männer bis dahin noch davon profitieren könnten.

Die alten Rahmen verlieren rasant an Bedeutung.
Judith Klaiber

Für die Theologin, die sich in ihrer Dissertation mit Werten beschäftigt hat, steht die Amtskirche vor ähnlichen Herausforderungen wie viele Unternehmen in Zeiten der #MeToo-Debatte: "Im Prinzip sind es dieselben Themen wie überall: Diversity und Equality. Das sind Führungsthemen. Auch für die römisch-katholische Kirche."

Doch gibt sich die Kirche nicht bereits Mühe? Erst vor wenigen Wochen verabschiedete die Deutsche Bischofskonferenz einen verpflichtenden Frauenanteil von 30 Prozent für Leitungsfunktionen. Die katholische Kirche hat jetzt eine Frauenquote eingeführt, noch vor der FDP. Doch für Judith Klaiber ist das nur Augenwischerei:

Was soll eine 30-Prozent-Quote für die Hälfte der Menschheit? Das verzögert nur weiter die Gleichberechtigung und zementiert bestehende hierarchische Machtgefälle.
Judith Klaiber

Vor Kurzem zeigte eine Studie, dass die beiden großen Kirchen bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren dürften (SPIEGEL).

Judith Klaiber und Lisa Kötter haben sie gelesen. Beide wollen nicht, dass es soweit kommt. Sie wollen in der katholischen Kirche bleiben. Doch sie wollen auch, dass sie sich verändert. Judith Klaiber sagt, dass sie sich gerade für mehrere Juniorprofessuren für Theologie beworben habe. Würde sie auch katholische Priesterin werden wollen? Das zwar nicht, sagt die 31-jährige Theologin. Aber Kardinälin fände sie gut.



Gerechtigkeit

Warum der EU-Wahl-O-Mat besser ist als der deutsche

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