Keine Solidarität, nur Desinteresse und Geschwafel über Nationalstolz.

Mesut Özil hat 92 Mal für die deutsche Nationalmannschaft gespielt. Er ist Weltmeister geworden, stand für einen neuen deutschen Fußball. Nachdem Mesut Özil am 22. Juli aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist, kam lange: nichts. Bundestrainer Joachim Löw hat sich bis heute nicht zu Özils Vorwürfen geäußert. Auch Özils Teamkollegen schwiegen, kein Dank für all die Spiele, nur einige wenige verabschiedeten ihn mit Posts in den sozialen Netzwerken.

(Bild: dpa/Bernd Weissbrod)

Jetzt haben sich mit Manuel Neuer und Thomas Müller endlich zwei der Führungsspieler der Nationalmannschaft zur Debatte geäußert. Im Nachhinein muss man sagen: Hätten sie es mal besser gelassen. Die Aussagen sind unsolidarisch. Sie offenbaren eine gefährliche Teilnahmslosigkeit. Und sie zeigen, dass beide offenbar nicht verstanden haben, worum es in der Debatte, die Özil angestoßen hat, überhaupt geht.

1

Thomas Müller

(Bild: dpa/Peter Kneffel)

Beginnen wir mit Thomas Müller. In Interviews hat Thomas Müller oft gute Laune. Wenn er über Mesut Özil reden muss, schwindet die offenbar. Das Thema werde von den Medien befeuert, es sei eine "heuchlerische Diskussion". Müllers Meinung zu Özils Vorwürfen, zu seinem Rücktritt:

Wir sollten die Diskussion endlich beenden. Von Rassismus im Sport und in der Nationalmannschaft kann keine Rede sein.
Thomas Müller

Kein Wort der Aufmunterung für den (ehemaligen) Teamkollegen, kein Zeichen von Solidarität. Stattdessen betont Müller etwas, das gar nicht zur Diskussion steht. Özil hat nie davon gesprochen, dass es innerhalb des DFB-Teams zu Rassismus gekommen sei. Aber Müller stellt noch mal klar: hat es nie gegeben.

Mehr noch, Müller will sogar wissen: Von Rassismus im Sport generell könne keine Rede sein. 

Da fragt man sich, warum Spieler wie Antonio Rüdiger und Kevin-Prince Boateng seit Jahren von rassistischen Rufen berichten. Warum die größten Sportstars in Anti-Rassmismus-Kampagnen auftreten und auch der DFB sich zu solchen bekennt. Und man fragt sich, ob Müller die Debatte, die mit dem Hashtag #MeTwo gerade entstanden ist, einfach nur lästig findet. Unsensibler geht es kaum. Müller tut Özils Erfahrungen einfach ab: gibt es nicht, Diskussion bitte beenden.

2

Manuel Neuer

(Bild: dpa/Andreas Arnold)

Manuel Neuer ist Kapitän der Mannschaft, hätte also zur größten Debatte im deutschen Fußball seit Jahren gerne etwas sagen dürfen. Allerdings sei erst mal Urlaub angesagt gewesen, argumentiert Neuer im Interview. Außerdem:

Wenn man nicht gefragt wird, muss man auch nichts sagen.
Manuel Neuer

Die Einstellung irritiert. Wenn jemand zu Özils Rücktritt, seinen Vorwürfen, dem offensichtlichen Rassismus gegen Özil etwas hätte sagen sollte, dann er. Diese Nicht-Haltung zieht sich durch Neuers gesamtes Interview. Özils Rücktritt wolle er nicht bewerten, sagt Neuer. Die Sache sei "anstrengend".

Dann bewertet Neuer dennoch. Vor allem in dieser Passage: Der DFB müsse nun "auch wieder die Spieler da haben, die wirklich stolz sind, für die Nationalmannschaft zu spielen, und alles dafür zu geben, für das eigene Land zu spielen."

Der Satz impliziert, dass bisher nicht alle Spieler stolz waren, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen; dass nicht alle alles "für das eigene Land" gegeben haben. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

  • Mesut Özil tritt zurück, weil er sich rassistisch beleidigt fühlt.
  • Weil er vielen im Falle des Misserfolges als Einwanderer und nicht als Deutscher gelte.
  • Weil er zum Beispiel nach dem Südkorea-Spiel von einem Fan "Türkensau" und "Türkenschwein" genannt worden sei.

Und was macht Neuer? Er fordert in seiner ersten Reaktion nach dem Özil-Rücktritt, dass nun "wieder" Spieler eingeladen werden sollten, die "wirklich" stolz sind für das eigene Land zu spielen. Neuer erwähnt Özils Namen in dem Satz nicht, dass er ihn trotzdem meint, ist wahrscheinlich. Es muss ihm zumindest klar sein, dass der Satz so interpretiert wird.

(Bild: dpa/Julian Stratenschulte)

Sportlich ist das Unsinn. Als wäre die Nationalmannschaft ausgeschieden, weil die Spieler nicht stolz genug waren.

Schlimmer noch: Zwischen den Zeilen befeuert Neuer damit die Geschichte, Özil sei nicht stolz darauf gewesen, für Deutschland zu spielen. Die Debatte wird von Teilen der Öffentlichkeit immer wieder geführt, gerne auch mit Verweis darauf, dass Özil die Nationalhymne nicht mitsingt. Was dabei immer mitschwingt: Özil sei kein "richtiger Deutscher". Genau gegen diese Erzählung hat Özil sich in seinem Statement gewehrt, genau wegen ihr ist er zurückgetreten. Neuers Worte sind eines DFB-Kapitäns unwürdig.

Übrigens ist nicht nur Özil nach einem schlechten WM-Spiel Opfer von rassistischen Beleidigungen geworden. Auch der Schwede Jimmy Durmaz wurde nach seinem Foul im Spiel gegen Deutschland beschimpft. Anschließend hielt er eine Rede, seine Mitspieler standen hinter ihm. Zum Abschluss sagten alle: "Fuck Racism!" (bento)

Wenn Özils Teamkollegen zur Debatte um den Alltagsrassismus, den es im und außerhalb des Sports gibt, schon nichts Konstruktives beitragen wollen, hätten sie sich wenigstens auf dieses Mindestmaß an Haltung einigen können.


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Wie jetzt, kein Schlamm?! So reagieren die Wacken-Besucher auf die Hitze
Inklusive Staubcatchen.

Es ist wieder Wacken! Und das bedeutet normalerweise: Es ist laut, hart und schlammig.

Laut und hart trifft nach wie vor zu. Doch das diesjährige Wacken-Festival ist durch die Hitze komplett trockengelegt – kein Schlamm weit und breit! Dafür brennt in diesem Jahr die Sonne herab, Staub liegt in der Luft. Für die treuen Festivalgänger ist das ein ungewohntes Bild. Doch sie passen sich an. Hier sind die besten Wacken-Hacks gegen Staub und Hitze: