Erinnerst du dich an die Frau, die "Manspreader" in der U-Bahn bestraft? Die EU glaubt an einen Fake.

Männer sitzen breitbeinig in der U-Bahn, eine Frau bestraft sie dafür: Mit Furor kippt die Aktivistin ihnen ein Gemisch aus Bleiche und Wasser in den Schoß. Die "Manspreader", so werden die breitbeinig sitzenden Männer genannt, werden zu Opfern. Empören sich, springen auf. 

So ist es in einem Facebook-Video von "In the Now" zu sehen. Mehr als sechs Millionen Nutzerinnen und Nutzer haben das Video angeschaut, mehr als 53.000 es auf Facebook geteilt. Viele Medien berichteten über die Aktion der jungen Aktivistin. Zum Beispiel der Deutschlandfunk.

Die Aktion sei Teil einer Anti-Macho-Kampagne, wird in dem Video erklärt, das "Manspreading" eine "Gender-Aggression". Dabei sitzen nicht alle in dem Video gezeigten Männer extrem breitbeinig. Ein Mann schläft gar.

"Einige meinen, sie sei zu weit gegangen. Einige meinen, es sei alles gestellt", wird in dem Video erklärt. Aber: Die Aktivistin werde nicht aufhören, bevor ihre Botschaft erhöhrt werde.

Das Problem: Das Videokönnte gestellt sein. Mindestens eines der vermeintlichen Opfer wurde für seine Teilnahme am Videodreh offenbar entlohnt. So hat es das kritische russische Magazin "Bumaga" berichtet. Einer der Männer habe in einem Online-Netzwerk zugegeben, für seine Schausspielerei bezahlt worden zu sein. Er habe den Post anschließend gelöscht, als das Magazin ihm dazu Fragen stellte.

Zudem gab es offenbar keinerlei Beschwerden von Opfern bei der Polizei von Sankt Petersburg, das recherchierte die russische Nachrichtenagentur Tass. Dort wurde das Video gedreht.

Der Bericht des russischen Magazins Bumaga wäre wohl nicht weiter beachtet worden, wenn nicht die "EU Mythbusters" den Artikel aufgegriffen hätten. Sie haben auch eingeordnet, um was es sich ihrer Meinung nach beim Video wirklich handele: russische Propaganda. Gemacht, um die Wut einger Menschen auf Feministinnen anzuheizen. Das Ziel: die westlichen Gesellschaften spalten, Zwietracht sähen. 

Wer sind die "EU Mythbusters"?

Hinter dem Namen verbirgt sich ein Team, das zum Europäischen Auswärtigen Dienst der EU gehört. Der Name: "EU versus Disinformation", auf Twitter sind sie nur die "EU Mythbusters". 

14 Menschen sitzen in einem Büro in Brüssel, scrollen durchs Internet und versuchen Fälle von russischer Propaganda aufzudecken. Nicht alles recherchieren sie selbst. Oft berufen sie sich auf kritische russische Journalisten.

Einer der Aufträge der Mythenjäger: die EU-Bürger auf russische Fake News und anti-westliche Spins hinweisen. Denn inzwischen hat die EU erkannt, was sich in den Timelines der Europäer abspielt.

Der zuständige EU-Sicherheitskommissar Julian King schrieb Anfang des Jahres von einer "regierungsgestützten prorussischen Desinformationskampagne" (Die Welt).

Das russische Militär nimmt das Internet offenbar als ein neues Einsatzgebiet wahr, in dem Falschinformationen als Waffe eingesetzt werden.

Dieser russischen Desinformationskampagne möchte man endlich etwas entgegensetzen. Ein Teil der Initiative der EU-Staaten sind die Mythenjäger in Brüssel. Sie gibt es seit 2015.

Wie gehen die Russen vor?

Wie gut das funktioniert, zeigt das "Manspreading"-Video. Viral ging es vor allem, weil "In The Now" es verbreitet hat. Das Unternehmen gehört laut "EU versus Disinformation" und dem Digital Forensic Research Lab des Atlantic Councils zu "RT". Das ist ein russischer Staatssender, der immer wieder russische Propaganda verbreitet. Für die Zuschauer ist diese Verbindung nicht ersichtlich. Die Videos werden direkt auf Facebook oder Instagram veröffentlicht. Also dort, wo die meisten jungen Leute viel ihrer Online-Zeit verbringen.

Die Videos sind zum großen Teil einfach unterhaltsam: süße Tiere, virale Szenen. Nur ab und zu wird es politisch. Dann aber liegen die Videos erstaunlich oft auf Kreml-Linie. Es geht eher nicht darum, Russland in einem besonders guten Licht dastehen zu lassen. Stattdessen wird unter den Bürgern in der EU und in den USA Zwietracht gesät.

Genau das erklären die "EU Mythbusters" in ihrem Artikel zum "Manspreading"-Video. Ihr Fazit: "In The Now" habe zwar darauf hingewiesen, dass das Video eventuell gestellt sein könnte. Verbreitet und auf Englisch untertitelt habe das Unternehmen es trotzdem. Die Strategie, welche die EU-Mythenjäger "In The Now" unterstellen, sei aufgegangen. Unter dem Video finden sich viele wütende Kommentare. Menschen beschweren sich über allzu aggressive Feministinnen. Ein oft gelikter Kommentar ist dieser hier: 

Die Strategie funktioniere, weil RT und "In the Now" häufig bereits bestehende Konflikte gezielt anfachen würden, erklärt Stefan Meister. Der Wissenschaftler leitet das Robert-Bosch-Zentrum für Mittel- und Osteuropa, Russsland und Zentralasien. In diesem Fall geht es um die Gender-Debatte, die vor allem im Westen seit Jahren geführt wird.

Das Video scheint einen Teil der Öffentlichkeit zu bestätigen, es suggeriert: Einige Feministinnen sind in ihren Ansichten so rücksichtlos, das man sie eigentlich nicht mehr ernst nehmen muss. Debatten werden so radikalisiert. Im schlimmsten Fall hören sich die Menschen gar nicht mehr zu. Ein Kompromiss wird unmöglich.

Das endgültige Ziel solcher russischer Kampagnen ist es, die Gesellschaft zu spalten und das Vertrauen der Menschen in ihre Demokratie und ihre Institutionen zu schwächen.
Stefan Meister

Den Erfolg der Facebook-Seite "In the Now" erklärt sich Meister auch mit dem Unterhaltungswert der Videos. In sozialen Netzwerken würden lustige Sachen eben gut funktionieren. Auch die EU-Leute haben das gemerkt. Sie haben sich (zumindest auf Twitter) einen einigermaßen gut klingenden Namen gegeben, machen sich auch darüber lustig, dass der Chef von RT in seiner Dissertation abgeschrieben habe. Und produzieren ebenfalls kurze animierte Videos, die sie auf Facebook und YouTube verbreiten.

Das Problem: Auf Facebook folgen mehr als 3,7 Millionen Menschen "In The Now". Die Videos sind professionell gemacht, haben oft Tausende Shares. Jedes Mal, wenn das passiert, empfiehlt also ein Mensch seinen Freunden die russische Propaganda – und verleiht ihr so zusätzliche Glaubwürdigkeit.

Den Mythenjägern der EU folgen hingegen gerade mal rund 34.000 Menschen. Im Jahr können sie 1,1 Millionen Euro für Personal und Recherchen ausgeben. Im Vergleich zur Reichweite und dem finanziellen Einsatz der russischen Regierung für Desinformation sei das "ein Witz", sagt Meister. Aber noch vor ein paar Jahren habe die EU noch lediglich einen Newsletter herausgegeben. Im Vergleich dazu seien die "EU Mythbusters" ein großer Fortschritt.

Anmerkung der Redaktion: Die Tagesschau hat inzwischen Zweifel an der Stichhaltigkeit der Indizien geäußert, welche die EU-Agentur anführt. Tatsächlich ist nicht klar, ob das Video wirklich gestellt ist. Wir haben den Text angepasst, um das deutlich zu machen.


Queer

Queere Menschen begehen heute den "Coming Out Day" – dafür steht er

Wer am 11. Oktober in die sozialen Netzwerke schaut, wird vermutlich häufig das Hashtag #ComingOutDay sehen. Es wird von queeren Menschen genutzt, um den "Coming Out Day" zu feiern und eigene Geschichten zu erzählen. 

Was ist der "Coming Out Day" und wofür steht er?

  • Der "Coming Out Day" wird seit 1988 jedes Jahr am 11. Oktober begangen – das Datum ist der Jahrestag des "National March on Washington for Lesbian and Gay Rights", einer Großkundgebung für die Rechte der queeren Gemeinschaft. 
  • Aufgabe des "Coming Out Day" ist es, zu betonen, wie wichtig das Coming-out ist. Außerdem soll er dazu beitragen, ein Umfeld zu schaffen, in dem queere Menschen offen leben und sie selbst sein können (Human Rights Campaign).

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend schreibt auf Twitter, der #ComingOutDay soll "insbesondere junge Menschen ermutigen, diesen Schritt zu gehen".