Als wir in diesem Jahr zusammensaßen, um über den Frauentag zu sprechen, drehte sich die Diskussion vor allem um einen Punkt: Dass der Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit fast ausschließlich von Frauen, Intersexuellen, Trans*- und nichtbinären Menschen geführt wird. Auch in der Berichterstattung. Redakteurinnen schilderten, dass Sonderhefte oder Themenspeziale zum Frauentag in anderen Redaktionen hauptsächlich von Frauen produziert wurden. Und im Redaktionsalltag bedeutete das häufig Mehrarbeit, mal wieder für die Frauen. 

Denn die leisten im Durchschnitt sowieso schon 52,4 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit pro Tag als Männer, genau genommen 87 Minuten, errechnete das Gutachten des zweiten Gleichstellungsberichts des Familienministeriums im vergangenen Jahr (BMFSFJ). Demnach verbringen Männer pro Tag im Schnitt zwei Stunden und 46 Minuten damit, sich um Haushalt, Pflege und Betreuung von Kindern und Erwachsenen oder ihr ehrenamtliches Engagement zu kümmern, bei Frauen sind es vier Stunden und 13 Minuten.

Deshalb haben wir in der Redaktion gemeinsam die Idee entwickelt, die Themen zum Frauentag ausschließlich von den Männern bei bento umsetzen zu lassen, eben #männerfürfrauen. Wir wollten einen Perspektivwechsel vornehmen: Was können Cis-Männer in der heutigen Gesellschaft machen, um sich für mehr Gleichberechtigung aller Geschlechter einzusetzen? Wie erleben sie den politischen und alltäglichen Kampf von Frauen und Queers für mehr Gleichberechtigung? 

Wir wollen gleichberechtigt leben und arbeiten, auch bei bento. Das funktioniert nur, wenn wir uns auch beim Thema Gleichberechtigung füreinander einsetzen. 

Über die Umsetzung haben wir in der Redaktion viel diskutiert. Sollten die Männer wirklich komplett über das Programm bestimmen können? Ist es nicht viel besser, wenn Frauen auch über das schreiben, was Frauen betrifft? Oder wenn die Frauen zumindest die Themen aussuchen?

Letztlich haben wir uns dazu entschlossen, das Experiment zu wagen – und die Männer alles alleine machen lassen. Sie haben Artikel und Videos geplant, gedreht, getextet. Die Beiträge veröffentlichen wir verteilt zwischen dem 05. und 10. März, also rund um den Frauentag, bei bento und auf spiegel.de. Uns ist wichtig zu erfahren, was ihr, unsere Leserinnen und Leser, von der Idee und vor allem der Umsetzung haltet. Schreibt uns an redaktion@bento.de, wie euch das Experiment gefällt und was wir beim nächsten Mal anders machen sollten. Jetzt sind wir erst mal genauso gespannt wie ihr. 

Hier kannst du alle Texte nachlesen. 


Gerechtigkeit

Ministerpräsidentenwahl in Thüringen: "Dass Höcke antritt, ist ein Zeichen"
Wir haben mit jungen Menschen aus der Zivilgesellschaft über die politische Lage in Thüringen gesprochen.

Am 27. Oktober 2019 fanden Landtagswahlen in Thüringen statt. Seitdem regiert dort hauptsächlich das Chaos. Als Anfang Februar der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, schlitterte das Land in die Regierungskrise. Bundesweite Proteste waren die Folge, die gemeinsame Abstimmung von bürgerlich und stramm rechts wurde von vielen als "Dammbruch" bezeichnet. (SPIEGEL)

Wie blicken junge Menschen aus der Thüringer Zivilgesellschaft auf die Krise? Was hat sich ihrer Ansicht nach durch den "Dammbruch" verändert? Und was wünschen sie sich für Thüringens Zukunft?

Wir haben mit jungen Menschen gesprochen, die sich in Thüringen engagieren. 

Sascha*, 22, engagiert sich in einem linken Ladenprojekt und einer feministische Gruppe in Erfurt.

Als ich von der Wahl Kemmerichs erfahren hab, saß ich in der Bibliothek. Ich war geschockt, konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ich war dann bei der Demo, die spontan in Erfurt gestartet wurde. Ich habe von CDU und FDP nicht viel erwartet, aber das hat mich doch überrascht. Es hat gezeigt, dass der Hass auf Linke bei manchen offenbar größer ist als die Ablehnung von Nazis.

Die nächsten Wochen waren für mich und mein Umfeld aufreibend, ständig Demos, wenig Zeit zu verschnaufen.

Ich denke, dass die Wahl Kemmerichs nachhaltig etwas verändert hat. Es wurde klar, dass wir uns im Kampf gegen Rechtsradikalismus nicht auf Bürgerliche und Konservative verlassen können. Auf der anderen Seite glaube ich, dass das linke Lager dadurch enger zusammengerückt ist und einige Gräben zugeschüttet wurden. Ein breites Bündnis von der Antifa bis zur Kirche war gemeinsam auf der Straße.  Ich hoffe, dass wir diese Kräfte weiter bündeln können.

André, 27, Referent für Pflanzenbau und Umwelt beim Thüringer Bauernverband