Fünf Thesen zur Integration und ein Projekt in Hamburg

Bei kaum etwas ist man sich in Deutschland so einig, wie darin, dass Menschen aus anderen Kulturen sich integrieren sollten. Das klingt dann auch immer ganz simpel – als käme es dabei nur auf die Bereitschaft der betroffenen Menschen an. Einfach rausgehen, unter Deutsche mischen, und alles ist geritzt.

Dass es vor allem für Frauen sehr viel komplizierter sein kann, als es im ersten Moment klingt, wird einem bewusst, wenn man nachfragt – zum Beispiel bei den Teilnehmerinnen des LuTZi-Projektes in Bergedorf. Diese leben oft schon seit Jahren in Deutschland – in einem Hamburger Stadtteil mit überdurchschnittlichem Ausländeranteil und hoher Arbeitslosigkeit. Den finalen Schritt aus ihrer kulturellen Nische und vor allem ins Arbeitsleben schaffen sie erst jetzt – dank LuTZi, wo sie mit PC-Kursen, Workshops und persönlichen Gesprächen unterstützt werden. Und vor allem dank ihres festen Entschlusses, "lieber selbstständig zu sein, als immer nur zuhause zu sitzen," wie eine Teilnehmerin es zusammenfasst.

Wenn man sich mit diesen Frauen aus ganz verschiedenen Kulturen unterhält, kommt man unter Umständen auf fünf Thesen zur Integration.

Thesen wie diese hier:

These #1: Wer von Integration spricht, meint in erster Linie Männer.

Das wird nicht immer ausgesprochen. Aber wenn gefordert wird, dass Neuankömmlinge sich zügig Arbeit suchen, dann heißt das meistens: Die Männer sollen sich Arbeit suchen. Sie sind es auch, denen man den größten Bedarf an kultureller Anpassung unterstellt, was zum Beispiel unsere säkulare Gesellschaft und das westliche Frauenbild betrifft.

Bevor man jedoch Männer aus anderen, vermeintlich konservativeren Kulturen zur Gleichberechtigung ermahnt, sollte man zuerst selbst darauf achten, Frauen bei der Integration nicht zu vernachlässigen.

(Bild: Giphy )
These #2: Migrantinnen haben es in Deutschland häufig noch schwerer als Männer.

In Einwanderer-Familien arbeiten zu allererst die Männer. Diese kommen in ihren Firmen dann meist schnell in Kontakt mit Einheimischen und integrieren sich damit zu einem gewissen Grad beinahe automatisch.

Frauen, vor allem muslimische, verkehren dagegen oft nur mit Menschen aus ihrem eigenen Kulturkreis. Sie bekommen von dem Deutschland, in das sie sich integrieren sollen, kaum etwas mit. Und wieso auch: So lange sie nicht arbeiten, gibt es kaum einen echten Grund die Comfort Zone zu verlassen – und kein gutes Argument, mit dem sie den (potenziell) traditionellen Vorstellungen ihrer Familien entgegentreten könnten. Die Lösung:

(Bild: Giphy )
These #3: Migrantinnen haben dieselben Probleme wie viele andere Frauen in Deutschland – nur schlimmer.

Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren – wie es überall gefordert wird – wird für Migrantinnen durch dieselben Faktoren erschwert, denen auch deutsche Frauen ausgesetzt sind: Das mütterliche Gewissen nagt, die Ehemänner fürchten um ihre Stellung, möglichen Arbeitgebern fehlt es an Flexibilität und Einfühlungsvermögen.

Die deutsche Bürokratie hat für ihre Bedürfnisse ebenfalls wenig übrig: Putzfrauen-Stellen werden vielerorts vergeben, als sei das der Traumjob jeder Migrantin – egal, welche anderen Potentiale oder körperlichen Einschränkungen eine Bewerberin haben könnte. Halbwegs flexible oder kinderfreundliche Arbeitszeiten gibt es ebenfalls kaum.

These #4: Die Integration von Frauen – wenn sie richtig gemacht wird – ist fast immer auch ein emanzipatorischer Akt.

Und dieser wiederum hat unweigerlich Einfluss auf die Ehemänner. Diese geraten auf einmal in die Situation, die Tochter von der KITA abholen zu müssen, wenn die Frau bei der Arbeit ist, oder den Söhnen schon mal das Abendessen zu kochen, während die Mutter sich fortbildet. „Der Mann ändert sich, wenn die Frau Geld nach Hause bringt,“ sagt Sameha Akbary, selbst Einwanderin und Teilnehmerin des Projektes LuTZi.

Letztlich verändern diese Frauen also nicht nur das Bild, dass sie von sich selbst haben; nicht nur die Art und Weise, wie ihre Rolle in der Familie gesehen wird; sie werden vielmehr zum Vorbild für alle anderen Menschen ihrer Gemeinschaft. Erst finden sie heraus, was alles möglich ist, dann zeigen sie es ihren Verwandten und Bekannten und dann den Menschen, deren Nägel sie lackieren, deren Großeltern sie pflegen, oder die sie in der Bank bedienen.

(Bild: Giphy )
These #5: Deutschland braucht die versteckten Migrantinnen.

Die wenigsten LuTZi-Teilnehmerinnen sind neu in Deutschland. Alle haben die üblichen Sprach- und Integrationskurse hinter sich, einige leben seit Jahren in einer kulturellen Blase – ungesehen und ungehört vom Rest der Welt. Entwicklungsländern erklärt man immer, dass nachhaltiger Aufschwung unmöglich ist, solange man das kreative Potenzial der weiblichen Bevölkerung ungenutzt lässt. Deutschland ist kein Entwicklungsland, es kann sich jedoch noch einiges entwickeln. Dazu müssen wir allerdings das riesige Potenzial wachrütteln, das seit Jahren hier schlummert.

In den Hamburger Bezirken Bergedorf und Harburg werden den ersten Frauen die Augen geöffnet.

Das „Lern- und Trainingszentrum für Frauen aus aller Welt“ – kurz LuTZi – will in dem Stadtteil Frauen mit Migrationshintergrund dabei helfen, in Deutschland ihren Weg zu machen. LuTZi, das neben Bergedorf auch in Harburg vertreten ist, hilft dabei herauszufinden, was in Deutschland alles möglich ist. „In vielen islamischen Ländern dürfen Frauen nicht arbeiten. Ich habe lange gedacht, in Deutschland sei das auch so,“ erklärt Teilnehmerin Akbary.

(Bild: Pfennig/SBB)

Einige Kurse und zwei Praktika später weiß sie nicht nur, was möglich ist, sie weiß auch, was sie will. Mit Hilfe des LuTZi Projektes nimmt sie an einer Qualifizierung in einer Altenpflegeschule teil. Andere Teilnehmerinnen bereiten ihre Selbstständigkeit als Masseurin und Nagelpflegerin vor oder nutzen ihre Sprachkenntnisse, um in Flüchtlingsunterkünften anderen Familien den Start in Deutschland zu erleichtern.

Das Stadtteilprojekt, Teil des BIWAQ-Programms (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier) und finanziert durch BMUB, EU und die Sozialbehörde Hamburg, lehrt Grundkenntnisse in den wichtigsten PC-Programmen, hilft bei Lebenslauf und Vorstellungsgespräch und bringt die Bewohnerinnen ganz allgemein "auf Betriebstemperatur" für die deutsche Arbeitswelt.

(Bild: Pfennig/SBB)

Außergewöhnlich ist dabei vor allem, wie viel Zeit sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei LuTZi nehmen. Bis zu neun Monate kann die Fortbildung dauern. Während dieser Zeit können die LuTZI-Mitarbeiterin Hayrunisa Aktan und ihre Kolleginnen individuell auf die Bedürfnisse der Frauen eingehen: Mit Kursen, Rollenspielen und einer Menge Erfahrung.

Und dieses Konzept scheint aufzugehen. So gut und sinnvoll finden die Teilnehmerinnen LuTZi, dass sie sagen: "So ein Projekt sollte es auch für Männer geben!" Denn diese würden von der Agentur für Arbeit zwar auf den Beruf vorbereitet. Die Überzeugungsarbeit in Sachen Gleichberechtigung und Arbeitsteilung wird aber ganz den Frauen überlassen.

Und die haben jetzt eigentlich Besseres zu tun.

Kundeninformationen

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) fördert gemeinsam mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) die Chancen von Bewohnerinnen und Bewohnern in benachteiligten Stadtteilen. „Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier – BIWAQ“ heißt das Programm, das quartiersbezogene Projekte mit städtebaulichen Maßnahmen verknüpft und eng mit Partnern vor Ort kooperiert.

In der aktuellen Förderperiode 2014 bis 2020 stehen bis zu 90 Millionen Euro aus dem ESF und 65 Millionen Euro vom BMUB bereit. Ziel ist es, mit lokalen Bildungs-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktprojekten die Qualifikation und beruflichen Perspektiven von Menschen zu verbessern und die lokale Ökonomie zu stärken.

BIWAQ ist ein Partnerprogramm des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“, das vom BMUB und den Ländern finanziert wird. „Soziale Stadt“ richtet seine Aufmerksamkeit auf die Stabilisierung benachteiligter Stadtteile. Mit städtebaulichen Maßnahmen investiert das Programm in Quartiersprojekte für mehr Generationengerechtigkeit und Familienfreundlichkeit, um lebendige Nachbarschaften und sozialen Zusammenhalt zu befördern. Dieses Jahr stellt das BMUB den Kommunen dafür rund 140 Millionen Euro bereit.

Mit der Kampagne „Mehr Platz für Miteinander: Du bist die Stadt“ informiert das BMUB über diese Fördermöglichkeiten und porträtiert beispielhaft Projekte, die auf lokaler Ebene für mehr soziale Teilhabe und mehr Lebensqualität sorgen.

www.du-bist-die-stadt.de


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