Bild: Sebastian Maas / bento
Die deutsche "Fridays for Future"-Vorkämpferin im Interview

Keine junge Deutsche ist in diesem Jahr so prominent geworden wie Luisa Neubauer, 23. Im Winter organisierte sie die ersten Klimastreiks in Berlin, kurz darauf saß sie in Talkshows, stritt sich mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier, traf Barack Obama, Emmanuel Macron und Angela Merkel. Heute ist sie das prominenteste Gesicht der deutschen "Fridays for Future"-Bewegung.

Mit bento spricht Luisa darüber, was der Erfolg für ihr Privatleben bedeutet, was sie von den umstrittenen Aussagen zum Holocaust von Klimaaktivist Roger Hallam hält – und warum sie Gespräche mit wichtigen Leuten manchmal sausen lässt.

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

bento: Gerade gab es wieder schlechte Nachrichten. Die CO2-Emissionen der G20-Staaten steigen weiter, statt zu sinken (SPIEGEL). Wirst du noch wütend, wenn du so eine Nachricht liest?

Luisa Neubauer: Früher wäre ich entrüstet gewesen, heute eher enttäuscht. Es ist tragisch: Wir hoffen ständig auf eine einzige gute Nachricht, auf irgendetwas, woran man sich festhalten kann. Dass nichts kommt, ist ernüchternd.

bento: Gerade hast du mit Alexander Repenning das Buch "Vom Ende der Klimakrise" veröffentlicht. Darin beschreibst du den Moment, in dem du das Gefühl hattest, es sei zu spät. Was hilft dir, nicht zu verzweifeln?

Luisa: Ich versuche, die Angst zuzulassen, wenn sie kommt. Sie kann dann auch mal einen Tag dominieren. Danach hilft mir der Blick darauf, was möglich ist. Aus wissenschaftlicher Sicht ist vieles noch verhinderbar, wenn wir das wirklich wollen. Und es hilft, aktiv zu sein. Der hoffnungsvollste Moment der Woche ist Freitagvormittag, wenn ich sehe, dass wir immer noch da sind. Dann verschwindet die Ernüchterung, die sich über die Woche aufgestaut hat. 

bento: Es wird sehr viel über den Erfolg von "Fridays for Future" gesprochen. Auf der anderen Seite hat sich in der Klimapolitik wenig getan...

Luisa: ...eigentlich gar nichts.

bento: Glaubst du, dass euer Erfolg überschätzt wird?

Luisa: Klar. Wir sind nicht auf die Straße gegangen, damit man über uns spricht, sondern damit man handelt.

bento: Roger Hallam, der Mitbegründer von "Extinction Rebellion" steht gerade wegen relativierender Äußerungen zum Holocaust in der Kritik. Du hast XR in der Vergangenheit öffentlich unterstützt.  Wird das der Bewegung schaden?

Luisa: Ich finde es gut und richtig dass sich XR Deutschland davon distanziert hat. Ich halte von diesen Aussagen gar nichts. Die Klimagerechtigkeitsbewegung wird sich in meinen Augen sicherlich nicht von ein paar unhaltbaren Thesen des englischen Aktivisten aufhalten lassen.

bento: War es eine bewusste Entscheidung, dein gesamtes Leben dem Kampf gegen die Klimakrise zu widmen?

Luisa: Wir haben nach der Klimakonferenz in Katowice angefangen, auf die Straße zu gehen und uns zu organisieren. Ich wusste gar nicht genau, wie sowas funktioniert, ob ich das kann, und ob es irgendetwas bringt. Aber ich war eine der treibenden Kräfte dahinter. Da kann man schlecht einfach wieder aufhören. Ab da hat sich viel verselbstständigt – und die Verantwortung wurde immer größer.

bento: Was hat das mit deinem Leben gemacht?

Luisa: Die ersten fünf Monate in diesem Jahr waren krass. Es war großartig, weil wir so viel auf die Beine gestellt haben. Die Belastung konnte aber kein Dauerzustand sein. Seit "Fridays for Future" muss ich mich gegen die Interessen vieler Menschen durchsetzen, wenn ich mal was anderes machen will.

bento: Gehst du mit dem Druck heute anders um als am Anfang?

Luisa: Ich setze meine Prioritäten inzwischen anders. Auch weil ich gemerkt habe: Ich kann nicht Leuten erzählen, was wir für das gute, ökologische Leben tun sollten und dabei selber vergessen, was das gute Leben ist. Manchmal gehe ich nicht zu einer Konferenz, damit ich mit Freunden Kaffee trinken kann. Manche finden das dann krass und sagen: "Total wichtige Leute, total wichtiger Termin!" Aber mein Leben ist auch total wichtig. Man muss vorsichtig sein und auf sich selbst achten, weil man sonst mitgerissen wird.

bento: In unserer Interviewreihe geht es um Radikalität. Du hast die Forderungen von "Fridays for Future" in einem taz-Interview mal als "radikal unradikal" bezeichnet.

Luisa: Wir fordern, dass die Politik sich an das Paris-Abkommen hält. Das sind Minimalforderungen. Für mich wäre es radikal, wenn wir mal einen Schritt weiterdenken würden. Ich würde mir wünschen, dass wir für etwas Innovativeres auf der Straße stehen könnten, als für ein Abkommen, dass von der Regierung verhandelt wurde.

bento: Was wäre eine radikale Maßnahme?

Luisa: Wir schreiben im Buch, dass es nicht reicht, Klimapolitik zu machen, weil die Klimakrise auch eine imperiale, machtpolitische Krise ist. Eine Marktkrise. Wir müssen Kompromissbereitschaft zeigen, wo es angebracht ist. Aber eben nicht an den Punkten, die man nicht mehr verhandeln kann. Zum Beispiel da, wo wir ökologische Grenzen in die Luft jagen.

bento: Glaubst du, dass es ein Potenzial für gewalttätige Klimaproteste gibt?

Luisa: Ich hoffe nicht. Es gab im Vorfeld des Klimastreiks einen Anschlag auf den Berliner S-Bahn-Verkehr. Leute haben gesagt, dass wir nicht radikal genug sind – und sie das jetzt selbst in die Hand nehmen. Das fand ich nicht gut. Ich hoffe, dass wir einen friedlichen Umgang mit der Krise finden. Aber die Politik, die gerade gemacht wird, ist tödlich. Die Ignoranz in klimapolitischen Fragen ist – global betrachtet – fast menschenverachtend. Oder vielmehr: menschheitsverachtend. Das lässt Menschen verzweifeln.

bento: Du hast gefordert, dass man Demokratie neu denken muss, weil sie zu langsam ist. Wieviel Revolution braucht die Klimakrise?

Luisa: Oh, volle Kanne! Wir werden die Klimakrise nicht mit der gleichen Logik lösen, in der sie entstanden ist. Ich vermute, dass sich jetzt wieder viele Menschen darüber aufregen werden. Die NZZ hat mich neulich als "wohlstandsverwahrloste Neomarxistin" bezeichnet (lacht). Aber unser Wirtschaftssystem kommt offensichtlich an Grenzen. Lasst uns doch mal kreativ werden: Wirtschaftssysteme wurden entwickelt, um den Wohlstand der Menschen zu mehren. Was können wir machen, damit es wieder um das Wohl der Menschen und Lebewesen geht? Was am Ende rauskommt, welchen Namen wir einem neuen System geben, ist zweitrangig. Dabei würde ich niemals in Frage stellen, dass die treibende Kraft hinter all diesen Veränderungen eine starke Demokratie sein muss.

bento: Du bezeichnest die Klimakrise als "Vorstellungskrise". Was können sich die Menschen nicht vorstellen?

Luisa: Apokalyptische Szenarien. Auf den ersten Blick ergibt es vielleicht Sinn, nicht negativ zu denken. Gleichzeitig hat das aber die katastrophale Folge, dass wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Auf der anderen Seite – ich glaube, das ist mindestens genauso schlimm – haben wir keine Vorstellung davon, was im besten Fall auf uns warten könnte. Die Kapitalismusfrage ist das beste Beispiel dafür. Wenn jemand sagt "Kapitalismus überwinden", brüllen ihm andere entgegen: "Nein! Die DDR, Nordkorea – auf gar keinen Fall!" Was für eine absurde, einfallslose Vorstellung von Alternativen zum jetzigen System.

bento: Hätte man dir vor zwei Jahren gesagt, dass du prominent wirst, in Talkshows sitzt, Interviews gibst, auf der Straße erkannt wirst – hättest du dich darüber gefreut?

Luisa: Ich weiß nicht. Auf der einen Seite bin ich sehr privilegiert, dass ich diese ganzen Sachen machen kann – aber es ist ein gigantischer Preis, den man zahlt. Ich bin froh, dass ich nicht vor die Wahl gestellt wurde. Dann hätte ich einwilligen müssen, mich und Menschen, die mir wichtig sind, in Gefahr zu bringen.

bento: Du bekommst viel Hass und auch Drohungen gegen dich und dein Umfeld (SPIEGEL ONLINE). Hast du schon mal darüber nachgedacht, aufzuhören?

Luisa: Nein. Dann würden die Menschen gewinnen, die mich bedrohen. Deswegen bin ich dankbar, dass ich damals nicht wusste, worauf ich mich einlasse. Weil ich sicher bin, dass es gut und richtig war, was wir gemacht haben.

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Food

Jaffa Cake, Spalter der Gesellschaft
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Eigentlich müssten Warnhinweise auf der Schachtel stehen. "Suchtgefahr", mindestens. "Kann Freundschaften gefährden", vor allen anderen. Denn kaum ein Lebensmittel schafft es, die Geschmäcker und Gemüter so zu spalten, wie der pappig-süß-saure Jaffa Cake.