Bild: Geraldine Crimmins
Wie eine Einwegkamera Leben verändern kann.

David Tovey ist einer von denen, die es rausgeschafft haben. Raus aus der Obdachlosigkeit, raus aus der Hoffnungslosigkeit. “Du kannst dir nicht vorstellen, wie das Fotografieren mit einer Einwegkamera Leben verändern kann!”, sagt der Mann mit Dreitagebart und Schiebermütze. Begeisterung liegt in seiner Stimme.

Vor zwei Jahren hat David zusammen mit anderen Londoner Wohnungslosen an einem Foto-Projekt von Café Art teilgenommen. Das soziale Unternehmen aus der britischen Hauptstadt gestaltet mit Obdachlosen einen Foto-Kalender. Das Thema: mein London. Wie auch schon in den Vorjahren haben die Organisatoren Einwegkameras verteilt und anschließend aus 5000 Bildern 20 Gewinnerfotos ausgewählt. Über die Auswahl für den Kalender wurde schließlich öffentlich abgestimmt.

Herausgekomen ist eine Sammlung von Eindrücken, die mehr zeigt als nur die typischen Postkartenmotive. Statt Big Ben, London Eye und Doppeldeckerbussen haben die Teilnehmer ihr ganz persönliches London fotografiert. =">

"What now?" von Laz Ozerden(Bild: Laz Ozerden / MyLondon Photography Contest)

Die Fotos zeigen überraschende Momente, aber auch nachdenklich stimmende Situationen, im kontrastreichen Farbenspiel oder in Schwarz-Weiß. Für die Fotografen steckt hinter den Aufnahmen immer eine Geschichte: “Dieses Foto sagt: Ich bin nichts und ich bin alles”, sagt Laz Ozerden über sein Bild von einem bettelnden Mann. Er will, dass die Betrachter unvoreingenommen auf Obdachlose blicken: “Wie kann ich jemanden verurteilen, wenn ich nicht seine Hintergründe kenne?”

Auch ein Doppeldecker, aber etwas kleiner als sonst. "Drivers wanted" von Richard Fletcher(Bild: Richard Fletcher / MyLondon Photography Contest)

Das ist tatsächlich auch ein Gedanke von Paul Ryan, einem Mitbegründer des Projektes. Nur, wenn es eine Plattform für Obdachlose gibt, wo sie sich selbstbestimmt präsentieren können, kann sich die Außenwahrnehmung in der Gesellschaft verändern.

Obdachlosigkeit wird oft tabuisiert und die Schicksale der Betroffenen schnell verallgemeinert. Dabei gibt es viele unterschiedliche Wege in die Obdachlosigkeit und nicht jeder endet auf der Straße. Neben den 8000 Londonern, die ihre Schlafsäcke in Parks oder am Straßenrand ausrollen, gibt es eine große Gruppe Menschen, die kein Zuhause haben, aber in Notunterkünften oder bei Bekannten unterkommen. Um den individuellen Geschichten Raum zu geben, arbeitet Café Art mit Londoner Cafés zusammen und stellt dort ganzjährlich Arbeiten von obdachlosen Künstlern aus.

In der Slideshow: London durch die Augen von Obdachlosen

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Gleichzeitig kommen die Aktionen den Kunstschaffenden selbst zu Gute: Paul ist überzeugt, dass viele Teilnehmer durch das Fotografieren selbstbewusster werden. “Es hilft ihnen dabei, rauszugehen und Leute zu treffen, sie können sich ausdrücken und bekommen Aufmerksamkeit. Das steigert das eigene Selbstvertrauen enorm.”

"Bags for life" – mit diesem Bild gewann David Tovey den Wettbewerb 2015(Bild: David Tovey / Café Art MyLondon)

Nachdem David zweimal bei “My London” zum Gewinner gekürt wurde, ist er dieses Jahr als Jury-Mitglied dabei. Nebenher stellt er seine Fotos und Gemälde aus, entwirft Mode für sein Label “Man on the bench” und organisiert ein David Tovey wurde bereits zweimal bei “My London” zum Gewinner gekürt. Dieses Jahr ist er als Jury-Mitglied dabei. Mittlerweile stellt er seine Fotos und Gemälde aus, entwirft Mode für sein Label “Man on the bench” und organisiert ein Kunstfestival für obdachlose Künstler. “Ohne Café Art könnte ich das alles nicht machen! Auf der Straße hatte ich mein Vertrauen verloren, fühlte mich ausgeschlossen, minderwertig. Aber die Kunst hat mir den Glauben an mich selbst wiedergegeben!” Nun schläft David nicht mehr in seinem Auto, sondern in einer Wohnung mit Atelier. “Seit zwei Jahren hat sich mein Leben grundlegend verändert.”

Dank eines Artikels in dem englischen Magazin “Amateur Photographer” im vergangenen Jahr ist der Kalender international bekannt und hat auch andere Städte zu Nachfolge-Projekten inspiriert. “Da steckt viel Arbeit drin”, sagt Paul Ryan, “aber am Ende sollen alle Kalender mit lokalen Strukturen realisiert werden.” Dafür war Paul dieses Jahr schon in São Paulo und hat dort den Kalender vorgestellt. Auch andere Städte wie Sydney, Budapest und New Orleans orientieren sich an seiner Idee.

In der Slideshow: Die Gewinnerfotos von 2015

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Pauls Lieblingsbild dieses Jahr ist das Foto von einem Banksy-Graffiti-Hund und einem echten Dalmatiner davor. “Das Bild hat Humor und man merkt, dass die Fotografin die Szene bewusst gewählt hat, mit künstlerischem Anspruch.” Er bewundert die Fähigkeit der Fotografen, die Wahrzeichen und Merkmale Londons nicht wie Postkartenmotive einzufangen, sondern stets aus einer verqueren, manchmal witzigen, immer originellen Perspektive.

(Bild: Jackie Cook / MyLondon Photography Contest)

Wer an einem Kalender interessiert ist, kann ihn noch bis Oktober auf Kickstarter für umgerechnet etwa 12 Euro bestellen – und mit dem Geld das Projekt von Café Art fördern. Mit einer kleineren Spende ab 6 Euro wird man von einem der Fotografen auf einen Drink eingeladen. Das Geld deckt die Ausgaben, ermöglicht Foto-Kurse für Obdachlose und unterstützt andere Initiativen von Café Art.

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