"Wer sich von einer stillenden Mutter sexuell belästigt fühlt, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. "

Die Skyline von London hat einiges zu bieten: die Tower Bridge, das London Eye, das Hochhaus "The Shard". Neu hinzugekommen sind jetzt fünf aufblasbare Riesen-Brüste, die auf Dächern in und um die britische Hauptstadt herum thronen. Zwischen drei und sechs Metern im Durchmesser, in hell und dunkel, mit unterschiedlich großen Nippeln. 

Die Aktion namens #freethefeed hängt – ausnahmsweise – nicht mit dem Brexit zusammen, sondern mit der Akzeptanz von öffentlich stillenden Müttern. Am 31. März wurde in London der Muttertag gefeiert und passend dazu die Kampagne gestartet. 

So sieht das aktuell in London aus: 

Die Reaktionen fallen zwiegespalten aus: Die Kommentare unter Posts mit dem Hashtag reichen von "Epische Kampagne" bis hin zu "das ist ja fürchterlich".

Was steckt genau dahinter?

In der britischen Öffentlichkeit sei das Stillen stigmatisiert, sagen die Macherinnen hinter der Aktion. Frauen würden immer wieder dazu gedrängt, sich zu bedecken oder zu verstecken. Einer aktuellen Umfrage nach würde eine von drei Müttern bei der Arbeit dazu gezwungen, zur Toilette zu gehen, um Milch abzupumpen oder zu stillen – und deshalb früher mit dem Stillen aufhören. (Guardian)

Eine rein soziale Kampagne ist #FreeTheFeed aber nicht. 

Aufgestellt wurden die Brüste von einem Unternehmen nahmens Elvie, das in Großbritannien zum Femtech-Sektor gehört. Firmen aus der "Female Technology"-Branche entwickeln Software oder Medizintechnik für die weibliche Gesundheit, also etwa elektronische Perioden- und Fruchtbarkeitskalender, oder befassen sich mit dem Einfrieren von Eizellen oder künstlichen Befruchtungen. 

„Uns ist klar, dass die Riesen-Brüste für einiges Aufsehen sorgen würden. Aber wir wollten sicherstellen, dass niemand das Stigma übersieht, mit dem Frauen zurückgehalten werden.“
Tania Boler, Elvie-Chefin und Medizinerin

Das Unternehmen will mit der Aktion also wohl eher nicht nur auf ein soziales Stigma hinweisen: Es möchte nebenbei offenbar auch "unsichtbare Milchpumpen" oder einen App-gesteuerten Beckenbodentrainer verkaufen. Zumindest posieren Influencerinnen stillend vor den Brüsten als Botschafterinnen für das Unternehmen, die Aktion – aber eben auch für ihre Milchpumpen. (Instagram)

Wir haben junge Mütter in Deutschland gefragt, ob Stillen in der Öffentlichkeit hierzulande ebenso verpöhnt ist wie in Großbrtiannien – und wie sie damit umgehen.

1 Martha*, 29

Tochter Helene* ist im Herbst 2018 geboren. Aktuell stillt Martha etwa fünf- bis sechsmal am Tag.

Martha, was hast du erlebt beim Stillen in der Öffentlichkeit? 

Ich wurde mal dafür gelobt, das war total Banane. Wir waren auf einer Familienfeier, wo einige ältere Damen und Herren anwesend waren, 75 Jahre alt und aufwärts. Zum Abschied sagte eine Frau, sie fände es stilvoll, dass ich die Kleine und mich mit einem Tuch bedecke. Das zeuge 'von einer guten Kinderstube'. 

Jetzt fällt mir auf, wie komisch und altmodisch das eigentlich ist. Stillen ist etwas so Natürliches und ich schäme mich nicht dafür, ich würde mich auch nie auf eine Toilette zurückziehen.

„Ich fand es absurd, dass ich für die Tatsache, meine Brüste nicht auf den Wildschweinbraten gelegt zu haben, gelobt wurde.“
Martha*

In Großbritannien passiert genau das. Einer Umfrage zufolge zieht sich ein Drittel der Frauen zum Stillen oder Milch abpumpen auf die Toilette zurück. 

Das hätte ich nie gedacht. Deshalb ist die #FreeTheFeed-Aktion toll, sie schafft Aufmerksamkeit und ruft zur Solidarisierung auf. Solche Bedingungen am Arbeitsplatz müssen sich ändern – aber durch den Dialog zwischen Betroffenen und mit der Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen. 

Wie würdest du reagieren, wenn dich jemand fürs Stillen kritisiert?

Ich finde, man sollte an der Stelle feinfühlig sein. Auch, wenn es schwerfällt, würde ich versuchen, nicht gleich auf Angriff zu schalten, sondern das Gespräch zu suchen. Zu hinterfragen, warum mein Gegenüber sich daran stört. 

Wer es will, wird überall Brüste sehen und findet alle erregend, auch die einer Mutter, die stillt. Aber auch wenn Brüste von Müttern vielleicht sexy sind: In diesem Moment nähren sie ein anderes Wesen, das hat nichts mit Sex zu tun. 

2 Dani, 26

Die pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin stillt aktuell ihr zweites Kind, inzwischen stillt sie seit zweineinhalb Jahren am Stück. 

Wie nehmen Fremde es wahr, wenn du öffentlich stillst? 

Von anderen Müttern kriegt man häufig Positives zu hören und wird bestärkt. Das Bedürfnis des Kindes muss gestillt werden, wenn es Hunger hat und nicht erst zu Hause – oder wenn man einen Platz gefunden hat, wo man vielleicht niemanden stören könnte. Ich habe schon verächtliche Blicke erlebt oder die Aufforderung, doch bitte woanders zu stillen.

Hast du Techniken entwickelt, um dich beim Stillen zu verstecken?

Ich verstecke mich nicht vor den Blicken, dränge aber auch nicht irgendwen dazu, mir beim Stillen zusehen zu müssen. Ich sehe keinen Grund, mein Kind in einer engen Umkleide, einer Toilette, oder auch nur mit einem Tuch bedeckt zu stillen. Vor allem, wenn ein paar Meter weiter die großzügige Loungeecke im Einkaufszentrum steht oder auf der sonnigen Bank im Park ein Platz frei ist. Es ist schließlich ein Grundbedürfnis meines Kindes, das ich da stille. 

„Und wenn ein Café- oder Restaurantbesitzer damit ein Problem hat, gehen ihm mit mir und den anderen Mamis Kundinnen durch die Lappen.“

Findest du, dass Stillen stigmatisiert wird?  

Meiner Meinung nach ist es nicht die Nahrungsaufnahme an sich, die von vielen so negativ bewertet wird, sondern der Brustzeige-Akt. Und das in einer Gesellschaft, in der tiefausgeschnittene Tops und halbnackte Werbeplakate an der Tagesordnung sind. Das finde ich wirklich heuchlerisch.

Was hältst du selbst als Mutter davon, wenn andere Frauen "ohne Versteck" im Freien stillen?

Wenn es für die Mutter der richtige Weg ist, finde ich es absolut in Ordnung. Genauso ist es aber auch in Ordnung, wenn eine Mutter lieber bedeckt mit Stillschal, Mulltuch oder ähnlichem stillt. Es gibt auch viele Mütter, für die das Stillen etwas ganz Intimes ist, die stillen dann oft eher etwas "versteckt". Jede so, wie sie mag.

Wie reagierst du, wenn jemand dich beim Stillen komisch anmacht? Gibt es eine gute Strategie, damit umzugehen?

Mein liebster Spruch: 'Bist du neidisch und willst auch mal?' Ich weiss nicht, wie ich ansonsten die Ruhe fürs entspannte Stillen behalten würde, wenn ich blöde Sprüche nicht ins Lächerliche ziehe. Manche Menschen haben einfach kein Verständnis dafür. Da bringt es auch nichts, ihnen das vermitteln zu wollen. 

3 Nura, 28

Die Tochter der Architektin wurde 2017 geboren.

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Unbezahlte Werbung | #bindungsorientiert was heißt das eigentlich? Für mich heißt es, dass ich so gut es geht auf meine Tochter und ihre Bedürfnisse eingehe. Ich versuche eine gesunde Beziehung mit ihr aufzubauen, nicht die Mama Rolle auszunutzen, versuchen zu verstehen, warum sie das was sie macht gerade macht. Es heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass ich ihr alles durchgehen lasse und nie Nein sage! Meiner Meinung nach brauchen wir Menschen Regeln um vernünftig zusammen leben zu können. Wenn ich im Kleinkindalter alles durchgehen lasse und nie Nein sage, wird sie es später schon gar nicht verstehen. Regeln werden bei uns vor allem da aufgestellt, wo es zu Gefahren kommen könnte. Als sie die ersten Male versucht hat auf den Esstisch zu klettern, gab es ein klares Nein! Einfach weil ich Angst habe, dass sie sich verletzen könnte. Sie weiß mittlerweile, dass sie nicht in die Küche soll, wenn ich den Ofen aufmache - man kann einem Kind noch so sehr vertrauen, dass es nur guckt, aber was, wenn die Neugierde doch übertrumpft und sie mal reinfassen möchte? Für mich ist die Gefahr hier zu groß. Wenn ich ihr Nein sage, erkläre ich es ihr aber auch. Ich denke schon, dass Kinder in dem Alter (1,5 Jahre) das meiste verstehen. Ich erkläre also, warum der Ofen tabu ist, warum es gefährlich ist, auf Tische zu klettern & warum zum Beispiel das scharfe Messer auch nur was für Mama ist. Das Nein ist in dem Moment zum lernen da, nicht um zu Beweisen, ich bin die Mama und du hast auf mich zu hören. Für mich ganz wichtig ist hierbei auch: Auf Augenhöhe gehen und dem Kind nicht von oben herab alles sagen. Wie handhabt ihr das mit dem Nein? Habt ihr klare Regeln oder darf alles ausprobiert werden? Was haltet ihr von der Aussage, einmal ausprobieren und merken, dass es weh tut und dann macht sie es nicht wieder? Das finde ich ganz schlimm - ich will nicht, dass mein Kind mit schmerzen lernt 🙈

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Wie hast du das Stillen in der Öffentlichkeit erlebt?

Ich habe meine Tochter bei unserem ersten Restaurantbesuch auf der Toilette gestillt, vor Angst, was die Gäste denken könnten. Noch am gleichen Tag klärte mich später eine Freundin auf, dass es völlig normal und okay ist, das am Tisch zu tun. Ich finde dieses Thema sehr wichtig und spreche darüber, damit junge Mütter nicht meinen Anfangsfehler wiederholen. 

In jedem Restaurant oder Café, in dem ich gefragt habe, ob ich meine Tochter stillen könne, habe ich bislang nur positive Antworten bekommen. Es wurde mir nie verwehrt.

„Irgendwann habe ich aufgehört zu fragen. Weil es für mich ein natürlicher Prozess ist. So, wie wir essen, sollte es die Kleine auch dürfen.“

Sollte man die Brust in der Öffentlichkeit bedecken? 

Ich trage immer ein Stilloberteil oder lege ein Tuch über die Schulter, so dass man die Brust nicht sieht. Das finde ich angenehmer. Ich denke, jede Mutter weiß selbst, was am besten für sie und ihr Kind ist. Es gibt mittlerweile viele Alternativen an Bekleidung, dass man nicht unbedingt die ganze Brust rausholen und präsentieren muss. Wenn es so aber gemütlicher oder einfacher für die Mama ist, finde ich es auch ok. 

Wie reagierst du darauf, wenn sich jemand gestört fühlt?

Ich hab nie einen blöden Kommentar gehört. Wenn es aber zu so einer Situation kommen würde, würde ich die Person bitten, einfach woanders hinzuschauen. Die Nahrungsaufnahme meiner Tochter hat höchste Priorität und darf überall stattfinden. Wer sich von einer stillenden Mutter sexuell belästigt fühlt, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. 

Hast du beim Stillen gute oder schlechte Momente erlebt? Möchtest du gern deine Meinung loswerden, warum du Stillen in der Öffentlichkeit total gut oder eklig findest? Schreib einfach eine Mail an sebastian.maas@bento.de, wir freuen uns! 

*Namen von der Redaktion geändert


Queer

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