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Klassenkampf, Systemumsturz, Kommunismus – keine Jugendorganisation der etablierten Parteien hat so radikale Forderungen wie die der Linkspartei. Mehr als 10.000 Mitglieder stehen dahinter, zumindest nach eigenen Angaben der linksjugend Solid. Mehr als die Grüne Jugend zuletzt zählte.

Trotzdem hört man von den Linksradikalen kaum etwas. 

Wenn überhaupt, berichten Nischenmedien wie "Neues Deutschland", die "Junge Welt" und eine winzige, kurdische Nachrichtenagentur über ihre Protestaktionen. Michael Neuhaus, 26, hat versucht, das zu ändern. Bisher mäßig erfolgreich. Neulich hat er einen Bagger gemietet, um gegen ein Atomkraftwerk zu demonstrieren. Nicht mal die Lokalzeitung kam. Woran liegt das?

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

Seit April ist Michael Neuhaus Bundessprecher der Linksjugend, er engagiert sich bei "Scientists for Future", sitzt für die Linke im Stadtrat von Leipzig und ist der umweltpolitische Sprecher seiner Fraktion. 

Wir haben mit ihm über populistische Rhetorik gesprochen, und darüber, ob Sozialismus nach der DDR wirklich noch eine gute Idee ist. 

bento: Michael, ich habe versucht, dieses Interview vorzubereiten. Aber im Gegensatz zu den anderen Parteijugend-Chefs findet man fast nichts über dich. Du hast noch nie ein Interview gegeben. 

Michael: (Lacht) Ja, das kann sein. Auf der Seite der Stadtratsfraktion findet man ein bisschen was. Da bin ich aber auch sehr spontan gelandet.

bento: Wie kam das?

Michael: Die Erklärung, die mir am liebsten wäre: Durch mein politisches Engagement war ich beliebt und bekannt. Aber eigentlich ist mein Wahlkreis einfach sehr grün. Auf dem Wahlzettel stand: Michael Neuhaus, 25, Biologe. Bei Kommunalwahlen kreuzen die Leute ja von oben nach unten an, auf den ersten Plätzen hat man die besten Chancen. Außer man hat einen coolen Namen oder einen coolen Beruf, wie Biologe.

bento: Das klingt bitter. Wenn du glaubst, Leute treffen so ihre Wahlentscheidungen, glaubst du dann noch an Politik?

Michael: Ja. Aber wir machen uns was vor, wenn wir glauben, dass Menschen sich tiefgründig mit allen Parteien auseinandersetzen. Gerade in einem Kommunalwahlkampf, wo alle losziehen und wochenlang Briefkästen mit Altpapier vollmüllen. Viele Leute bekommen im Alltag Politik gar nicht so mit.

bento: Zurück zu dir. Woher kommst du?

Michael: Aus Halberstadt in der ostdeutschen Provinz: Vorharz, abgehängt. Sogar die Neonaziszene ist da eingeschlafen. Es fehlte an Jugendclubs und Sozialarbeiterinnen.

bento: Das klingt wie die typische Geschichte von der Politisierung im Osten. Man war entweder Zecke oder Nazi. Bist du bei der Linken gelandet, weil du kein Rechter sein wolltest?

Michael: Das hat sicher dazu beigetragen. Als ich 18 war, wurde ich mal vor einem linken Jugendclub von einem Nazi verprügelt. Der rief über die Strasse: Hey Zecke, was geht? Und dann kam schon der erste Treffer. Aber ich habe bei meiner ersten Landtagswahl noch FDP gewählt.

bento: Warum?

Michael: Ich bin der Erste in meiner Familie mit Abitur. Ich dachte: Seht her, Ich habe es geschafft – warum schaffen das nicht auch andere? Sind die faul und dumm? Das liberale Narrativ ist ja: Man muss nur fleißig und schlau sein. Erst später habe ich gelernt, dass das nicht so ist.

bento: Aber in deinem Fall war es doch so.

Michael: Ja, aber es ist nicht so einfach. Ich glaube nicht, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Es kommt darauf an, woher du kommst. Meine Eltern meinten: Geh aufs Gym oder lass es, sie ließen mich selbst entscheiden. Ich entschied es aus dem Bauch heraus – und das hat den Rest meines Lebens geprägt.

bento: Euer Linksjugend-Grundsatzprogramm ist ziemlich krass. Ihr wollt das "Privateigentum an Produktionsmitteln abschaffen". Als Mensch mit ostdeutscher Biografie hat man da doch Assoziationen zu einer Zeit, die man sich nicht zurückwünscht. Oder?

Michael: Ich bin ja nach der Wende geboren. Der Vorwurf, dass ich die DDR zurück will, ist also absoluter Schwachsinn. Ich würde mich als Sozialisten bezeichnen. Das heißt aber nicht, dass ich ein Zentralkomitee will. Die realsozialistischen Experimente sind ganz gehörig gescheitert. Aber wir müssen uns fragen: Warum ist das damals in autoritäre Diktaturen gekippt? Es gibt ja den Ausspruch: Freiheit ohne Sozialismus ist Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei.

bento: Ich verstehe den Gedanken dahinter. Aber: Wir haben Freiheit, wir haben keinen Sozialismus – und wir beide sind ziemlich sicher keine Sklaven.

Michael: Der Spruch ist ja auch schon etwas älter, als es Sklaverei noch ganz praktisch gab. Aber die Frage ist: Wie frei bist du wirklich? Du bist gezwungen, morgens aufzustehen, mindestens acht Stunden zu schuften, ob du da Bock drauf hast oder nicht. Viele Jobs sind gesellschaftlich gar nicht sinnvoll. Call-Center-Jobs, Immobilienmakler, die durch die Städte tigern, um möglichst viel Profit zu machen. Oder Versicherungsmakler. Die könnten alle stattdessen zu Hause rumliegen und Sachen machen von denen die Gesellschaft mehr profitiert, ein gutes Buch lesen und darüber nachdenken, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen.

bento: Und das Wort Sozialismus weckt bei dir keine schlechten Assoziationen?

Michael: Ich verstehe, dass manche damit schlechte Erinnerungen verbinden. Ich muss das im Familienkreis auch immer wieder diskutieren.

bento: In Sachsen hat die Linke im Wahlkampf sogar das Wort "Sozialismus" plakatiert. Ist das nicht genauso populistisch, wie wenn die AfD sich bei Ostalgikern anbiedert?

Michael: Ich fand das gut. Ich glaube, mit der Wende entstand bei vielen der Eindruck, wir hätten mit dem Kapitalismus das Ende der Geschichte erreicht. Ich fand es mutig von der Linken zu fragen: Kann eine andere Welt möglich sein? Philosophen beziehen sich ja seit 200 Jahren auf die Idee vom Sozialismus.

bento: Aber auf den Plakaten stand nicht das kommunistische Manifest. Und in Sachsen denkt bei Sozialismus doch auch keiner an politische Ideengeschichte.

Michael: Ich bin kein Fan von Ostalgie. Wenn ich am Infostand stehe, kommen manchmal Menschen, die denken, wir seien die SED 2.0. Die sind ganz entsetzt, wenn ich modernere Positionen beziehe: Nein, ich will die Mauer nicht wieder aufbauen und finde Presse- und Meinungsfreiheit unglaublich wertvoll.

bento: Worin bist du radikal?

Michael: Ich habe große Probleme mit dem Radikalitätsbegriff.

bento: Obwohl du Sozialismus forderst und Vorsitzender einer linksradikalen Organisation bist?

Michael: Ja. Was radikal genannt wird, bestimmt der gesellschaftliche Status Quo. Der Begriff soll politische Meinungen diskreditieren, vor allem die junger Menschen. Da wird gesagt: Die sollen sich erstmal die Hörner abstoßen und realistisch werden. Dabei gab es mal Zeiten, da war das Frauenwahlrecht radikal.

bento: Verstehe. Aber im besten, trotzigen Sinn des Wortes: Bei welchem Thema bist du radikal – ohne Kompromisse?

Michael: Was wir als sozialistischer Jugendverband infrage stellen, ist ja das große Ganze. Das Zusammenspiel aus Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Deswegen können wir es uns gar nicht leisten, bei einem Thema radikal zu sein – und beim anderen nicht. 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung wurde der Ausspruch "Freiheit ohne Sozialismus ist Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei" falsch zitiert. Wir haben die Stelle korrigiert.


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