Bild: Screenshots/Youtube
Im März findet der erste Workshop statt.

Anfangs waren es nur Skateboard-Videos, die Daniel* sich auf YouTube anschaute. Irgendwann tauchten in der Vorschlagsliste andere Themen auf: Gender-Irrsinn, Sozialismus, Weltverschwörungen. Die meisten Videos kamen aus den USA. Daniel schaute sich auch diese Clips an, obwohl er sie eigentlich falsch fand. Bald spürte er, wie sie ihn aufwühlten. "YouTube ist eine unglaubliche Radikalisierungsmaschine", sagt der 27-Jährige rückblickend.

Anders als viele andere Zuschauer wollte Daniel gegenhalten. Im Frühjahr 2018 sprach er mit einem Playstation-Mikrofon den Text für sein erstes Video ein. Darin argumentiert er elfeinhalb Minuten auf Englisch gegen rechtsextreme Verschwörungstheorien rund um die Bombardierung Dresdens 1945. 

Rezo hat das Bewusstsein für politische Inhalte auf Youtube gestärkt, auch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung: "Wir wollen dafür sorgen, dass Linke im Netz nicht nur reagieren, sondern auch ihre Positionen erklären."

(Bild: privat/dpa)

Das Video erinnert eher an einen Diavortrag als an den Rekord-Rant von Rezo, doch bis heute wurde der Clip mehr als 300.000 mal angeschaut. Trotz oder gerade wegen Daniels deutschem Akzent und der nüchternen Optik. 

„Der Akzent ist mein größtes Plus.“
Daniel "Three Arrows", Youtuber

Er selbst ist in den Videos nicht zu sehen, nur seine Stimme kommentiert aus dem Off historische Bilder und Video-Schnipsel von anderen YouTubern.

Inzwischen hat Daniel Dutzende weitere Videos veröffentlicht, alle mit einer klar linken Grundhaltung. Das Logo seines Kanals zeigt drei Pfeile, die nach links deuten. Es ist das Logo der "Eisernen Front", einer SPD-nahen Organisation, die ab 1931 die Demokratie verteidigen wollte. Es war Daniels privates Accountbild. Als die ersten Videos Erfolg hatten, blieb es einfach. In Reddit-Fragestunden mit seinen Fans bezeichnet Daniel sich als linken Sozialdemokraten, auch wenn er nach eigenen Angaben noch nie politisch aktiv war. Inhaltlich geht es oft um rechte Verschwörungstheorien, Waffengewalt oder Fragen wie "War Hitler ein Sozialist?". 

Themen, die in den USA ebenso funktionieren wie in Großbritannien oder Deutschland. Darauf achtet Daniel.

Nach nicht einmal zwei Jahren haben inzwischen mehr als 200.000 Menschen seinen Kanal "Three Arrows" abonniert, auf einer Spenden-Plattform sammeln Unterstützer und Follower monatlich 4200 Dollar für ihn. Genug Geld, um davon zu leben. Im Sommer, sagt Daniel, habe er seinen Job bei einem großen Konzern gekündigt. YouTube ist jetzt quasi sein Hauptberuf, zusätzlich studiert er Kulturwissenschaften. Er arbeitet viel. "Es gibt eine große Nachfrage nach antifaschistischem Content."

Mit seinem Kanal ist Daniel einer der erfolgreichsten dezidiert linken Youtuber aus Deutschland.

Politische Inhalte sind auf der Plattform nichts Neues. Rechte Aktivisten wie Martin Sellner versuchen seit langem, auf YouTube junge Menschen anzusprechen; die radikal rechte Organisation "Ein Prozent" unterstützt Comedy-Formate und Rapper, die rassistische Botschaften salonfähig machen sollen. 

In den vergangenen Tagen mobilisierte die rechte Szene in der #Umweltsau-Debatte innerhalb kurzer Zeit Hunderte Menschen, um gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu demonstrieren, die "Identitären" verschickten kurz darauf Protest-Videos vom Dach eines WDR-Gebäudes. Eine vergleichbare linke Szene gibt es auf YouTube bislang nicht.

Der Journalist Patrick Stegemann hat für ein bald erscheinendes Buch untersucht, wie rechte Kanäle im Internet die Stimmung anheizen. "Aktuell gibt es ein Klima, in dem junge Menschen sehr schnell von rechtsaußen radikalisiert werden", sagt Patrick. "Der YouTube-Algorithmus sorgt dann oft dafür, dass interessierte Nutzer mit immer neuen Vorschlägen noch tiefer in die Szene gezogen werden."

Das liege auch daran, dass die rechte Szene bestens vernetzt seien. "Wenn einer ein Video veröffentlicht oder gesperrt wird, unterstützt ihn der Rest sofort. Auf der linken Seite gibt es nichts vergleichbares."

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Partei "Die Linke" nahesteht, will das im kommenden Frühjahr ändern. 

Im März plant die politische Stiftung erstmals einen Workshop für bis zu 50 linke Influencerinnen und Influencer und solche, die es noch werden möchten. Für kommende Treffen wolle man vielleicht auch international erfolgreiche YouTuber einladen, heißt es. Es dürfte die erste derartige Initiative in Deutschland sein.

“Ob Podcasting, YouTube, Instagram oder TikTok dabei das Medium ist, ist gleichgültig”, sagt Henning Obens, Referent für digitale Kommunikation. 

„Die Umweltsau-Debatte hat gezeigt, wie stark rechte Gruppierungen im Netz organisiert sind und wie wichtig es ist, die sozialen Netzwerke zu verstehen.“
Henning Obens, Rosa-Luxemburg-Stiftung

"Wir wollen dafür sorgen, dass Linke im Netz nicht nur reagieren, sondern auch ihre Positionen erklären – ohne Methoden rechter Hetze zu kopieren." 

In den sozialen Netzwerken wolle man "Potenziale kritischer Interventionen" erkunden, heißt es in einem Text dazu. Diese abstrakte Formulierung ist vielleicht ein erster Hinweis, weshalb es bei der Linkspartei mit YouTube und Instagram bislang noch nicht so recht funktioniert. 

Ein weiterer Grund: "Linke sind häufig skeptisch", sagt Obens. Kürzlich hat er eine Untersuchung anfertigen lassen. Das Ergebnis ist ein 28-seitiger Bericht unter dem Titel "Von Influencer*innen lernen". 

"Viele Linke sehen Social Media als schmutziges Geschäft", meint Marius Liedtke, einer der beiden Autoren des Papiers. Google mit seiner Tochter YouTube gilt vielen als Datenkrake, als Monopolkonzern oder Werbe-Imperium. "Auf YouTube herrscht Wettbewerb. Die Seite ist eine große Suchmaschine, auch für neue Ideen", sagt Marius. Doch genau die kämen in Deutschland bislang oft von der genau anderen Seite.

Es ist überraschend: Gerade progressive Themen wie Feminismus, Rassismus und Klimaschutz werden von Rechten genutzt, um sich auf Youtube zu profilieren (bento) – während die deutschsprachige linke Szene auf der Plattform kaum sichtbar ist.

Um erfolgreich zu sein, müsse man erst einmal verstehen, was auf YouTube konsumiert werde, sagt Liedke. "Respekt vor dem Publikum" nennt sein Mit-Autor Daniel Marwecki es. In zwei Listen haben beide aufgezählt, wer damit bereits Erfolg hat. 

Auf der englischsprachigen Seite stehen YouTuber wie "Contrapoints", eine Transfrau aus den USA, die sich aufwendig verkleidet und nebenbei den Kapitalismus kritisiert. Auch sie lebt davon, genau wie der britische Gaming-Streamer Hbomberguy, der im vergangenen Jahr mit linken Promis wie der US-Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez 57 Stunden lang Donkey Kong spielte, um Spenden zu sammeln.

In Deutschland ist die Liste kurz und enthält einige überraschende Namen. Neben der Linken-Bundestagsfraktion finden sich auch Journalisten wie Tilo Jung und Rayk Anders darauf, sowie das Comedy-Format "Datteltäter" von funk, dem Netzwerk von ARD und ZDF. Doch sehen sich die genannten Kanäle überhaupt als linke Influencer?

Auf Nachfrage erklärt Rayk Anders, dass er mit seinen Videos vor allem informieren wolle.

„Ich mache journalistische Kommentare.“
Rayk Anders, funk-Youtuber

Sein Kanal sei zwar meinungslastig und "nicht die Tagesschau", aber er arbeite mit Fakten und Belegen, betont der 32-Jährige. Sich persönlich bezeichnet er dennoch als Linken. “Schon allein, um zu zeigen, dass es noch Alternativen gibt.” Seinen Kanal betreibt Rayk seit 2013, dem Gründungsjahr der AfD. Seitdem, so sagt er, habe sich die Diskussionskultur immer weiter zugespitzt. Rechte Positionen seien heute auf YouTube oft Mainstream.

Youtuber Rayk Anders: "Zeigen, dass es Alternativen gibt."

(Bild: Maurizio Gambarini/dpa)

Wohl auch deshalb sind linke YouTube-Videos bisher oft eher Auseinandersetzungen mit den Argumenten der Rechten als linksradikale Agitation. 

Auch Daniel "Three Arrows" beschäftigt sich in vielen seiner Videos mit rechten Mythen. Für jedes Video recherchiere er drei bis acht Wochen, sagt Daniel. "Was ich in den Videos sage, bleibt womöglich für immer online." Auch wenn sich die Arbeit an mehreren Videos oft überschneidet, ist sein Output damit deutlich geringer als bei unpolitischen Vloggern und Influencern. 

Nach der kommerziellen Logik der Plattform ist das ein Nachteil. Warum das unpolitische Umfeld dennoch attraktiv ist, zeigen rechte Aktivisten. Für sie ist Youtube eine seltene Gelegenheit, sich möglichst durchschnittlich und alltagsnah zu zeigen. Nicht umsonst setzt die Szene gezielt auf Unterhaltungsformate.

„Die rechte Szene weiß, dass sie sich auf einer Unterhaltungsseite besser inszenieren kann.“
Patrik Stegemann

Marius Liedtke, der für die Luxemburg-Stiftung die Szene analysiert hat, will trotzdem keine linken Lifestyle-Influencer heranziehen. Er glaubt, aus der Debattenfreude der linken Szene einen Vorteil ziehen zu können. Schon heute seien Reaction-Videos, also Antworten in Videoform, oft die erfolgreichsten. Ginge es nach ihm, fänden linke Debatten künftig auch auf YouTube in diesem Format statt. 

"Man muss sich ja nicht immer einig sein, um zusammenarbeiten zu können", sagt er. Statt in 20 linken Gruppen pro Stadt würde dann vielleicht auch mal im Netz diskutiert. Es wäre ein anderes Konzept als bei der "Neuen Rechten". Ob Linke jedoch wirklich Influencer werden wollen, wird sich vielleicht ab März zeigen.

*Anmerkung: Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.


Fühlen

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