Bild: Felix Hüffelmann
Wie es sich anfühlt, wenn Twitter einen lebenslang sperren will.

Wer mich kennt, kennt mich von Twitter. Ich poste, was mir gerade in den Sinn kommt, oft geht es um die Uni, meine Zweifel. Trotzdem versuche ich witzig zu sein – manchmal klappt das sogar.

Jetzt wird mir allerdings vorgeworfen, ich würde Hetze betreiben. Twitter hat deshalb am Wochenende vorrübergehend meinen Account gesperrt. Jetzt bin ich wieder online, trotzdem frage ich mich: Ich soll eine Hetzerin sein? Wie bitte?

Lena versucht zu verstehen, warum Twitter sie sperrte

Lena Weber ist bei Twitter als "Lena Blauer Haken" unterwegs, sie twittert über Ungerechtigkeit, Beleidigungen von Minderheiten und ganz gewöhnliche Alltagsprobleme. Fast 22.000 Menschen folgen ihr. Bei bento schreibt sie regelmäßig über die Herausforderungen eines Studiums.

Ich würde gerne erklären, wieso genau ich gesperrt wurde, aber der Twitter-Support lieferte mir – trotz meines Einspruchs – keine Begründung. Sie schrieben mir immer wieder, es verstoße gegen die Regeln der Plattform, Gewalt gegen andere aufgrund von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, nationaler Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht, geschlechtlicher Identität, religiöser Zugehörigkeit, Alter, wegen Behinderung oder Krankheit zu fördern oder eine Person deshalb anzugreifen.

Ja, okay cool, sehr gute Regeln – aber ich mach' halt auch nichts davon. Im Gegenteil: Ich setze mich bewusst dafür ein, dass eben niemand diskriminiert wird. Und bevor jetzt einige Einwände kommen: Nein, weiße Cis-Männer haben kein Problem mit Diskriminierung, wirklich nicht.

Also machte ich mich selbst auf die Suche nach der Ursache für die Sperrung und ging meine Tweets der letzten Tage durch.

Überraschung: Ich habe in keinem von ihnen plötzlich angefangen, homophobe Gedanken zu verbreiten oder ausländerfeindliche Parolen zu schwingen. Meine persönlichen Best-ofs:

  • "Zwei Sandkörner laufen durch die Wüste, sagt das eine zum anderen: … Nichts, denn Sandkörner können nicht sprechen."
  • "Mein Samstagabend ist eine Flasche Wein, Shining schauen und Malen nach Zahlen."

Okay, etwas politischer wird es dann doch noch: Einer meiner Tweets bezieht sich auf die Demonstration der Partei "Die Rechte" am 9. November in Bielefeld. 230 Neonazis kamen und 14.000 Gegendemonstranten (SPIEGEL ONLINE). Mein Tweet darüber beinhaltete den Ausdruck "Drecks Nazis", bekam relativ viel Aufmerksamkeit, aber war mitnichten eine Gewaltandrohung. Ob ich wirklich dafür gesperrt wurde? Keine Ahnung, Twitter erklärt es mir ja nicht.

Immerhin konnte ich mich auf eines verlassen: meine Twitter-Community. Leute, die mich gerne lesen, starteten den Hashtag #freelena. Doch umso mehr Zeit verstrich, desto mehr Tweets unter dem Hashtag bezeichneten mich als linke Hetzerin, die es verdient habe. Endlich habe Twitter "sauber gemacht". Meine Lieblingsbeleidigung: "frustrierte Männerhasserin". Darauf hätte ich gerne etwas entgegnet. Aber ach schade, ging ja nicht. 

Wieso Twitter meine dauerhafte Sperrung zurückgenommen hat, weiß ich wieder nicht – keine Erklärung. Was die Sache also zeigt, ist, dass der Twitter-Support und seine Handlungen alles andere als transparent sind. In Deutschland gibt es auch keinen offiziellen Pressekontakt. Das Vorgehen fühlt sich nach Willkür an.

Viele aus meiner Bubble werden und wurden schon gesperrt. Meine Vermutung: Es gibt rechte Netzwerke, die gezielt Leute, die links sind – links, nicht linksradikal – für alles Mögliche melden. Mit dem Ziel, dass die Userinnen und User irgendwann gesperrt werden.

Bei den Meldungen bleibt es nicht. Drohungen auf Twitter gehören zur Tagesordnung. Zuletzt gab es den Fall, dass einer Userin damit gedroht wurde, dass man wisse, wo ihre Kinder zur Schule gehen. Sie hat aber zum Glück gar keine Kinder. "Witze" über Vergewaltigungen sind auf der Plattform nichts Außergewöhnliches. Feministinnen sind immer "unterfickte Fotzen". Leute schreiben mir, sie wüssten, wo ich wohne (es hat bisher zum Glück noch nie gestimmt). Es gab einen riesigen Shitstorm gegen mich, als ich aufklärte, dass man "Jedem das Seine" vielleicht lieber aus dem Wortschatz streichen sollte.

Aber was unternimmt man dagegen?

Twitter hat in den letzten Wochen politische Werbung verboten, Regeln für Staatschefs aufgestellt – aber wenn Twitter-Nutzerinnen bedroht werden wie ich, fühle ich mich allein gelassen.

Kurzzeitig hatte ich keine Lust mehr auf Twitter. Einspruch beim Support schien nichts zu bringen und die Willkür dieser Sperrungen ermüdeten mich. Wo fängt Hetze an und wo hört sie auf?

Ich versuche, immer noch gelassen zu bleiben. Ist ja nur das Internet, nur eine blöde Plattform. Aber am Ende bin ich auch nur eine 21-jährige Studentin, die ihren Ausgleich durch kleine Witzchen auf Twitter sucht und sich am Zuspruch erfreut – den es ja durchaus auch gibt. Für mich fühlt es sich falsch an, Twitter auf Wiedersehen zu sagen: Ich ertrage den Hass, um weiter gegen ihn anzukämpfen.

*Lenas Nachricht an Twitter und die Antworten liegen der Redaktion vor.


Future

Ein Drittel aller Lehramtsstudierenden will nicht an einer Schule arbeiten
Wir haben uns auf Spurensuche begeben, warum das so ist.

Im Laufe des Studiums kommen oft Zweifel auf. Findet man einen Job, der Zukunft hat? War die Fächerwahl richtig? Was möchte man eigentlich später genau machen? 

Manche ziehen daraus Konsequenzen, brechen ihr Studium ab oder wechseln das Fach – andere studieren einfach weiter und orientieren sich erst nach dem Abschluss um. Wer beispielweise Geisteswissenschaften studiert, ist meist nicht automatisch auf einen bestimmen Job festgelegt. 

Laut einer Studie des Personaldienstleisters Studitemps in Zusammenarbeit mit dem Department of Labour Economics der ​Maastricht University, präferieren Absolventinnen und Absolventen nach dem Studium den Sektor Bildung, Erziehung und Forschung.

Die Befragung zeigt aber auch: Mehr als 30 Prozent aller Lehramtsstudierenden wollen nach ihrem Abschluss gar ​nicht an einer Schule oder im Bildungsbereich arbeiten.​

In der Studie wird dieser Aspekt nicht genauer ausgeführt. Wir haben uns deswegen auf Spurensuche begeben und mit einer ehemaligen und zwei aktuellen Studentinnen über die Zahlen gesprochen. Wir haben sie gefragt, warum sie sich für Lehramt entschieden haben. In welchem Bereich wollen sie wirklich arbeiten? Und, wie sehen die Jobaussichten für Lehrerinnen und Lehrer eigentlich aus?

Sophia, 30, hat Gymnasiallehramt für Englisch und Geografie studiert. Heute lebt sie in Kalifornien und leitet die amerikanische Zweigstelle eines deutschen Touristikunternehmens.