Bild: Seeliger/imago images

Die Bezahlung ist schon in Ordnung, sagt Max Beernbaum. Das Problem sei eher, dass sie so unzuverlässig ankomme. Der 27-Jährige fährt für Lieferando Essen in einer deutschen Großstadt aus. Die Corona-Krise hat auch seinen Alltag verändert – und den vieler anderer Essenskuriere (bento). Seit mehreren Monaten müssen Max und Kollegen Abstand halten, wenn sie ihre Lieferungen übergeben. Damit sie dennoch Trinkgeld erhalten können, hat Lieferando Mitte Mai eine digitale Trinkgeldfunktion in die Bestell-App integriert. Die Funktion wird inzwischen rege genutzt.

Fahrer warten seit Wochen auf Trinkgeld

Das Problem ist nur: Bei den Fahrern kommt davon oft wenig an. Viele warten seit Wochen auf die Auszahlung des versprochenen Trinkgeldes. Seit gut zwei Monaten kämpft Deutschlands größter Lieferdienst mit Schwierigkeiten bei der Lohnabrechnung. In ganz Deutschland berichten sogenannte Rider davon, bislang nur unvollständiges oder gar kein Trinkgeld erhalten zu haben. Damit sie keine Nachteile erfahren, hat Max hier einen anderen Namen erhalten. 

Denn die Probleme reichen offenbar noch weiter: bento vorliegende Dokumente zeigen, dass es auch bei der Lohnabrechnung offenbar seit langem immer wieder zu Unregelmäßigkeiten kommt. Immer wieder mussten Lieferando-Lohnzettel neu ausgestellt und nachträglich korrigiert werden. Mal fehlten geleistete Arbeitsstunden, ein anderes Mal Urlaubsgeld oder 100 Euro Bonuszahlung für neu geworbene Mitarbeiter. In einem Fall wurden allein für die Abrechnung im Februar bislang drei nachträgliche Korrekturen ausgestellt. In einem anderen beklagt ein Mitarbeiter eine dreistellige Zahl an nicht abgerechneten Arbeitsstunden. Betriebsräte berichten von einem Fall, in dem ein Lieferando-Kurier sogar sechs Revisionen einer einzelnen Lohnabrechung erhalten habe. 

Lieferando räumt intern Probleme ein

In einem internen Schreiben räumt das Unternehmen ein, dass es bei der Umsetzung der neuen Trinkgeldfunktion zu technischen Schwierigkeiten gekommen sei. Die Funktion sei "schnellstmöglich" eingeführt worden. Grundsätzlich sieht das Unternehmen bei der Lohnabrechnung jedoch kein Problem. "Im seltenen Fall, dass es ein Problem mit der Abrechnung gab und Gehalt oder Trinkgeld einmal nicht korrekt an einzelne FahrerInnen ausgezahlt wurde, können diese sich selbstverständlich direkt an den jeweiligen Vorgesetzten wenden", heißt es von Lieferando dazu auf Nachfrage. 

Wie viele Lohnabrechnungen in diesem Jahr bislang korrigiert werden mussten, teilt das Unternehmen nicht mit. Insgesamt sei die Zahl jedoch "extrem gering". Betriebsräte aus einzelnen Standorten schätzen den Anteil der seit Mai fehlerhaft ausgestellten Trinkgeld-Abrechnungen dagegen auf einen zweistelligen Prozentsatz. Die technischen Probleme hätten dazu geführt, dass bislang oft noch nicht einmal klar sei, wie viel Geld den Fahrern noch zustehe, heißt es. "Da wurde teilweise einfach nicht erfasst, wann ich gearbeitet habe", sagt ein Betroffener. "Die Summen sind aber so hoch, dass klar ist, dass es keine Rundungsfehler sind."

Um wieviel Geld es dabei geht, hängt stark vom Arbeitspensum der Fahrerinnen und Fahrer ab. Bislang werde die digitale Trinkgeldfunktion bei etwa zehn Prozent aller Bestellungen genutzt, heißt es von Lieferando. Die durchschnittliche Höhe liege meist bei einem Zehntel des Bestellwertes – also etwa zwei Euro pro Auftrag. Vor allem Fahrer, die hauptberuflich, als Werkstudierende oder als Mini-Jobber für Lieferando arbeiten, erreichen so pro Monat schnell dreistellige Summen. 

Auch Max geht es so. Für ihn bedeutet die neue Trinkgeldfunktion bislang vor allem, dass er weniger Trinkgeld in bar bekommt – und auf den Rest bislang vergeblich wartet. Pro Monat verdient er etwa 800 bis 1200 Euro, je nach Arbeitszeit. Das zusätzliche Trinkgeld, so sagt er, sei bislang eine zuverlässige Ergänzung gewesen. Jetzt fehle es ihm.

Probleme sind teilweise hausgemacht

Dass es bei den Abrechnungen öfter zu Fehlern kommt, dürfte auch mit den Strukturen von Lieferando zu tun haben. Der heutige Mutterkonzern eroberte den deutschen Markt in den vergangenen Jahren Stück für Stück durch Übernahmen und Zusammenlegungen. Schon der offizielle Name "Just Eat Takeaway" verweist auf ein unübersichtliches Geflecht aus Marken, Unternehmen und Vertragsverhältnissen. In Deutschland tritt heute nur noch Lieferando öffentlich in Erscheinung, doch in den orangenen Jacken stecken oft Mitarbeiter ganz verschiedener Unternehmen. Wer früher bei Foodora war, arbeitet oft noch heute zu einem anderen Stundenlohn in einem anderen Unternehmen als neuer Lieferando-Kurier. 

Dazu kommen Tausende Fahrer, die über Lieferando bestelltes Essen ausfahren, aber direkt bei Restaurants beschäftigt sind. Etwa 90 Prozent der über Lieferando getätigten Bestellungen würden so zugestellt, heißt es aus dem Unternehmen. Die vermittelten Fahrer kommen nicht selten im PKW, ihr digital überwiesenes Trinkgeld wird von der Plattform direkt an die Gastronomen überwiesen – und soll von dort an die Mitarbeiter ausgezahlt werden. "Hierbei ist es den Restaurant-Partnern freigestellt, das Trinkgeld direkt an die FahrerInnen auszuzahlen oder unter dem gesamten Personal, inklusive des Küchenpersonals aufzuteilen", heißt es seitens Lieferando. 

Wie unübersichtlich diese Verhältnisse sind, zeigt ein Zettel, den die Linken-Politikerin Sonja Neuhaus aus Essen in der vergangenen Woche veröffentlichte und der rasch von Parteifreunden und hunderten Anderen geteilt wurde. "Wir als Pizza-Lieferanten bekommen leider keines", heißt es darin mit vielen Auszufezeichen zum neu eingeführten Online-Trinkgeld. Wer seinen Essenskurier zusätzlich belohnen wolle, solle lieber bar zahlen, so der Aufruf.

Wieviel bargeldloses Trinkgeld am Ende bei den restauranteigenen Fahrer ankommt, lässt sich kaum sagen. Doch selbst bei den Kurieren, die direkt für Lieferando ausliefern, unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen heute teilweise massiv. 

Weil die Branche gerne am Notwendigsten spart, wurden Fahrer lange Zeit angehalten, ihr eigenes Fahrrad zur Arbeit mitzubringen. Für die Abnutzung und Reparaturen erhielten sie Gutscheine von Amazon. Inzwischen fährt ein Großteil mit Rädern des Leihanbieters "Swapfiet" – oder auf unternehmenseigenen E-Bikes, die die Zustellung beschleunigen sollen. Je nach fahrbarem Untersatz und Vertrag finden sich deshalb heute ganz unterschiedliche Posten auf der Lohnabrechnung. 

Mehrere Klagen wegen Lohnabrechnung

Dass es mit diesem Durcheinander am Monatsende oft Probleme gibt, sei schon lange vor Corona zu spüren gewesen, sagt Laura Schimmel von der zuständigen Gewerkschaft NGG. Inzwischen landeten die Probleme mit der Lohnabrechnung regelmäßig vor dem Arbeitsgericht. Allein in Nürnberg habe es in den vergangenen zwölf Monaten etwa eine Hand voll Klagen gegen Lieferando gegeben, sagt die Gewerkschaftssekretärin. Lieferando legt dagegen Wert darauf, dass es in den vergangenen 12 Monaten keine Klagen "wegen fehlerhafter Lohnabrechnung" gegeben habe. In wie vielen Klagen es zumindest auch um darum ging, möchte das Unternehmen trotz mehrfacher Nachfrage nicht sagen.

Kurierfahrer, Betriebsräte und Lieferando begegneten sich in der Vergangenheit wegen verschiedener Dinge immer wieder im Streit. Nicht selten geht es auch um die Frage, ob das Unternehmen die Arbeit seiner Mitarbeiter zuverlässig erfasst oder Aufgaben auf sie abwälzt. In Köln, heißt es aus dem Umfeld des dortigen Betriebsrats, stehe bald der 14. Prozess seit 2017 an. 

Nicht jedem der Fahrer, die oft nur für eine begrenzte Zeit bei Lieferando arbeiten, ist es diesen Aufwand wert. Auch Max Beernbaum ist bislang nicht soweit gegangen. Nach mehreren Beschwerden sei das Trinkgeld aus dem Mai inzwischen auf seinem Konto eingangen, sagt er. "Zumindest teilweise."

Ergänzung: Lieferando erklärte nach Veröffentlichung, dass es „innerhalb der letzten 12 Monate keine einzige Klage wegen fehlerhafter Lohnabrechnung“ gegeben habe. Die NGG hält daran fest, dass fehlende Bestandteile der Lohnabrechnung Gegenstand von mehreren Auseinandersetzungen waren und sind. Lieferando erhielt mehrere Tage vor Veröffentlichung dieses Textes konkret die Frage: "In wie vielen Fällen gibt es oder gab es in diesem Jahr bereits juristische Auseiandersetzungen (auch) bezüglich der Lohnabrechnung?" Das Unternehmen ging in seiner Antwort nicht darauf ein. Aus Gründen der Transparenz haben wir die Darstellung dennoch ergänzt.


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