Bild: Getty Images/John Moore
Und was das für das nordafrikanische Land bedeutet.

Am Montag haben die USA einen neuen Militärstützpunkt auf Sizilien in Betrieb genommen. Von dort können sie nun Luftschläge im nordafrikanischen Libyen fliegen. Die Angriffe gehören laut Pentagon zum Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die sich längst auch in Libyen festgesetzt hat.

Warum fliegen die USA die Angriffe?

Hauptziel Washingtons ist es, den IS zu bekämpfen. Längst operieren die Dschihadisten nicht mehr nur im Irak und in Syrien, sondern haben auch Gebiete in Libyen erobert. Eine schlagkräftige libysche Armee gibt es nicht mehr, daher mischen sich die USA nun ein. Zunächst diene die Basis auf Sizilien aber nur dazu, um US-Personal in Libyen zu schützen. (Foreign Policy) Internationale Beobachter und libysche Politiker verurteilen die Einmischung dennoch: Es gebe bislang keine Legitimation für die USA, auch eine Koordination der Angriffe mit libyschen Kräften fehle.

Angriffe fliegen die USA trotzdem, wenn auch nicht von Sizilien aus. Erst Mitte Februar wurden bei einem Luftschlag mehr als 40 IS-Kämpfer getötet, darunter ein Drahtzieher der Anschläge in Tunesien im vergangenen Jahr. Er soll die Angriffe auf den tunesischen Badestrand bei Sousse und das Bardo-Museum in Tunis koordiniert haben. Dabei waren insgesamt 60 Menschen gestorben. Bei dem US-Luftschlag kamen allerdings auch zwei vom IS entführte serbische Geiseln ums Leben. (SPIEGEL ONLINE)

In drei Sätzen: Was passiert in Libyen?

Während des Arabischen Frühlings begann im Frühjahr 2011 ein Bürgerkrieg zwischen der Armee des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi und verschiedenen Rebellen. Im Sommer wurde Gaddafi getötet, das Land begann mit dem Wiederaufbau. Der scheitere allerdings: Heute stehen sich zwei feindlich gesinnte Regierungen gegenüber, der IS nutzt den Machtkampf für eigene Eroberungen im Land.

Um welche Parteien geht es konkret?

Die beiden Hauptakteure sind Fadschr ("Morgenröte") und Karama ("Würde"). Beide Seiten führen eigene Parlamente und Regierungen:

  • Fadschr sitzt in der Hauptstadt Tripolis und kontrolliert Westlibyen. Im dortigen Parlament sitzen islamistische Parteien, zunächst legitim gewählt, später abgesetzt. Islamistische Milizen unterstützen Fadschr.
  • Karama wird vom Ex-General Chalifa Haftar geführt. Das Parlament arbeitet von Tobruk in Ostlibyen aus. Es wird international von anderen Staaten anerkannt

Unter Uno-Vermittlungen haben sich mittlerweile beide Seiten auf die Bildung einer Einheitsregierung geeinigt. Doch auch das ist kompliziert: Die Vertreter treffen sich im marokkanischen Sachirat, in Libyen selbst wird diese neue (dritte) Regierung nicht von allen anerkannt.

Darüber hinaus buhlen weitere Milizen und Stämme um Einfluss im Land: Der IS und andere Gruppen kontrollieren mehrere Hafenstädte, die für den Ölexport wichtig sind. Unter anderem war Bengasi lange umkämpft: Sie konnte jüngst von Karama-Truppen aus der Hand von Dschihadisten befreit werden. (Libya Herald) Im Süden kontrollieren die Sahara-Stämme der Tuareg und Tubu jeweils eigene Gebiete. Damit haben sie Macht über Schmuggelrouten und Öl-Pipelines gen Norden.

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Wie mischen fremde Kräfte mit?

Als sich der IS begann, in Libyen auszubreiten, flogen Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate im Sommer 2014 erste Luftschläge gegen deren Stellungen. Die internationale Gemeinschaft verurteilte die Angriffe damals – nun fliegen die USA eigene Luftschläge mit Unterstützung Italiens und Großbritannien. Auch am Boden sind US-Soldaten aktiv:

بتاريخ 14/12/2015 وعلي تمام الساعة السادسة صباحاً هبطت طائرة عسكرية أمريكية علي متنها 20 جندي أمريكي علي مهبط قاعدة الو...

Posted by ‎رئاسة أركان القوات الجوية Libyan Air Forces‎ on Mittwoch, 16. Dezember 2015

Eine Spezialeinheit landete Mitte Dezember 2015. Eine libysche Miliz, die sich selbst "Libyan Air Forces" nennt, postete davon Fotos auf Facebook. Die USA bestätigten später, Spezialkräfte würden seit einiger Zeit "in Libyen ein und ausgehen". Nach Recherchen von Le Monde sind auch französische Spezialeinheiten im Land. (Le Monde)

Was steht auf dem Spiel?

Das Erstarken des IS in Libyen bedroht die Stabilität der Region: Zwar war Libyen auch ohne den IS in einer gefährlichen Lage, allerdings zieht die IS-Miliz nun verstärkt Dschihadisten aus der Südsahara, aber auch aus Tunesien und Ägypten an. Aus einem Krieg unter libyschen Parteien wird so ein auf Nordafrika ausgreifendes Chaos.

Mit Wirkung auf Europa: Bereits vor einem Jahr enthauptete der IS in einem Video 21 entführte Christen aus Ägypten. Als Drehort wählten die Dschihadisten einen libyschen Mittelmeerstrand und verkündete, die Christen "weiter nördlich" in Rom seien als nächstes dran.

Militärisches Einmischen von außen würde allerdings die Annäherungen in Libyen stören: Karama bezeichnet pauschal jeden Gegner als "Terroristen", beginnt aber, die gemäßigten Islamisten von Fadschr zu akzeptieren. Würden sich westliche Bodentruppen einen Partner in Libyen aussuchen, wird diese Annäherung zunichte gemacht. Sie ist aber wichtig, um Stabilität zu schaffen.

(Bild: dpa/Vassil Donev)
Quellen:
  • "Islamischer Staat" in Libyen: Amerikas nächster Krieg (SPIEGEL ONLINE)
  • Obama Is Pressed to Open Military Front Against ISIS in Libya (New York Times)
  • Libya and the Perils of Intervention (Soufan Group)
  • La guerre secrète de la France en Libye (Le Monde)