Bild: Steve Taylor/imago
Um dich nur die Wüste. Und dann das Mittelmeer.

Für den Weg durch die Wüste gibt es auf Tigrinisch, einer Sprache aus Äthiopien und Eritrea, einen eigenen Begriff. Er bedeutet übersetzt so viel wie "dunkles Schicksal". Doch er meint viel mehr, sagt Denden: 

„Es geht darum, den Tod zu akzeptieren. Vor dir ist ein großes Nichts – aber du musst da durch.“
Denden

Denden ist 17 Jahre alt und gebürtig aus Eritrea. Der Moment, an dem er erstmals seinen Tod akzeptierte, liegt mittlerweile etwas mehr als zwei Jahre zurück. Gemeinsam mit etwa 270 anderen Eritreern in zwei Lkws rumpelte er auf die Sahara kurz hinter der sudanesischen Hauptstadt Khartum zu. Vor ihm lagen gut 2500 Kilometer Wüste, eine Strecke, länger als von Berlin nach Lissabon. Vor ihm lag eine ungewisse Zukunft. Und ein Foltergefängnis.

Immer wieder warnen Menschenrechtler, dass Schutzsuchende in Libyen interniert werden. 

Zuletzt hatte die Seawatch-Kapitänin Carola Rackete im Juli gefordert, alle Migranten "dort sofort raus in ein sicheres Land" zu holen (Zeit). Was es jedoch kaum gibt: Zeugenberichte von denen, die betroffen sind. 

bento hat in den vergangenen Monaten viele Geflohene aus Äthiopien, Eritrea und Syrien kontaktiert, die in Libyen interniert waren. Viele sagten einem Gespräch erst zu, dann wieder ab. Schließlich erklärte sich Denden bereit, von seinem Weg zu berichten. Unter einer Bedingung: Wir sollen weder sein Gesicht zeigen noch seinen echten Namen nennen. Denden ist sein Wunschname.

Mittlerweile lebt er in einem kleinen Ort bei Frankfurt. In einem geschützten Raum unweit des Frankfurter Hauptbahnhofes will er reden. Draußen scheint die Sonne – es ist einer der Tage, an denen der deutsche Herbst golden glänzt. Denden hat sich einen Oberlippenbart wachsen lassen, trägt ihn fein gestutzt. Sein schmaler Körper verschwindet in einem schwarzen Hemd. Dendens Stimme ist leise, er blickt fast immer zu Boden, mit seinen Daumen reibt er beim Sprechen über seine Handflächen.

"Sie haben uns in Lorrys gesetzt. Das sind Lastwagen mit Metallstreben statt Planen, es gibt keine Scheiben und keine richtige Sitze. Im Sudan werden sie auch für Viehtransporte verwendet. Drinnen haben wir uns gedrängt. Hatten die Lorrys Dächer, mussten sich manche dort draufsetzen. Wir fuhren jeden Tag bis Mitternacht, dann war kurz Pause.

Ein typischer Lorry, wie sie von Schleusern für die Fahrt durch die Sahara benutzt werden.

(Bild: WikiCommons, Badawi1993 (CC BY-SA 4.0) )

Am Tag ist es stickig und heiß, der Sand verklebt dir Nase und Augen. Nachts wird es bitterkalt, aber wir mussten trotzdem unter freiem Himmel ausharren. Immer früh um 4 Uhr ging es los, wer nicht schnell genug wach war, wurde in der Wüste zurückgelassen. Ich habe mehrmals beobachtet, wie Menschen von den Lorrys fielen. Angehalten wurde nie. Ich glaube, die Sahara ist das weitaus größere Grab als das Mittelmeer. Etwa drei Wochen dauerte die Fahrt durch die Wüste, dann kamen wir in Libyen an."

Denden ist einer von Zehntausenden, die sich jährlich aus Afrika nach Europa aufmachen. Vor ihnen die Wüste, das Mittelmeer – vor allem aber Libyen.

In Libyen schwelt seit 2011 ein Bürgerkrieg, konkurrierende Regierungen und Milizen haben das Land unter sich aufgeteilt. Schleuser machen sich das Chaos in dem nordafrikanischen Staat zunutze, um Schutzsuchenden aus Afrika und Nahost eine Überfahrt nach Europa in Aussicht zu stellen. Tatsächlich nutzen sie Menschen wie Denden aus, erpressen Gelder, versklaven die Geflohenen oder missbrauchen sie als Soldaten und Sexarbeiter. (Time, Washington Post)

Rund 43.000 Menschen sind nach Uno-Angaben derzeit in Libyen auf der Flucht und hoffen auf eine Fahrt übers Mittelmeer. Doch Italien hält an einem Abkommen mit der libyschen Küstenwache fest, dass im Mittelmeer aufgegriffene Geflohene in das Bürgerkriegsland zurückbringt. Dort landen sie wieder in Privatgefängnissen. Die deutsche Botschaft in Niger spricht in Bezug auf diese Gefängnisse von "KZ-ähnlichen Verhältnissen" (SPIEGEL).

Obwohl die Zustände bekannt sind, passiert nur wenig. Italien hat erst Anfang November das umstrittene Abkommen mit Libyen verlängert (SRF). Menschen, die Libyen überlebt und die Flucht nach Europa geschafft haben, sprechen nur selten über das, was ihnen passierte. Fragt man sie, ist die Scham zu groß, zu schmerzhaft der Blick zurück.

Die Geschichten, die Denden über Libyen erzählt, handeln von Mord und Ausbeutung – sie offenbaren ein menschenfeindliches System auf Kosten der Asylsuchenden.

Denden sagt, er habe Eritrea im Juli 2016 verlassen. Das Land wird seit Anfang der Neunziger autoritär von Präsident Isayas Afewerki regiert. Ihm untersteht seit 26 Jahren eine Übergangsregierung. Ein Parlament und eine unabhängige Justiz gibt es nicht, Menschen, vor allem Christen, werden willkürlich eingesperrt. (NZZ)

Als Denden floh, war er 14 Jahre alt und hatte kein Geld. Warum er fortging, sagt er nicht. "Die Regierung in Eritrea führt Krieg gegen ihr eigenes Volk", ist seine einzige Antwort. Er schlug sich zu Fuß bis zur sudanesischen Hauptstadt Khartum durch, sagt er, mehr als 500 Kilometer. Dort angekommen, jobbte er ein halbes Jahr, lernte Arabisch. 

Nicht alle seine angegebenen Stationen lassen sich unabhängig überprüfen, einiges jedoch nachrecherchieren. In Deutschland hilft ihm eine Psychologin bei der Verarbeitung seiner Erlebnisse. Sie stuft seine Erzählungen als glaubwürdig ein.

"In Khartum wurde ich von Abu Salams Männern angesprochen. Er ist einer der wichtigsten Schleuser in Nordafrika, viele arbeiten für ihn und schmuggeln Menschen durch die Wüste. Sie sehen, wer Eritreer ist oder Äthopier – wer es bis ans Mittelmeer schaffen will. 

Am Anfang waren sie freundlich. 'Du brauchst kein Geld', haben sie gesagt, 'wir kümmern uns um alles'. Aber schon als wir die Lorrys bestiegen, wurde alles anders. Plötzlich hatten sie Waffen dabei und schrien die ganze Zeit. Unsere Leben wurden plötzlich zur Ware. 

In Libyen kam ich im Februar 2017 an und wurde neun Monate eingesperrt. Der Ort sah aus wie ein alter Wirtschaftshof, es gab hohe Mauern und Stallungen. Gleich bei der Ankunft mussten wir uns alle in einer langen Reihe aufstellen. Dann sollte jeder die Nummer seiner Angehörigen sagen. Sie haben dann daheim angerufen und unsere Eltern oder Geschwister um Geld erpresst. Wer am Handy war, wurde mit einem Stock geschlagen, damit seine Schreie zu hören waren."

Für Denden habe sein gesamtes Heimatdorf zusammengelegt, sagt er. Einmal hätten sie 4000 Dollar überwiesen, später noch einmal 5000 Dollar. 

Die Methode ist in Libyen verbreitet: Menschenrechtler bei "Amnesty International" und "Human Rights Watch" berichten unabhängig voneinander von Fällen, in denen Migranten gefoltert wurden, um in der Heimat Geld zu erpressen. 

Denden sagt, er sei die ganzen neun Monate im zentrallibyschen Örtchen Beni Walid untergebracht worden. Zumindest sagten ihm das die Schleuser. Die Stadt selbst bekam er nie zu sehen, den Ort, an dem er untergebracht wurde – er benutzt das arabische Wort für "Festung" – durfte er nicht verlassen. In der Ferne hörte er gelegentlich Bombendetonationen oder Gewehrfeuer. 

Inhaftierte Migranten in Libyen: Kein Lager, sondern eine "Festung".

(Bild: Ärzte ohne Grenzen)

Die Schleuser seien selbst Eritreer und Sudanesen gewesen, Handlanger vom Mafiaboss aus Khartum. Libyer seien auch dabei gewesen. Es wird deutlich, dass die Ausnutzung und Erpressung der Migranten ein riesiges, länderübergreifendes Geschäft ist. Immer wieder seien Inhaftierte umgekommen, vor Hunger, durch Krankheiten oder die Folgen der Folter. 

"Sie haben mit uns gemacht, was sie machen wollten. Uns geschlagen, uns missbraucht, nachts mit kaltem Wasser geweckt. Um mir Angst zu machen, schossen sie manchmal mit ihrem Gewehr direkt vor meine Füße. Es gab keine Routinen, keinen Gefängnissalltag – die Folter war willkürlich und plötzlich. Ich habe auch gesehen, wie sie Frauen vergewaltigt haben. Die Ehemänner wurden danebengesetzt und mussten zusehen.

„Für sie sind wir keine Menschen mehr. Wir sind in ihren Augen nur noch Geld.“

Ich erinnere mich an einen Moment, als ein Freund verstarb und ein Wärter die anderen anschrie: 'Jetzt sind 5000 Dollar verloren!' 

Um das zu überstehen, hatte ich nur Gott. Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen und alles als Ausweg akzeptiert. So ging es auch anderen Häftlingen. Wir hatten nicht viel zu reden, wir haben uns nur versichert, dass alles gut wird, egal, wie es ausgeht."

Warum die Schleuser irgendwann von ihm abließen, weiß Denden nicht. Vielleicht sollte Platz für neue gemacht werden, die sich erpressen lassen. 

Gemeinsam mit anderen wurde er zur libyschen Küste gefahren und nachts in ein brüchiges Boot gesetzt. 

Er erinnert sich daran, dass sie keinen Kompass hatten und deshalb ziemlich hilflos aufs offene Meer getrieben sind. "Im Morgengrauen hörte ich dann das Knattern eines Helikopters", sagt Denden, "da wusste ich, wir sind gerettet."

Knapp zwei Stunden lang hat er mit uns gesprochen, er wirkt erschöpft. Aber er möchte noch eine Geschichte loswerden. Er erzählt, warum er als Pseudonym den Namen Denden gewählt hat. 

"Ohne Denden wäre ich heute nicht hier. Er ist ein guter Freund, ich habe ihn in der Festung in Beni Walid kennengelernt. Er war dort schon zwei Jahre, kam auch aus Eritrea. Er reinigte die Zellen und war ein tougher Typ. Immer hat er Witze gemacht und uns allen Hoffnung gegeben. Wenn wir ihm zuhörten, wirkte alles nicht mehr so schlimm.

Eines Tages hat er versucht, über die Mauer zu klettern und zu fliehen. Er wurde erwischt und in die Mitte des Platzes gebracht. Sie haben ihn zu Boden gelegt und einen großen Stein geholt. Dann haben ihn sie auf seinen Kopf geschmettert, immer wieder."


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