Bild: dpa / Yannis Kolesidis
Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen berichtet, was das neue EU-Abkommen mit den Flüchtlingen macht.

Seit gut einer Woche gilt das neue Flüchtlingsabkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei. Es soll die Einwanderung von Menschen nach Europa begrenzen (bento). Momentan sorgt es dafür, dass viele Flüchtlinge vor allem auf der griechischen Insel Lesbos festsitzen.

Griechische Polizisten bringen die Migranten in das Flüchtlingslager von Moria(Bild: dpa / Zoltan Balogh)

Internationale Hilfsorganisationen kritisieren das Abkommen und dessen Auswirkungen scharf: Da die Flüchtlinge die Insel nicht mehr verlassen dürfen, werden sie im sogenannten "Hotspot" in Moria festgehalten – einem militärischer Stützpunkt, umringt von hohen Stacheldrahtzäunen. Den Flüchtlingen ist ihre neue Situation meist nicht bewusst: "Die Leute wissen überhaupt nicht, was los ist und warum sie eingesperrt werden", beschreibt Christine Schanze die Situation.

Christine Schanze

Christine Schanze ist ausgebildete Krankenschwester. Die 54jährige arbeitet seit Anfang Januar auf der griechischen Insel Lesbos. Als Medical Activity Manager koordiniert sie dort die verschiedenen Einsatzbereiche der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Sie ist ausgebildete Krankenschwester und arbeitet seit Anfang Januar in Moria, dort koordiniert sie die verschiedenen medizinischen Einsätze von Ärzte ohne Grenzen. Am Dienstag hat die Organisation ihren Dienst im Hotspot aus Protest eingestellt.

Mit bento hat Christine Schanze darüber gesprochen, was das neue Abkommen für die Flüchtlinge vor Ort bedeutet.

Wie ist die Stimmung unter den Menschen im Hotspot?

Es herrscht eine große Verunsicherung. Man merkt, dass die Leute sehr angespannt sind. Es hat Demonstrationen gegeben, aber die sind friedlich abgelaufen, die Leute wollen vor allem informiert werden. Hier sitzen nun Familien, Frauen und Kinder hinter Gittern. Mir kommt das kalte Grausen, wenn Sechsjährige wie Strafgefangene abgeführt und eingesperrt werden. Das ist wirklich gruselig.

Die Flüchtlinge dürfen das Camp nach ihrer Registrierung nicht mehr verlassen(Bild: dpa / Alexia Angelopoulou)
Ärzte ohne Grenzen haben vergangenen Dienstag beschlossen, die Arbeit im Hotspot Moria niederzulegen. Werden die Flüchtling nun nicht mehr medizinisch betreut?

Doch. Das Camp ist eine offizielle Stelle, der griechische Staat hat dafür etliche Ärzte neu angestellt. Es gibt auf jeden Fall eine medizinische Grundversorgung.

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen protestieren gegen das Festhalten der Flüchtlinge(Bild: dpa / Streits Balaskas)
Der Rückzug war also ein rein politisches Statement?

Ganz klar. Es geht nicht darum, dass wir nicht in Gefängnissen arbeiten wollen, das machen wir anderorts schon. Hier haben wir unter anderen Bedingungen unsere Arbeit aufgenommen. Und nun sagen wir: Unter diesen Bedingungen spielen wir nicht mehr mit.

Was ändert sich durch das Abkommen?

Bisher konnten die Flüchtlinge nach ihrer Registrierung weiter Richtung Europa reisen. Das ändert sich jetzt. Denn: Jeder Flüchtling soll nun seinen Asylantrag direkt im Flüchtlingslager Moria stellen, die Asylbehörde soll ihn sofort vor Ort prüfen. Wird dem Antrag nicht stattgegeben, schieben die griechischen Behörden die Flüchtlinge wieder in die Türkei ab. Für jeden Flüchtling, den die Türkei von Griechenland zurücknimmt, darf ein anderer direkt von der Türkei nach Europa reisen – bis zu einer Obergrenze von 72.000 Menschen.

Das Problem: Derzeit werden die Anträge nicht bearbeitet, da die Behörden abwarten, bis die Türkei als sicheres Herkunftsland eingestuft wird. Erst dann können die Flüchtlinge dorthin zurückgeschickt werden.

Wie stehen Sie zu dem EU-Türkei-Abkommen?

Das Abkommen ist in hohem Maße unmoralisch und inhuman: Für jeden Flüchtling, der hier von Lesbos zurück in die Türkei geschickt werden soll, soll ein anderer Flüchtling direkt aus der Türkei nach Europa reisen dürfen. Das ist so ein unmoralischer Schachzug, dass man sich kaum vorstellen kann, dass Europa dies beschlossen hat.

Glauben Sie, Ihr Rückzug aus dem Camp kann politisch etwas bewirken?

Das ist ganz schwierig vorherzusehen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Beschluss revidiert wird. Es gibt viele Stimmen, die sagen: Da werden Menschenrechte verletzt, das stimmt überhaupt nicht mit europäischen Rechten überein. Man muss auch abwarten, wie sich die Türkei verhält – ob sie ihren Teil des EU-Türkei-Deals einhält oder nicht.

Natürlich motiviert mich das weiterzumachen.
Christine Schanze
Wie gehen Sie persönlich mit der neuen Situation um?

Wir arbeiten häufig unter schwierigen politischen Bedingungen, bei denen wir abwägen müssen, inwieweit wir noch mitmachen. Dass diesmal Europa Flüchtlinge so unwürdig behandelt, das finde ich schon schwierig auszuhalten. Aber natürlich motiviert mich das weiterzumachen, mehr zu machen.

Was wollen Sie mir Ihrer Arbeit bewirken?

Mir geht es darum, diese Dinge auszusprechen. Medizinische Arbeit ist notwendig, aber für die Flüchtlinge ist es auch sehr wichtig, die politischen Missstände anzuprangern. Das ist mit ein Grund, warum wir als Hilfsorganisation in Europa überhaupt arbeiten. Es ist ja schon ungewöhnlich, dass eine Organisation wie Ärzte ohne Grenzen hier Hilfsdienste leistet, in einem Kontinent, der es finanziell sicher nicht nötig hätte, dass man ihm unter die Arme greift. Wir möchten damit klar aussprechen, dass dies eine menschenverachtende Politik ist.

Unsere ganze Intervention zeigt also ganz klar, dass wir mit der Art, wie Flüchtlingspolitik hier betrieben wird, nicht einverstanden sind.

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