Bild: dpa / Kay Nietfeld
Wir haben mit Menschen gesprochen, die es wissen müssen.

Der Ort steht seit 2015 symbolisch für die Flüchtlingskrise: Das Auffanglager Moria auf Lesbos. Hier leben nach offiziellen Angaben etwa 7.500 Menschen auf engstem Raum. Unter ihnen sind zahllose Kinder. Sie sind gefangen in einem Lager aus Blechhütten und Zelten, zum Großteil ohne fließendes Wasser, ohne Heizung, das Lager ist rund um die Uhr von Laternen beleuchtet. Unruhen und Krawalle gehören zur Tagesordnung. Die Lage ist erbärmlich.

Nun schlägt die Vereinigung Ärzte ohne Grenzen Alarm – mit einer belastenden Botschaft. Denn in dem Lager versuchen erschreckend viele Kinder, sich das Leben zu nehmen. Der Organisation zufolge werden es immer mehr. Genaue Zahlen fehlen aber. Was muss einem nicht mal 12-Jährigen passieren, damit er sich den Tod zu wünscht? Wir haben mit Menschen gesprochen, die es wissen müssen.

"Es ist die pure Verzweiflung"

Alessandro Barberio ist Psychiater und für Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Der Italiener kümmert sich im psychosozialen Dienst um Geflohene mit psychischen Problemen und Erkrankungen, auch um Kinder. Er erzählt, wie dramatisch die Situation in Moria ist

(Bild: Robin Hammond/Witness Change)

"Es ist die pure Verzweiflung, die man in den Augen der Menschen sieht", sagt Barberio. Tausende seien mit dem Boot auf die griechische Insel gekommen und sitzen seitdem in Moria fest – einige schon seit Monaten. Auf engstem Raum, ohne Privatsphäre und unter hygienisch katastrophalen Bedingungen. Im Lager kommen auf 72 Menschen eine funktionierende Toilette und auf 84 Geflüchtete eine Dusche.

"Dieses Lager ist kein Ort für Tausende Menschen", sagt Barberio. "Das kann niemand lange aushalten." Besonders die Kinder litten unter den Bedingungen.

"Kinder werden oft gequält."
Alessandro Barberio

"Sie werden von etwas Älteren geschlagen, gewürgt oder mit heißen Eisenstangen gebrandmarkt", sagt Barberio. Alle stünden unter extremen psychosozialen Druck, weil niemand wisse, wie es weitergeht. 

"Die Kinder leben in Angst. Immer mehr sagen uns, dass sie nicht mehr leben wollen. Sie wollen sich selbst umbringen", schildert Barberio seine Erfahrungen. Wie viele Betroffene er und seine Kollegen aktuell behandeln, kann Barberio kann nicht sagen. Statistiken würden in diesem Bereich nicht geführt.

In einer Pressemitteilung warnte Ärzte ohne Grenzen aber bereits 2017, dass die Zahl der Behandlungen wegen schwerer psychischer Probleme zwischen April und Juni um 50 Prozent zugenommen habe. Aktuell erhalte Ärzte ohne Grenzen in dem Lager 15 bis 18 neue Anfragen von Menschen, die dringend psychologische Betreuung benötigten, schreibt der Telegraph

Die Dunkelziffer von Menschen, die Hilfe bräuchten, liege aber deutlich höher, sagt Barberio: "Viele wollen nicht mit uns sprechen. Es ist sehr schwer, sie zu erreichen. Besonders die Kinder."

(Bild: Robin Hammond/Witness Change)

"Es wird schlimmer und schlimmer."

Zwar kämen nicht mehr so viele Geflohene nach Lesbos, wie noch vor einigen Jahren. Aber die Probleme seien nicht kleiner geworden, berichtet Barberio: "Früher sind die Menschen sehr schnell weiter gereist. Jetzt sind sie über Monate hier. Wir haben Probleme mit verschiedenen verfeindeten Gruppen oder Nationalitäten." 

Seit dem Flüchtlingsdeal der griechischen Regierung mit der Türkei im März habe sich die Situation verschärft. Wer illegal aus der Türkei nach Lesbos einreist, kann durch das Abkommen innerhalb weniger Tage wieder in die Türkei abgeschoben werden (SPIEGEL ONLINE). Seitdem nehmen die Unruhen im Lager zu, sagt Barberio.

Regelmäßig werden Barrikaden angezündet, es gibt Aufstände und Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, die sich teilweise im syrischen Bürgerkrieg gegenüber standen. Frauen werden sexuell bedroht. Auch vor Kindern machten die Aufstände nicht halt, erzählt Barberio. Sie müssten sich in den Konflikten der Erwachsenen positionieren.

(Bild: dpa)

Was geht in einem Kind vor, das den Wunsch hat zu sterben?

Katja Becker, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, forscht seit Jahren zu Suizidalität im Kinder- und Jugendalter.

Anfällig seien vor allem Kinder, die schon mit einem solchen Vorfall konfrontiert wurden, erklärt sie. "Oft haben sie Suizide, Suizidversuche oder viel Gewalt in ihrem Umfeld erlebt. Meist sind diese Kinder psychosozial hoch belastet und haben (zu) wenig Unterstützung durch ihre Bezugspersonen, weil diese psychisch erkrankt oder traumatisiert sind." Werden die Kinder nach einem solchen Erlebnis nur unzureichend psychologisch betreut, sei dies ein Risikofaktor für Folgesuizide

Dieses Phänomen hat auch Barberio auf Lesbos beobachtet: "Es sind meistens kollektive Gruppen, die uns erzählen, dass sie sterben wollen. Diese Kinder sind zehn oder elf Jahre alt und man denkt sich: Was redet ihr da? Oft haben sie gesehen, dass sich jemand umgebracht hat oder bei Auseinandersetzungen schwer verletzt wurde."

(Bild: Robin Hammond/Witness Change)

Können Kinder überhaupt schon bewusst entscheiden, ob sie sterben wollen?

Das ist schwierig zu beantworten. Becker betont aber: "Ab etwa acht Jahren können Kinder begreifen, dass der Tod final und damit nicht mehr umkehrbar ist." In späteren Entwicklungsphase komme dazu, dass Jugendliche begreifen, dass sie etwas aktiv tun können, um den Tod gezielt herbeizuführen. Diese Erkenntnis komme früher, wenn Kinder in ihrem sozialen Umfeld Suizide erlebt hätten.

Aber über die Auswirkungen eines Suizids selbst seien sich die Kinder nicht bewusst, so Becker: "Kinder leben im Hier und Jetzt, sie können nicht bilanzieren und abschätzen, ob und wann es eine Verbesserung geben wird. Ihnen muss Optimismus vermittelt werden."

"Ich wäre lieber zu Hause gestorben"

Genau dieser Optimismus fehlt auf Lesbos. Die Menschen wissen nicht, ob, wann und wie es weiter geht. Barberio sieht in dieser Hoffnungslosigkeit den größten Auslöser für die Depression der Geflüchteten: "Diese Menschen sind aus dem Krieg geflohen. Haben eine lebensgefährliche Reise mit einem Schlauchboot hinter sich. Alles, um hier ein besseres Leben zu haben. Sie kommen hier in Europa an und es ist die Hölle."

Viele würden sogar sagen, es sei ein Fehler gewesen, die Flucht anzutreten. "Ich spreche oft mit Menschen, die sagen: Ich wäre lieber zu Hause gestorben, als hier so zu leben."

Letzter Ausweg: Festland

Ärzte ohne Grenzen setzt sich dafür ein, die traumatisierten und psychisch kranken Geflüchteten in die Hauptstadt von Lesbos Mytilini zu verlegen, wo die Organisation eine Klinik betreibt. Oder sie auf das Festland zu bringen. Nur dort könnten sie adäquat versorgt werden, heißt es in einem Bericht. "Die psychosoziale Versorgung der Asylsuchenden, einschließlich psychiatrischer Behandlung, muss dringend ausgeweitet werden."


Today

So emotional reagieren Menschen in Indien auf die Legalisierung von Homosexualität
"Auf sie, auf uns, auf die Liebe, auf Frieden."

Es waren kraftvolle Worte für eine Entscheidung mit Wirkungskraft: Am Donnerstag erklärte der Oberste Gerichtshof von Indien einen Paragrafen für verfassungswidrig, der seit dem 19. Jahrhundert Homosexualität unter Strafe stellt. Das Urteil verlas der Richter Dipak Misra. Er sagte: