Bild: Axel Lange

Bisher war die Union nicht als Vorreiterin für LGBT-Rechte bekannt: Die CDU ist eigentlich die Partei, deren Bundestagsabgeordnete mehrheitlich gegen die Ehe für alle stimmten (bento) und deren Vorsitzende sich im vergangenen Jahr über das dritte Geschlecht lustig machte (bento).

Nun will sich die Partei reformieren. Wenn es nach dem Vorstand geht, soll es bald nicht nur eine parteiinterne Frauenquote geben – auch die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) sollen aufgewertet werden. Bisher nur eine inoffizielle Vereinigung, dürfte die LSU als offizielle Parteiorganisation etwa eigene Anträge auf dem Parteitag stellen. Aber das wäre nur das Formale – es geht auch um das Signal: Die CDU geht einen Schritt auf queere Menschen zu.

Wir haben junge Lesben und Schwulen innerhalb der Union gefragt: Wie soll sich ihre Partei jungen queeren Menschen öffnen?

Charline Köhler, 25, stellvertretende Bundesvorsitzende der LSU aus Gera (Thüringen) 

(Bild: LSU Thüringen/J. Riese)

"Mit 14 bin ich in die Junge Union eingetreten. Ich bin sehr heimatverbunden und in der JU konnte ich mich am stärksten damit identifizieren. Doch das war auch die Zeit, als ich zum ersten Mal realisierte, dass ich anders bin als meine Mitschülerinnen. Ich fand nicht den Jungen aus der Parallelklasse süß, sondern das Mädchen von nebenan.

Das war eine Phase, in der ich sowieso verunsichert war. Dass ich dann in einer Partei war, die, ich sage mal, ihre Schwierigkeiten mit dem Thema hat, hat es nicht leichter gemacht. Wenn dann noch prominente Politiker wie Erika Steinbach ihre homophoben Äußerungen losließen, war ich nur noch geschockt: Wie konnte jemand so hasserfüllt reden, auch über mich? Natürlich habe ich mich damals gefragt, ob ich in der CDU richtig bin.

Ich habe mich in der Partei nie ausgestoßen gefühlt. Es gab auch Parteikollegen, die mit Homosexualität wenig zu tun hatten und Verständnisfragen stellten. Wie das "bei Lesben mit dem Kinderkriegen geht" zum Beispiel. Ich finde aber, dass es völlig okay ist, über so etwas zu sprechen. 

Eigentlich hat man es als queerer Mensch in der CDU doppelt schwer. Einerseits muss man seinen Platz in der Partei finden – andererseits aber auch in der Community. Manche verstehen einfach nicht, wie man als lesbischer Mensch in der CDU sein kann. Manche sagen: "Eigentlich finde ich euch ja ganz gut, aber in Fragen, die mich persönlich betreffen, taugt ihr nichts." Andere sagen: "Wie kannst du als lesbischer Mensch nur in der CDU sein, die hat uns doch noch nie etwas Gutes getan!" Das kann ich mittlerweile nur noch belächeln. Ich denke: Es hat sich noch nie etwas gewandelt, wenn man es nicht selbst getan hat.

Vielleicht braucht die CDU etwas länger, sich der Modernität zu öffnen. Die Union wird immer noch von vielen Älteren gewählt, die in einer Zeit groß wurden, als Homosexualität noch im Strafgesetzbuch stand. Für junge Menschen heute ist Homosexualität oder Transgender längst gelebte Realität. Das muss die Partei erkennen. Wenn die LSU nun offizieller Teil der CDU wird, hilft das, weitere Vorurteile und Stigmata abzubauen. Und unsere Themen werden in der Partei noch besser gehört: Wir treten dafür ein, den Gleichheitssatz in Artikel 3 des Grundgesetzes um die sexuelle Identität zu ergänzen, außerdem muss das 40 Jahre alte Transsexuellengesetz dringend reformiert werden. Mein Herzensanliegen ist eine Änderung des Abstammungsrechts, damit homosexuelle Eltern nicht mehr auf die Stiefkindadoption angewiesen sind.“

Robert Moldenhauer, 26, Student in Trier (Rheinland-Pfalz) 

(Bild: Atelier Stilbruch)

"Manche haben die Sorge, dass wir unsere konservative Identität verlieren könnten. Aber für mich gehört es zum christlichen Menschenbild, dass wir andere so akzeptieren, wie sie sind. Es gibt zwar Parteimitglieder, die das nicht so sehen. Aber diese Positionen sind nicht mehrheitsfähig.

Bei der Abstimmung zur 'Ehe für alle' stimmte ein Viertel der Unions-Abgeordneten mit 'Ja', drei Viertel stimmten mit 'Nein'. Viele haben sich über die mehrheitliche Ablehnung geärgert. Aber ich freute mich eigentlich über das Ergebnis – es waren mehr Ja-Stimmen als ich erwartet hatte. Ein paar Jahre zuvor wären es nicht so viele gewesen.

Viele CDU-Kollegen haben wohl einfach keine Berührung mit dem Thema. Wenn ich mit ihnen über das Thema Blutspende rede und erkläre, wie diskriminierend die Regelung für schwule Männer ist, merke ich, dass sich viele mit dem Thema noch gar nicht auseinandergesetzt haben. Sie sagen dann: "Ist das wirklich so? Das geht ja gar nicht." Ich merke, dass sich langsam auch in der CDU ein Bewusstsein dafür bildet, wie lebensfremd diese Regelung ist. 

Meiner Meinung nach ist das aber nicht nur ein Problem unserer Partei – sondern der gesamten Gesellschaft. Vielen ist gar nicht bewusst, dass es immer noch Diskriminierung von queeren Menschen gibt – weil sie sich nicht dafür interessieren. Da müssen wir mit der LSU weiter aufklären."

Justus Alexander Schmitt, 22, Kreisvorsitzender der JU Pinneberg (Schleswig-Holstein)

(Bild: Axel Lange)

"Mir gefällt, wie die CDU etwa zu Europa oder zur inneren Sicherheit steht. Beide Themen sind mir auch als homosexueller Mann wichtig: In Europa werden LGBTIQ vielerorts diskriminiert, etwa in Polen, und in der CDU haben das einige Stadt- und Kreisverbände verurteilt. Auch in Deutschland gibt es immer noch viele Straftaten gegen sexuelle Minderheiten, und das sind Angriffe gegen die Mitte der Gesellschaft. Wenn ich einen Mann an der Hand habe, möchte ich mich nicht unsicher fühlen, angepöbelt oder angespuckt werden. Dagegen muss sich der Staat wehren. 

Wenn dann die Mehrheit meiner Parteikollegen gegen die 'Ehe für alle' stimmt, dann bedauere ich das sehr. Aber dadurch wird die CDU für mich jetzt auch nicht für alle Zeiten unwählbar. Queere Themen dürfen nicht nur in linken Parteien möglich sein. Es gibt viele konservative Homosexuelle, denen wir ein Angebot machen müssen.

Eine modernere CDU der Zukunft muss ihren Werten treu bleiben – aber sie muss die Vielfalt der Gesellschaft noch besser abbilden. Dazu gehört, dass wir einerseits die Geschlechter noch ausgeglichener repräsentieren – wie man das erreicht, darüber kann und muss man streiten – und dass wir andererseits bürgerliche Politik für junge Menschen machen. Dabei wünsche ich mir auch, dass sich die Partei klar zur LGBT-Community bekennt und sich für ihre Rechte einsetzt. Wenn man dann zuerst die schlechten Witze über das dritte Geschlecht weglässt, dann wird das auch was."


Gerechtigkeit

Kann ein Alkoholverbot Menschen vom Feiern abhalten? Ein Rundgang durch die Hamburger Nacht
Hamburg hat in der Schanze und auf St. Pauli Alkoholverkaufsverbote verhängt, damit weniger Menschen kommen. Das funktioniert nicht überall.

Er schwört, dass das sein einziges Bier sei und er wirklich keinen Ärger wolle. Es ist Freitagnacht, kurz nach halb eins, auf der Reeperbahn in Hamburg. Die Polizei umstellt einen jungen Mann. In der linken Hand hält er eine Bierflasche, mit der rechten macht er Abwehrbewegungen. "Nobody told me anything", sagt er mit britischem Akzent. Und ja, er habe das Bier zwar hier in einem Kiosk gekauft, aber der Ladenbesitzer habe nicht gesehen, wie er damit weitergegangen sei. Dass das Mitnehmen von Bier plötzlich strafbar sei, habe er nicht gewusst, "I just came here to party".

Doch mit der Party wird es an diesem Wochenende – und zu diesen Zeiten – in Hamburg nicht so einfach. Woche für Woche kamen zuletzt immer mehr junge Menschen an Freitagen und Samstagen auf den Straßen zusammen. Die seit März geltenden Abstandsregeln wurden kaum eingehalten. 

Nach dem Alkoholverkaufsverbot droht das Trinkverbot 

Der Hamburger Senat schaute erst zähneknirschend auf die Party-Wochenenden, am vergangenen Dienstag griff er durch: Für dieses Wochenende gilt ein Alkoholverkaufsverbot für die Ausgehviertel. Am Freitag, Sonnabend und Sonntag, jeweils von 20 Uhr bis 6 Uhr, dürfen Kioske, Supermärkte und Gastronomen keinen Alkohol "to go" verkaufen.