Und welche Fälle er sonst im Alltag erlebt.

Das Highfield-Festival bei Leipzig: ausgelassene Stimmung, zehntausende Besucher, Thirty Seconds to Mars waren da, AnnenMayKantereit und Fettes Brot auch. Was auf so einem Festival schnell mal passiert: Dass Handys oder Geldbörsen verschwinden. Klar, lauter euphorisierte und manchmal alkoholisierte Musikfans sind leichte Beute für Taschendiebe. 

Im Zuge einer Initiative gegen organisierte Diebesbanden hat die Leipziger Polizei Hotels im Umland gebeten, rumänische Gäste zu melden.

Ein entsprechender Brief ging vor dem Festival-Wochenende raus an Inhaber von Herbergen und Hotels in der Leipziger Region. Die Linken-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel hat ihn öffentlich gemacht:

Der Vorwurf: Pauschal alle rumänischen Hotelgäste zu registrieren, um nach Diebesbanden zu fahnden, die man für rumänisch hält – das ist klassischer Rassismus.

Die Polizei rechtfertigte das Schreiben via Twitter mit Paragraf drei des Sächsischen Polizeigesetzes. Dort heißt es, die Polizei könne solche Maßnahmen treffen, "um eine im einzelnen Falle bestehende Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung abzuwehren". Ein Sprecher des Sächsischen Datenschutzbeauftragte gab der Polizei gegenüber dem MDR recht: Erstens gehe es um "Gefahrenabwehr", zweitens seien die Auskünfte ja sowieso freiwillig gewesen.

Andere jedoch sagen, die Polizei Leipzig überschreitet hier klar eine Grenze. Das Schreiben sei nicht nur rassistisch – es kultiviere Antiziganismus.

Das sagen unter anderem der sächsische Roma-Verein Romano Sumnal und Amaro Drom, Bundesjugendverband der Sinti und Roma in Deutschland. Was genau sie an dem Vorgehen der Polizei stört und wie verbreitet Antiziganismus in Deutschland ist, haben wir Ajriz Bekirovski gefragt. 

Ajriz, 22, kam 2013 mit seiner Familie aus Nordmazedonien nach Dresden und macht hier eine Ausbildung zum Elektrotechniker. Er engagiert sich im Vorstand von Amaro Drom und ist mit jungen Sinti und Roma aus ganz Deutschland vernetzt.


Die Polizei in Leipzig bittet Hotels und Pensionen, rumänische Gäste zu melden. Was stört dich daran, Ajriz?

"Mich persönlich entsetzt das. Die Polizei argumentiert, dass sie im Zuge von Ermittlungen Diebesbanden aufspüren will. Aber wenn sie alle Hotels bittet, ihre rumänische Gäste bekannt zu geben, dann stellt sie damit einfach mal alle Rumäninnen und Rumänen unter Generalverdacht. Das ist zutiefst rassistisch."

Du selbst kommst aus Mazedonien und bist gar kein Rumäne. Warum fühlst du dich trotzdem angesprochen?

"Ich bin stellvertretender Vorsitzender eines deutschen Roma-Jugendverbandes – viele unserer Mitglieder stammen aus Rumänien und fühlen sich von diesem Brief betroffen. Schon für sie spreche ich hier. Gleichzeitig fühle ich mich auch selbst betroffen, denn immer wenn von 'rumänischen Banden' die Rede ist, sind eigentlich Sinti und Roma gemeint. Also auch ich."

In Rumänien werden Sinti und Roma verfolgt. Jetzt verteidigst du als Roma die Rumänen. Ist das nicht schräg?

"Überhaupt nicht. In Sprache und Kultur gibt es zwischen Rumänen und Roma viele Gemeinsamkeiten. Ich spreche hier für die Minderheit der Sinti und Roma aus Rumänien, aber auch für alle anderen, die sich gemeint fühlen. Denn es gibt viele, die es gar nicht besser wissen und sagen: Rumänen sind Roma. Ich glaube auch, dass die Leipziger Polizei in Wahrheit Sinti und Roma meint, wenn sie von Rumänen schreibt. Sie pauschalisieren. Solche Methoden sind uns wohlbekannt."

Wie meinst du das? Hat euer Verein schon häufiger Erfahrungen mit der Polizei gemacht?

"Ich meine, das kennen wir schon aus der Geschichte. Zur Nazi-Zeit wurden auch alle Sinti und Roma zu Kriminellen erklärt, um Vorurteile zu schüren und gegen sie vorzugehen."

Jetzt wirfst du der sächsischen Polizei Nazi-Methoden vor.

"Genau."

Menschen nach Ethnie oder gar Hautfarbe zu kontrollieren, nennt sich "Racial Profiling". Das ist zwar umstritten, die Polizei begründet die Methode aber immer mit der angeblich hohen Trefferquote. 

"Mag ja sein, rassistisch bleibt es trotzdem. Menschen nach ihrem Äußeren in Schubladen einzusortieren, verstößt meiner Meinung nach schon gegen Artikel Eins unseres Grundgesetzes: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar.' Welche Würde bleibt denn jemandem, der unter Generalverdacht steht, nur weil er Rumäne oder Schwarzer ist? Die Polizei arbeitet hier mit Vorurteilen."

Welche Vorurteile begegnen euch in Deutschland sonst?

"Roma werden in Deutschland – und in ganz Europa – zutiefst diskriminiert und ausgegrenzt. Wir sind die größte Minderheit in Europa, aber werden in jedem Land wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Ich kenne Roma, die ihre Herkunft verschweigen und sich zum Beispiel lieber zu Mazedoniern erklären, einfach nur weil sie Angst haben, dass jemand erfährt, dass sie Roma sind."

Was passiert dann?

"Dann bekommen sie vielleicht keinen Job oder nicht den Zuschlag für die Mietwohnung. Und viele Roma müssen sich immer wieder dumme Sprüche anhören."

Zum Beispiel?

"Viele im Verein erzählen, dass sie als Verbrecher, Rumtreiber und Betrüger beschimpft werden. Oder sich Witze anhören müssen, dass man nun besser auf die Sachen aufpassen müsse, weil wir ja angeblich immer klauen."

Welche Erfahrungen hast du persönlich gemacht?

"Ich wurde zum Glück noch nie beleidigt. Aber ich kann zwei Geschichten von Freunden aus Sachsen erzählen. Einer sagte mir, dass er in der Schule alleine sitzen musste, nachdem er in der Klasse verkündete, Roma zu sein. Und ein anderer wurde von einem Arzt wieder weggeschickt, als er sich als Roma outete. Da hieß es dann plötzlich, ihn behandele man hier nicht."

Das waren jetzt Beispiele aus deiner Heimat Sachsen. Wie sieht es mit anderen Bundesländern aus?

"Solche Geschichten gibt es in Sachsen genauso wie in Bremen oder Baden-Württemberg. Antiziganismus ist in ganz Deutschland verbreitet. Das sind Vorurteile, die tief verankert sind und von Generation zu Generation lebendig bleiben."

An der Diskussion ums "Zigeunerschnitzel" spürt man den Antiziganismus in Deutschland immer am stärksten. Was sagst du Typen, die ihr Stück Fleisch unbedingt so nennen wollen?

"Der Begriff ist unnötig. Wir wollen nicht das Schnitzel verbieten. Wir wollen nur, dass Menschen sensibler mit Sprache umgehen. 'Zigeuner' ist ein Schimpfwort und verletztend. Entsprechend darf jeder gerne Schnitzel essen, aber wenn es so heißen muss, ist es halt rassistisch."

Was hilft gegen Antiziganismus?

"Was hilft? Puh, okay. Es gibt viele Vereine und Verbände in Deutschland, die sich gegen Vorurteile engagieren und Betroffene unterstützen. Es ist wichtig, dass wir Rassismus sichtbar machen und aufklären. Natürlich gibt es Sinti und Roma, die Straftaten begehen. Die sollen auch verfolgt werden. Aber es darf halt nicht pauschalisiert werden, damit wir anderen nicht darunter leiden. Wir sind keine schlechten Menschen. Wir sind ein Teil der deutschen Gesellschaft.

Außerdem müssen wir den Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft suchen. Wir müssen gemeinsam uns dafür einsetzen, dass alle Menschen in diesem Land frei leben können und ihnen Chancen und Gleichberechtigung nicht aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit verwehrt werden." 

Wenn ein junger Roma in Deutschland rassistisch beleidigt wurde, wie soll er damit umgehen. Was rätst du ihm?

"Es ist wichtig, dass er darüber mit Freunden spricht. Viele, die ich kenne, behalten die Verfahrungen, die sie machen, für sich, fressen das in sich hinein. Aber reden hilft. Zum einen merkst du dann, dass du nicht allein bist. Zum anderen machst du Rassismus so erst sichtbar. Und nur so kann er bekämpft werden." 

Hinweis: In einer früheren Veriosn haben wir statt Nordmazedonien die alte Landesbezeichnung Mazedonien verwendet. Wir haben das korrigiert.


Gerechtigkeit

Wie viele Sklaven arbeiten für dich?

Der 23. August könnte ein Feiertag sein: Der Tag, an dem der Abschaffung der Sklaverei gedacht wird. Eigentlich. Aber auch im Jahr 2019 muss man sich noch die Frage stellen: 

Wie viele Sklaven arbeiten für dich? 

Wer das Wort Sklaverei hört, der denkt heute oft an vergangene Zeiten, an den Geschichtsunterricht und an Baumwollplantagen in den USA. 

Doch Sklaverei ist ein weit verbreitetes Phänomen – bis heute. 

Im Jahr 2016 wurde die Zahl der Menschen, die in Sklaverei leben, von der Arbeitsorganisation der Uno (ILO) auf 40,3 Millionen geschätzt (SPIEGEL ONLINE). Sie arbeiten für uns in Minen und auf Feldern, in Textilfabriken und in Schlachthöfen.