Bild: Imago

Zwei von insgesamt 56.000 Kindertagesstätten in Deutschland (Statistisches Bundesamt) haben ihren Speiseplan umgestellt. Seit Mitte Juli wird in den beiden benachbarten Einrichtungen in Leipzig nur noch Essen ausgegeben, das schweinefleischfrei ist. Die Eltern wurden vorab informiert, die meisten hätten die Umstellung gut gefunden. (Süddeutsche Zeitung

Die Nachricht – so sie überhaupt eine ist – könnte hier zu Ende sein. Allerdings ist es nicht so einfach. Zuerst vermeldete die "Bild"-Zeitung das Thema, dann empörten sich Politikerinnen und Politiker von AfD und CDU, die CDU Sachsen sprach gar von einem "Verbot". Schließlich trendete am Dienstag der Hashtag #Schweinefleisch auf Twitter – und die Leipziger Polizei kontaktierte zur Sicherheit die Kindergartenleitung. (SPIEGEL ONLINE)

Der Tenor im Netz: "Die" Deutschen müssten sich nun "den" Muslimen unterordnen. Tatsächlich taucht das Wort "Muslime" im Infobrief der Kindergartenleitung an die Eltern nicht auf. Die Speiseplanänderung erfolgte "aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt", heißt es (Leipziger Volkszeitung).

Mittlerweile gaben die Kindergärten am Dienstagabend bekannt, ihre Entscheidung noch mal zurückzustellen. Obwohl schon die Mehrheit der Eltern dafür war, wird nun noch mal geredet. Man sei von der ganzen Aufregung überwältig worden, sagte ein Kita-Leiter dem MDR.

Zwei Kitas wollen auf Schweinefleisch verzichten. Und entfesseln damit einen Kulturkampf um die deutsche Identität.

Wie ist das möglich? Und wieso lässt ausgerechnet Schweinefleisch eine Situation so weit eskalieren, dass am Ende Kindergärten mit einer Polizeiwache vor wütenden Bürgern geschützt werden müssen? Und auf welche Narrative greifen Populisten – bewusst oder unbewusst – zurück, wenn sie das Essen von Schweinefleisch zur Frage der Zugehörigkeit stilisieren?

Ursprünglich war das Schwein ein Migrant: Das Wildschwein wurde zuerst in China und im Nahen Osten domestiziert, als Hausschwein kam es dann erst vor rund 4000 Jahren nach Europa. (BR

Dass es im Nahen Osten wieder verschwand, führen Experten auf die klimatischen Bedingungen zurück: Das Tier selbst braucht kühle Wälder, das Fleisch braucht kühle Räume. In Judentum und Islam wurde Schweinefleisch schließlich verboten, um die Ausbreitung von Keimen zu verhindern. "Es lässt sich einfach nicht so gut lagern", sagt Metzgerin Katharina Koch, 32.

Für den Hintergrund:

Im Islam wie auch im Judentum gelten für Gläubige bestimmte Speisevorschriften, erlaubtes Essen ist "halal" beziehungsweise "koscher". Unter anderem Schweinefleisch ist in beiden Religionen verboten. Außerdem muss jedes Tier komplett ausbluten, bevor es verzehrt werden darf – die umstrittene Praxis wird Schächten genannt.

Die "Koscher"-Regeln sind etwas strenger, hier wird auch Milchiges von Fleischigem getrennt. Käse und Wurst dürfen also nicht auf einen gemeinsamen Teller. Mit einem Zertifikat können sich Fabriken, Metzgereien und Bäckereien bescheinigen lassen, dass sie "halal" oder "koscher" produzieren.

In Deutschland hingegen war Schweinefleisch ein voller Erfolg: "Das Schwein war das Tier der Deutschen", sagt Katharina. Das sei historisch gewachsen: Das Tier ist günstig in Anschaffung und Haltung, fast jede Bauernfamilie konnte sich eines leisten.

Metzgerin Katharina Koch: "Bei der Wurst werden die Deutschen emotional."

(Bild: Landfleischerei Koch)

Während Rind ein Tier der Upper Class war, sei das Schwein "das Tier für den einfachen Mann". 

Sprich: Das Schwein hat in Deutschland schon sehr lange einen Platz in der Wursttheke. Und eigentlich sieht es nicht so aus, als würde sich das ändern. Denn auch wenn die Berichterstattung zunächst anderes vermuten lässt, können zwei Kitas in Leipzig nicht ganz Deutschland das Schwein verbieten - und wollten das auch nie.

Aber darum geht es natürlich nicht. 

"Essen ist sehr stark mit Kultur verbunden und damit auch mit unserer kulturellen und personalen Identität", sagt der Ernährungsphilosoph Thomas Mohrs zu bento. Er forscht zum Schwerpunkt Gastrosophie – also dem kulturellen Blick auf unsere Essgewohnheiten. Und er glaubt, durch eine Abkehr vom Schwein "fühlen wir unsere eigene Identität infrage gestellt und reagieren entsprechend".

In Österreich wie Deutschland sei das Schweinefleisch heilig, gerade wenn es um Schweinebraten, Schnitzel und Leberkässemmel gehe, sagt Mohrs, der selbst im österreichischen Linz lebt. Entsprechend würden interkulturelle Differenzen aufeinanderprallen und Debatten wie die um die Kindergärten immer wieder neu befeuern: "Wenn um das Schwein gestritten wird, dann geht es in Wahrheit nicht um Schweinefleisch – es geht um den Islam, vor allem aber geht es um Tradition."

Für viele ist der Streit ums Schwein noch sensibler als zum Beispiel der Streit ums Kopftuch.
Thomas Mohrs

Ein Kind lerne von seinen Eltern nicht nur die Sprache, sondern mit ihr auch die Gepflogenheiten, die Sitten und Regeln der Familie und des sozialen Umfelds, sagt Mohrs. Und das präge unsere Identität, unser Weltbild. "Dass zum Beispiel sonntags ein Schweinebraten auf den Tisch kommt, gehört eben 'selbstverständlich' mit dazu", sagt Mohrs. "Weigert sich nun jemand, dieses Spiel weiter mitzuspielen, bricht er aus Sicht der anderen die Regeln. Da ist enorm viel unbewusste Normativität im Spiel."

Zunutze machen sich solche Gefühle dann zum Beispiel die neuen Rechten: 

In den Videos der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Identitären taucht das Schwein beispielsweise immer wieder beiläufig auf; wenn einer ein Schnitzel isst oder sich beim Waldspaziergang beim örtlichen Kiosk erkundigt, ob die Bratwurst auch vom Schwein sei. Unterschwellig soll so suggeriert werden: Schwein ist deutsch, und wo Schwein gegessen wird, ist die Welt noch in Ordnung. Und in ihren Onlineshops vertreiben die Rechten Shirts mit dem Slogan "Kein Schwein ist illegal".

(Bild: Screenshot bento)

Aber nicht nur das Essen von Schweinefleisch hat Tradition – auch das Argumentationsmuster. Das Tier ist bereits seit Jahrhunderten Symbol religiöser Kämpfe. Zur Zeit der spanischen Inquisition machte die katholische Kirche Jagd auf Juden und Muslime, Tausende wurden hingerichtet oder verbrannt. Wer der Verfolgung entkommen wollte, musste sich glaubhaft als Christ präsentieren – und fleißig Schweinefleisch futtern. Händler hängten Schweinehälften in ihre Fenster, Familien würzten den Eintopf mit Speck. (The Week) Die aus Angst zum Christentum übergetretenen Muslime und Juden wurden schließlich "Marranos" genannt, was so viel wie "Dreckschwein" heißt (Die Zeit). 

Am Symbolgehalt des Schweins hat sich seither nicht viel geändert. Vor allem rechte Parteien würden es als politisches Instrument benutzen, "um Empörungen zu inszenieren und um 'unsere Kultur' zu verteidigen - und damit unsere Identität", sagt Mohrs.

Nur dass Rechtspopulisten die Vorzeichen verdrehen: Jetzt seien es angeblich die Christen, die sich anpassen müssten, die ihre Lust zum Schwein verstecken müssten. AfD-Vize Beatrix von Storch spricht gar von einer "kulturellen Unterwerfung" – die Tonlage klingt dabei so, als drohe deutschen Schnitzelessern heute etwas wie die mittelalterliche Inquisition. 

Die pragmatische Entscheidung zweier Kitas, Schweinefleisch aus ihren Mahlzeiten zu entfernen, schließt allerdings niemanden aus und bringt niemanden in Gefahr. 

Ein Vater, der behauptet, sein Kind besuche einen der Kindergärten, schreibt auf Facebook, es sei nie um ein Verbot gegangen. Wer wolle, dürfe seinem Kind weiterhin Wurstbrot oder Gummibärchen mit Schweinegelatine mitgeben. Den einen wird also nichts verboten, aber den anderen wird etwas ermöglicht. 

Katharina, die Metzgerin, macht sich übrigens keine Sorgen um zu wenig Schweinefleisch auf dem Speiseplan:

Ich glaube nicht, dass unser Abendland untergeht, falls es plötzlich kein Schwein mehr gibt.

Viel wichtiger als die Frage "Schwein oder nicht Schwein" ist für sie die Frage des Tierwohls: Woher kommt das Tier, wie wurde es gehalten? Kauft man beim Metzger um die Ecke oder greift man nur ins Kühlregal? 

Aber da würden dann viele Deutsche lieber nicht so genau nachfragen.

Hinweis: In einer ersten Version des Artikels hieß es, die Kindergärten stünden nun unter Polizeischutz. Das hatten Medien am Mittwoch zunächst berichtet. Später stellte die Leipziger Polizei via Twitter klar: Es gibt keinen Polizeischutz vor Ort, die Beamten hatten lediglich Kontakt mit der Kita-Leitung aufgenommen.


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Warum Menschen Trash-TV wie die "Bachelorette" lieben – "Die Frau hat die Entscheidungsmacht"

Sich über die "Bachelorette" aufzuregen, ist leicht. Sie gehört zur deutschen Trash-TV Landschaft wie das "Dschungelcamp", das "Sommerhaus der Stars" und ihr männliches Gegenstück "Bachelor". Wer trotz der großen Erfolge dieser Formate aber offen zugibt, dass er die Show liebt, erntet schnell schiefe Blicke oder hämische Kommentare. 

Aber warum eigentlich? 

"Bei 'Trash-TV' handelt es sich weniger um eine Sparte und mehr um eine Bewertung", erklärt Joan Kristin Bleicher vom Institut für Medien und Kommunikation in Hamburg. "Diese Bewertung taucht immer auf, wenn man von besonders billigen Produktionen spricht, die niedrige Qualitätsstandards aufweisen, stark mit Stereotypen arbeiten und einfache dramaturgische Prinzipien enthalten."