Wir haben nachgefragt, wo das Problem liegt.

Nour, 29, wartet an diesem Freitagmittag schon vor dem Café in Hamburg Wilhelmsburg, sie möchte draußen sitzen – trotz der Kälte. Die blonden Locken trägt sie streng zurückgebunden. Nach dem Arbeitstag im Kindergarten um die Ecke müsse sie erst mal durchatmen, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an. Sie inhaliert tief und fängt an, zu erzählen. Nour ist aus Syrien nach Deutschland gekommen, in ihrer Heimat hat sie sich gegen Assads Regime engagiert und musste fliehen. Aber heute will sie über ihr Leben in Deutschland sprechen: 

Nour arbeitet derzeit als Kindergärtnerin. Eigentlich ist sie Lehrerin. Und sie würde gerne wieder unterrichten.

Dabei hat Nour über sieben Jahre gelernt, um Lehrerin zu werden. Sie hat Lehramt an der Al-Baath Universität in Homs studiert und dann für drei Jahre in einer Grundschule bei Damaskus gearbeitet. 

Nour ist eigentlich Lehrerin. 

Dann verschlimmert sich die politische Situation: Nour gründet mit ihrem Bruder und Freunden einen politischen Verein, der sich gegen das Regime auflehnt, so erzählt sie es. Im Jahr 2015 muss sie deswegen fliehen. Seitdem lebt sie in Hamburg.

Nour spricht fließend Deutsch. Den Deutschkurs hat sie mit C2-Niveau abgeschlossen – Muttersprachniveau. Trotzdem darf sie in Deutschland nicht als Lehrerin arbeiten.

Damit ist Nours Fall ein Symbol für Chancen von Geflüchteten in Deutschland – und die Mauern, denen sie begegnen.

Nour hat einen Job, sie ist versorgt, sie ist in Sicherheit. Aber sie bleibt auch hinter ihren Möglichkeiten zurück. Und das, obwohl Lehrerinnen wie sie dringend gesucht werden.

In den nächsten Jahren rechnet die Kultusministerkonferenz mit einem durchschnittlichen Einstellungsbedarf von etwa 31.900 Lehrern und Lehrerinnen pro Jahr (KMK 2018). Im Schnitt bleiben jetzt schon 700 Stellen unbesetzt. Besonders an Grund- und Berufsschulen fehlen Lehrer. 

Warum also darf Nour nicht unterrichten? 

Der Beruf des Lehrers ist streng geregelt. Ohne staatliche Zulassung darf niemand unterrichten. Wer, wie Nour, einen Abschluss aus dem Ausland hat, muss ihn in Deutschland anerkennen lassen (BAMF).

Bis dahin gilt sie in Deutschland nicht als Lehrerin, sondern wird als pädagogische Fachkraft eingestuft. Das heißt, sie darf als Kinderpflegerin, Erzieherin oder Sozialpädagogin arbeiten – aber nicht als Lehrerin. Den Beruf, den sie liebt und der in Deutschland dringend gebraucht wird, darf sie nicht ausüben.

Ich wollte immer Lehrerin sein. Das ist frustrierend.
Nour

Ist Nour gleichwertig?

Das Verfahren zur Anerkennung ausländischer Schulabschlüsse ist komplex. Es gibt mehrere Anlaufstellen, die selbst für Menschen aus Deutschland nicht leicht zu durchblicken sind. 

Nour hat es versucht:

  • Ende 2017 stellt sie bei der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg einen Antrag auf Anerkennung ihres Abschlusses.
  • Ihr Studium in Erziehungswissenschaft wird von der Schulbehörde teilweise anerkannt, das Lehramtsstudium nicht.
  • Beim Zentrum für Lehrerbildung Hamburg (ZLH) habe man ihr deshalb geraten, die Ausbildung neu zu beginnen, sagt sie. Sie müsse den Bachelor, den Master und das Referendariat nachholen. Das sind mindestens fünf Jahre.

Denn in Deutschland müssen Lehrer zwei Fächer studieren (Anerkennungs-Finder). In Hamburg wird außerdem nach einem Studium der Erziehungswissenschaften gefragt.

Wem ein Fach fehlt, der hat zwei Optionen. Im Ergänzungsstudium kann man ein zweites Fach nachstudieren. Das werde immer beliebter, sagt eine Beraterin des ZLH zu bento: Im Oktober 2018 hätten davon 25 im Ausland ausgebildete Lehrer, sogenannte "Weltlehrkräfte", Gebrauch gemacht – zuvor seien es nur halb so viele gewesen. Gerade aus Syrien gebe es immer mehr Interessenten.

Die zweite Option: Eine 18-monatige "Anpassungsqualifizierung". Eine Einführung in das deutsche Schulsystem, vergleichbar mit einem Praktikum oder dem Referendariat.

Klingt gut. Aber Vorraussetzung für beides ist aber die "Gleichwertigkeitsbescheid" über den im Ausland erworbenen Abschluss. Die hat die Schulbehörde Nour nicht ausgestellt. Die Begründung: Nour fehlen die nötigen zwei Fächer in vertiefter Form.

Dabei ist Nour vielleicht einfach anders ausgebildet, nicht schlechter, sondern sogar noch umfassender.

Nour erklärt: In Syrien studiere man zuerst Erziehungswissenschaften und Lehramt. Parallel findet Blockunterreicht in sämtlichen Grundschulfächern statt: Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften und Arabisch. Während dieses vierjährigen Studiums habe Nour auch ein Referendariat absolviert.

Nour hat also nicht zwei Fächer studiert – sondern alle. Und trotzdem reicht es nicht.

"Niemand macht den Abschluss umsonst", sagt die Beraterin. Nour könne sich noch immer komplette neu für einen Bachelor auf Lehramt einschreiben. Studiert sie erst mal, würde die Uni Hamburg ihre syrischen Studienleistungen möglicherweise neu bewerten und nachträglich anrechnen. Möglicherweise.

Man versuche, ausländische Leistungen stets zu berücksichtigen, sagt die Beraterin. Alles sei auf die besondere Situation der ausländischen Lehrkräfte abgestimmt. Aber die Prüfverfahren sollen sicherstellen, dass qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer an die Schulen gehen. Die Beraterin sagt: deutsche Standards für Lehrende erscheinen vielleicht hoch, seien aber nicht unerreichbar.

Folgende Stellen können weiterhelfen:

Die Studienorientierung für Geflüchtete "UHHH hilft" stellt Lehrernden einen Berater oder eine Beraterin zur Seite. Eine muttersprachliche Beratung erhalten sie von der Zentralen Anlaufstelle Anerkennung (ZAA). Bei "Ready to Teach" gibt es ein begleitetes Sprachtraining für diejenigen, die Deutsch bereits auf dem Sprachniveau C1 beherrschen und sich auf die Anpassungsqualifizierung vorbereiten.

Und Nour?

"Ich hoffe, dass ich irgendwann an einer deutschen Schule unterrichten darf", sagt Nour.

Käme für sie ein erneutes Bachelorstudium infrage?

"Ich bin müde", sagt sie, "zu müde um weitere fünf Jahre zu studieren." Ihr Mann habe als Programmierer sofort eine gut bezahlte Stelle gefunden. Warum ist das bei Lehrerinnen so kompliziert?

Nour ist kein Problemfall: Sie hat studiert, ist gut integriert, spricht fließend Deutsch. Gut ausgebildete Lehrerinnen wie sie könnten eine Chance sein. Zum einen weil so der Lehrermangel ausgeglichen werden könnte. Aber auch, weil Nour einen sprachlichen und kulturellen Vorteil hat.

Sie kann sich besser mit geflüchteten Kindern verständigen. Denn sie spricht Arabisch und sie weiß, wie viel Kraft es kostet, anzukommen.


Haha

Jimmy Kimmel hat Marie Kondo gebeten, sein Büro aufzuräumen – so chaotisch wurde es
Wer hat die mumifizierte Kakerlake da hingelegt?

Falls du den ersten Monat des Jahres damit beschäftigt warst, deine Socken zu finden und es noch nicht gehört hast: Alle machen es derzeit wie Marie Kondo. Aufräumen nämlich.

Die US-Japanerin hat eine Methode entwickelt, mit der Ordnung in den Haushalt kommt – Klamotten falten, Schubläden sortieren, liebevoll ausmisten – und sehr, sehr viele Menschen mögen das. Ihre Netflix-Show inspiriert sie anscheinend dazu, den Frühjahrsputz schon in den Januar zu legen.