Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa

Lars Klingbeil, 41, Generalsekretär der SPD, wurde früher gern als junger Rockstar unter den SPDlern verkauft – weil er mal ein Augenbrauenpiercing hatte (er hat es rausgenommen, weil es ihn nervte, immer nur danach gefragt zu werden), weil er mal in einer Band mitgespielt hat (Sleeping Silence) und vor allem, weil er sehr jung in den Bundestag eingezogen ist. Er ist Mitglied des "Seeheimer Kreises", ein Zusammenschluss der eher konservativen SPD-Politiker.

Wir treffen ihn zum Gespräch in der sogenannten "Fraktionsebene" im Bundestag, vor dem Besprechungsraum der SPD. Der wird gleich frei, im Moment belagert ihn noch der Finanzminister, der ohnehin Anschlusstermine habe, heißt es.

Freundliches Händeschütteln im Gang. Klingbeil ist groß, hat den genau richtigen Profi-Händedruck und hält den üblichen Berlin-Hamburg-Smalltalk aufrecht. Das Besprechungszimmer ist vor allem schlicht, die berühmten Hinterzimmer, man stellt sie sich glamouröser vor. 

Erste Frage, die es zu klären gilt: bei bento duzen wir prinzipiell alle Gesprächspartner. Ist das auch für den Generalsekretär ok? Ja, sagt der, bei der SPD sei das auch so. Na dann mal los. 

bento: Es war dir wichtig mit bento zu sprechen. Warum?

Lars Klingbeil: Ich habe ein bisschen Angst vor einer Sprachlosigkeit zwischen jungen Generationen und der Politik – besonders, wenn es um das Internet und die Netzkultur geht.

Das Thema war in den vergangenen Monaten ja stark: Angefangen mit der Europawahl und Rezo, davor die Uploadfilterdebatte. Jetzt, nach diesem furchtbaren rechtsradikalen Anschlag in Halle, geht es wieder um die Frage, ob die die Gamerszene Schuld ist. Sowas nervt mich, seit ich Digitalpolitiker im Parlament war. 

Wie bist du Digitalpolitiker geworden?

Als ich mit knapp über 30 ins Parlament kam, wurde ich sofort gefragt, ob ich mich um das Thema kümmern will. Ich war gefühlt der Einzige mit einer Facebookseite. Und dann hieß es: Mach du mal Digitalpolitik. Am Anfang bestand das darin, dass ich Kolleginnen und Kollegen sagen musste, wie man das Handy neu startet oder ich wurde gefragt, ob ich noch ein Ladekabel dabei hab. 

Die Ladekabel-Anekdote erzählt Lars immer wieder gern in verschiedenen Interviews. Sie ist aber auch praktisch: Jeder junge Mensch, der Eltern an Weihnachten besucht, kann sich damit identifizieren; und kein älterer fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Dabei zeigt sie auch, wie wenig es braucht, um als jüngerer Mensch in der "Digtalexperten-Ecke" zu landen. Und wie groß die Verweigerungshaltung vieler älterer Kollegen bei dem Thema ist.

Dann sprechen wir doch mal über die Repräsentation der jungen Themen: Bei der Debatte um Uploadfilter gab es große Aufmerksamkeit, Tausende junge Menschen waren auf den Straßen. Ist das deiner Meinung nach angemessen in der Politik aufgenommen worden?

Ich pack jetzt mal die Debatte um Uploadfilter mit dem Rezo-Video in einen Topf. Ich habe vorher oft erlebt, dass Digitalthemen belächelt wurden. Dann war man im politischen Berlin erschrocken, dass da auf einmal europaweit 200.000 junge Menschen auf der Straße standen. 

Ich habe zusammen mit Kevin Kühnert und Tiemo Wölken spontan in einem Video ein Gesprächsangebot gemacht und wir haben zum Glück nicht reagiert wie die Kollegen von der Union.

In der ganzen Frage um Uploadfilter wurde der SPD großes Heuchlertum vorgeworfen. Da habt ihr keine bessere Figur gemacht als die Union.

Ne, da haben wir uns meiner Meinung nach falsch verhalten. Ich hätte mir von der SPD eine klare Ablehnung gewünscht. Ich musste dann zur Kenntnis nehmen, dass Bundeskanzlerin Merkel auf etwas anderes gepocht hat – und wir den Konflikt nicht gesucht haben.

Als wir zur Gegenfrage ansetzten, unterbricht er, entschuldigt sich, aber den Punkt will er gern machen, denn darum geht es ihm ja: Die jungen Leute sollen verstehen, dass sie gar nicht alle gleich sind, bei der SPD und im Bundestag.

Es gibt diese Debatte auch innerhalb der Parteien. Und das ist die Chance für die jungen Leute, zu sehen, sie haben Verbündete. Auch in den großen Parteien, mit denen sie nicht zufrieden sind. Ich sehe meine Rolle als jemanden, der sich in beiden Szenen bewegt. Ich kenne viele Youtuber, ich bin mit ihnen im Kontakt.

Mit wem denn? 

Ich habe mit Louisa Dellert schon öfter etwas gemacht. Peter von PietSmiet ist ein Kumpel. Ich hatte auch mit Rezo Kontakt, wir haben das aber nie öffentlich gemacht. Ich habe von ihm auch unheimlich viel gelernt.

Was hast du von Rezo gelernt?

Wenn jemand ein einstündiges Politik-Video macht und 16 Millionen erreicht, heißt das, dass Kommunikation sich sehr verändert hat. Hier im politischen Berlin sind viele darauf fixiert, mit einem tollen Zitat in der FAZ aufzutauchen. Es gibt aber eine ganz andere, eine digitale Kommunikationswelt, in der man auch unterwegs sein muss.

Lars Klingbeil und Juso-Chef Kevin Kühnert.

(Bild: Oliver Dietze/dpa)

Ist das kommunikative Desinteresse auf politischer Seite auch so groß, weil es so wenig junge Menschen gibt – wir also nicht so viele Wählerstimmen auf die Waage bringen?

Wer als Politiker so denkt, der macht einen großen Fehler. Da braucht man sich ja nur angucken, wie Fridays for Future dabei ist, die politische Landschaft zu verändern.

Aber nicht innerhalb der klassischen politischen Strukturen.

Ich glaube, dass man sich bewusst machen muss, was der Protest verändert hat. Vor einem dreiviertel Jahr war Klimawandel nicht das Hauptthema, jetzt setzen sich alle Parteien damit auseinander, alle suchen den Dialog. Wir haben ein Klimapaket mit auf den Weg gebracht, das die Klimaschutzziele bis 2030 verbindlich und gesetzlich festschreibt.

Ein Paket, das als "Päckchen" bezeichnet wird. Wir glauben nicht, dass das von den Protestierenden als Erfolg verbucht wird.

Ne, aber es wäre nicht denkbar gewesen vor einem Jahr, dass gesetzlich die Klimaschutzziele verankert werden. Das hätte ich nie gedacht, dass das mit der Union geht.

Aber das ist doch das Dramatische: Dieses Paket gilt in der Politik als irrer Erfolg – jungen Menschen reicht es aber nicht einmal annähernd. (bento)

Ich sage nicht, dass es ein irrer Erfolg ist. Aber nochmal: Vor einem Jahr wäre das nicht denkbar gewesen. Dass eine junge Generation damit nicht zufrieden ist, dass die mehr wollen, das ist richtig. Die Präsenz freitags auf der Straße hat uns in den Verhandlungen aber auch geholfen, erst mal so weit zu kommen.

Jetzt steht der Digitalgipfel der Bundesregierung an. Wie zufrieden bist du mit dem Programm?

Das ist schon ok. Da geht es um digitale Plattformen, das ist ein enorm drängendes Thema. Ich arbeite gerade an einem Vorschlag für die SPD, der sich mit der Datenmacht von zum Beispiel Google, Apple und Facebook befasst. Wir wollen, dass von ihnen gesammelte Daten nicht nur den großen Playern sondern auch Startups und kleineren Firmen anonymisiert zur Verfügung stehen, um mehr Innovationen und Wettbewerb zu ermöglichen.

Was mir aber den Kopf zerbricht ist die Digitalpolitik der Bundesregierung. Wir arbeiten To-Do-Listen ab, haben aber keine ambitionierten Ziele. Da reicht es nicht, wenn man auf einem Gipfel dafür klatscht, da muss in den Jahren dazwischen etwas passieren.

Die SPD ist ja nun keine Oppositionspartei. Warum macht ihr nicht mehr?

Im Koalitionsvertrag steht schon einiges drin. Aber das muss auch umgesetzt werden. Wir haben zum Beispiel das Thema E-Sport im Koalitionsvertrag verankert. Der Bereich wächst wirtschaftlich wahnsinnig und hat viel mit Jugendkultur zu tun, aber Horst Seehofer blockiert da alles.

Ich glaube, das ist unabhängig von den Parteien auch eine Frage der Generation. Setzen sich auch jüngere Politiker in den Parteien durch? Solche, die sagen: Wir müssen einen größeren Anspruch haben, blicken positiv auf Digitalisierung und sehen die Chancen?

Woran liegt es denn, dass die jüngeren Politikerinnen und Politiker unterrepräsentiert sind?

Sind sie gar nicht mal. Wenn ich mir unsere Fraktion anschaue, sind da schon einige junge Leute drin....

... dürfen wir da kurz unterbrechen? Wir haben neulich nachgezählt (bento) und von 152 SPD-Abgeordneten sind drei Millennials bis 30 Jahre dabei.

Sind das in anderen Fraktionen mehr?

Die AfD führt mit sieben, die Grünen haben gar keinen. FDP und Union haben auch mehr. Aber die SPD ist natürlich eine große Fraktion.

Im Vergleich zur letzten Bundestagswahl hatten wir aber natürlich weniger Prozente. Da kommen dann meistens nicht so viele neue Abgeordnete rein. 

Es gibt so wenige Junge, weil die Alten die Plätze besetzen?

Ja. Es ist leider oft so, dass vorne die Platzhirsche sitzen und wenig Raum machen. 

Ein bisschen wirkt es so, als würde ihm das jetzt erst bewusst: Dass die jungen Leute in seiner Partei im Moment automatisch rausfallen, falls die SPD weiter schrumpft. 

Wie löst man das, mit einer Quote?

Bei der Europawahl habe ich mich für zwei junge Kandidaten auf den vorderen Plätzen unserer Liste eingesetzt, massiv, auch gegen große Widerstände. Weil wir gesagt haben: Es muss jetzt was passieren, wir brauchen junge Leute vorn auf der Liste. 

Also keine Quote, sondern Willkür und Wohlwollen?

Wir haben über eine Quote diskutiert, das machen wir vermutlich auch beim Bundesparteitag noch einmal. Aber diese Forderung lehnen selbst die Jusos ab.

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Future

Finden bald Maschinen das passende Unternehmen für uns? Wie Bewerbungen in Zukunft aussehen könnten
Und warum gute Noten nicht mehr das Wichtigste sind

Medizinstudent Jonathan* war noch dabei, für seine Doktorarbeit zu forschen, als er sich bereits auf eine Assistenzarztstelle bewerben musste. Sein Studium hatte zum Großteil aus Multiple-Choice-Prüfungen bestanden. Der 28-Jährige musste die richtigen Antworten aus mehreren Möglichkeiten heraussuchen, statt sie in einem strukturierten Fließtext darzulegen.  

Und dann eine Bewerbung formulieren? Neben dem Promotionsstress? Seine letzte Bewerbung hatte er Jahre zuvor für ein Stipendium verfasst. "Ich hätte mich erst einmal informieren müssen, wie das überhaupt geht", sagt Jonathan zu bento. "Also dachte ich, ich bezahle lieber Leute, die Profis darin sind." 

Früher waren Lebensläufe noch tabellarisch, Anschreiben begannen mit dem Satz "Hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen ausgeschriebene Stelle". Unter "EDV-Kenntnisse" gab man vor, mit Word und Excel umgehen zu können. Und in Fremdsprachen, die man bereits in der 9. Klasse abgewählt hatte, attestierte man sich "Grundkenntnisse". 

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Aber wie sehen die Bewerbungen der Zukunft aus? 

Werden Unternehmen das Anschreiben und den Lebenslauf irgendwann abschaffen? Oder setzen sie Maschinen für die Auswahl ein? Ist Ghostwriting ein Modell der Zukunft?