Bild: Getty Images / dpa (bento-Montage)

Der Fall schockiert. Er zerreißt einem das Herz. Und er macht unfassbar wütend. Aber er zeigt auch, wie viel Stärke in manchen Menschen steckt. 

Larry Nassar hat jahrzehntelang als Mannschaftsarzt und Trainer des US-Turnteams gearbeitet. Und er hat diese Position dafür genutzt, Hunderte Mädchen und junge Frauen sexuell zu missbrauchen. Mit jeder weiteren Frau, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit trat, wurde der Fall unfassbarer.

156 Frauen haben nun in dem Prozess gegen den 54-Jährigen ausgesagt. Und sie haben gewonnen: Nassar wurde verurteilt. 

Die Frauen haben dabei Stärke bewiesen und mehr als nur einen Einzeltäter zu Fall gebracht. Denn die Taten von Nassar waren offenbar bei vielen Verantwortlichen bekannt. Und dieses perfide System wurde nun endlich aufgedeckt.

Was hat Larry Nassar getan?

Nassar hat die Mädchen in seiner Funktion als Mannschaftsarzt des US-Turnteams und Fakultätsmitglied an der Michigan State University (MSU) kennengelernt. Viele der Frauen erzählen, Nassar habe durch seine augenscheinlich freundliche Art das Vertrauen der Mädchen und ihrer Familien gewonnen. 

Doch bei den Behandlungen missbrauchte er die Mädchen unter medizinischen Vorwänden. Er behauptete stets, das alles sei Teil der normalen Behandlung – was nicht der Fall war. 


Das sagte Kaylee Lorincz, Mitte links, zu Larry Nassar. Hier zu sehen mit ihrer Anwältin.(Bild: Getty Images)

Das jüngste der nun bekannten Opfer war zum Zeitpunkt der Übergriffe gerade mal sechs Jahre alt.

Larry Nassar arbeitete mehr als 30 Jahre lang in diesem Job. Es wird davon ausgegangen, dass die 156 nun bekannten Fälle bei weitem nicht die volle Anzahl sind. 

Kyle Stephens ist eine der 156 Frauen, die gegen Nassar ausgesagt haben.(Bild: Getty Images)
Wie wurde er gestoppt?

Alles begann mit ihr: Rachael Denhollander. Die heute 33-Jährige wurde im Alter von 15 Jahren von Larry Nassar sexuell missbraucht. 

16 Jahre hat es gedauert, bis sie in der Lage war, endlich ihren Peiniger zu stellen: Im Sommer 2016 ging Denhollander zum Michigan State Police Department – und sie kam bewaffnet. Bewaffnet mit etlichen Ordnern an Beweismitteln, die ihre Aussage über die sexuellen Übergriffe untermauern sollten. Denn, wie sie der Detroit News sagte:

"Ich wusste, dass es ein Kampf werden würde. Ich musste den absolut stärksten Fall präsentieren, weil es medizinisch und rechtlich sehr komplex war und es um einen Arzt und angeblich medizinische Behandlungen ging. Meine größte Angst war, dass ich meinen Bericht einreichen würde, er gewinnen würde und dann wüsste, dass er unaufhaltbar ist."

Wer Denhollanders komplette Aussage vor Gericht sehen will, kann das hier tun. Die geschilderten Erlebnisse sind allerdings schwer zu ertragen.

Es folgte eine Qual: Viele Menschen glaubten Denhollander nicht, warfen ihr vor, nur den Namen des renommierten Arztes ruinieren zu wollen oder es auf Geld abgesehen zu haben. Erst als Nassar Ende 2016 wegen des Besitzes von Kinderpornografie angeklagt wurde, bekam Denhollanders Erzählung mehr Gewicht in der öffentlichen Wahrnehmung. 

Und es meldeten sich immer mehr Betroffene. 
Tiffany Lopez während ihrer Aussage vor Gericht.(Bild: Getty Images)

Die Richterin in dem Fall, Rosemarie Aquilina, sagte im Prozess zu Denhollander:

Sie sind die mutigste Person, die ich je in meinem Gerichtssaal hatte. Mit Ihnen begann die Flutwelle.
Richterin Rosemarie Aquilina

In einer dramatischen Szene hielt die Richterin am Mittwoch während ihrer Urteilsverkündung den Brief in die Luft, mit dem Larry Nassar noch in der vergangenen Woche versucht hatte, seine Taten zu rechtfertigen. Er hatte darin geschrieben: 

"Ich war ein guter Arzt, weil meine Behandlungen halfen. Und die Patienten, die sich nun äußern, sind dieselben, die immer und immer wieder zu mir gekommen sind. Die Medien haben sie davon überzeugt, dass alles, was ich getan habe, falsch und schlecht war." (Mashable)

Die Richterin sagte "dieser Brief zeigt mir, dass Sie gar nichts verstanden haben“, hielt den Brief hoch und warf ihn von sich. Die symbolische Geste wurde im Netz hunderttausendfach geteilt.

Warum hat es so lange gedauert, bis Nassars Taten bekannt wurden? 

Die Antwort auf diese Frage ist beinahe noch schockierender als die Fälle selbst. Denn bereits aus dem Jahr 1997 gibt es ein Dokument, das zeigt: Zwei Athletinnen haben damals ihrer Trainerin, Kathy Klages, von den Übergriffen erzählt. Und wie reagierte diese? Laut Aussagen der Betroffenen habe sie ihnen mit "Konsequenzen" gedroht, wenn sie den bereits ausgefüllten Bericht tatsächlich unterschreiben würden.

Auch in den vielen Folgejahren haben immer wieder Mädchen den Verantwortlichen von den Vorgängen erzählt. Sie alle wurden zum Schweigen gebracht, die Berichte fein säuberlich in einem Aktenschrank vergraben – ohne, dass die Vorwürfe je untersucht wurden. 

Rachael Denhollander sprach vor Gericht nicht nur Larry Nassar direkt an – sondern auch die Verantwortlichen an der MSU und beim Turnverband.(Bild: dpa)

Erst 2014 verhängte MSU nach einem Bericht Auflagen gegen Nassar, die bestimmte Behandlungen ausschlossen. Überprüft wurde dies allerdings nicht. Und aufgehalten hat es ihn offenbar auch nicht. 

Die Richterin verurteilte Larry Nassar nun wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs zu insgesamt 175 Jahren Haft.

In ihrer Begründung sagte sie: "Es ist mir eine Ehre und ein Privileg, Sie zu verurteilen. Sie verdienen es nicht, sich jemals wieder außerhalb eines Gefängnisses bewegen zu können. Ich habe soeben Ihr Todesurteil unterzeichnet." 

Zwar glaube sie generell an die Resozialisierung durch Haftstrafen, doch in Nassars Fall sehe sie dafür keine Chance:

Sie werden immer eine Gefahr bleiben. Ich würde Ihnen nicht mal meine Hunde anvertrauen.
Richterin Rosemarie Aquilina

Denhollander und "ihre Armee", wie die Richterin die mutigen Betroffenen nannte, haben damit einen gigantischen Sieg errungen. Doch es geht weiter: Sie wollen nun auch gegen MSU und den Turnverband vorgehen und von ihnen Rechenschaft fordern.

Mindestens 14 Verantwortliche an der MSU sollen von den Vorgängen gewusst haben (Detroit News). 


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So gefährlich kann eine Zigarette pro Tag sein

Zigaretten sind in Deutschland nicht mehr so beliebt, wie sie es mal waren – aber noch immer rauchen etwa jeder vierte Mann und jede fünfte Frau. Pro Jahr sterben 121.000 Menschen hierzulande an den Folgen des Rauchens, berichtete kürzlich das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Das entspricht 13,5 Prozent aller Todesfälle.

Die Mehrzahl der Raucher versucht irgendwann, sich die Zigaretten abzugewöhnen. Manchmal ist das Ziel dabei auch, die tägliche Menge zu reduzieren, in der Hoffnung, dass ein, zwei oder vielleicht auch fünf Zigaretten pro Tag kaum Schaden anrichten.