Bild: Landwirt schafft Leben GmbH
Katharina und Johannes berichten von ihrem Alltag auf dem Hof und ihren Forderungen an die Politik.

Katharina und Johannes lieben ihren Beruf. "Wenn die Keimlinge hochgehen, nachdem man ein paar Wochen vorher etwas gesät hat, ist das ein großartiges Gefühl", sagt Johannes. "In unserem Beruf sieht man die Natur wachsen", sagt Katharina. Darum haben sich der Jungbauer und die Jungbäuerin entschieden, die Höfe ihrer Familien zu übernehmen. Beide bewirtschaften einen Milchviehbetrieb mit Ackerbau.

Gründe, dies nicht zu tun, gäbe es genug. Erst im November zeigte sich wieder, wie sehr es in der Branche brodelt, als Tausende protestierende Bauern mit ihren Treckern Berlin lahmlegten (SPIEGEL). Auch zur Agrarmesse Grüne Woche gab es wieder Proteste (Tagesschau).

Die Bauern stehen unter Druck. 

Besonders auf der jungen Generation lastet die Herausforderung, den Preiskampf in der Branche mit mehr Umweltschutz in Einklang zu bringen. Der Bund der Deutschen Landjugend schlug im Oktober Alarm: "Nicht der Unmut treibt die Landwirte auf die Straße, sondern die Sorge, dass die Landwirtschaft in Deutschland keine Zukunft mehr hat." (BDL)

Johannes Siebert, 22, auf dem Feld.

(Bild: privat)

Wie schauen junge Landwirte und Landwirtinnen in die Zukunft? Was sind ihre Forderungen? 

Das haben wir Johannes Siebert und Katharina Leyschulte gefragt. Johannes, 22, macht gerade eine Weiterbildung zum Agrarbetriebswirt. Seine Familie bewirtschaftet im hessischen Vogelsbergkreis einen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen, der seit acht Jahren ökologisch geführt wird. Die Umstellung damals hatte vor allem wirtschaftliche Gründe – denn als Biobetrieb können sie einen höheren Milchpreis verlangen, sagt Johannes. Aktuell stellt die Familie auch den Ackerbau auf öko um. 

Katharina aus dem niedersächsischen Westerkappeln ist 26 Jahre alt und betreibt konventionelle Landwirtschaft. Sie ist ebenfalls Agrarbetriebswirtin und löst gerade ihren Vater in der Betriebsleitung auf dem Hof ab. Mit ihrer Familie hält sie 130 Milchkühe und bewirtschaftet 150 Hektar.

Der Druck des Marktes

Von einem Betrieb wie dem von Katharina verlangen die Gesetze des Marktes eigentlich: mehr Tiere auf weniger Raum. In ihren Stall passten 130 Milchkühe, sagt Katharina, allerdings sei er meist nicht ausgelastet. In ihrem Betrieb ließen sie den Kühen etwas mehr Platz als es die gesetzlichen Auflagen vorschreiben, "denn wir haben gemerkt: Wenn das Tier Freiraum hat, dann gibt es auch mehr Milch". Aber ist das auch noch wirtschaftlich? "Das ist eben der schmale Grat. Im Moment ist der Milchpreis recht stabil, aber wir müssen schauen, ob das auch so bleibt", sagt Katharina.

Für den Preis ist der Verbraucher mitverantwortlich. Doch der handelt widersprüchlich: Einerseits will er, dass Kühe und Schweine besser gehalten werden, andererseits zahlt er nicht freiwillig mehr dafür. 

„Wir Landwirte sind Unternehmer: Wenn der Verbraucher mehr Tierwohl möchte, dann richten wir uns natürlich danach aus. Aber wir müssen das auch bezahlt bekommen.“
Johannes

"Und wenn der Verbraucher dann trotzdem zum Discounter fährt, dann können wir leider auch nur für den Discounter produzieren", sagt Katharina.

Der Landwirt als Unternehmer reagiert auf diesen Marktdruck oft mit Expansion: Großbetriebe nehmen zu, die Gesamtzahl der Höfe nimmt ab. Zwischen 2007 und 2018 von gut 322.000 auf 267.000, so der aktuelle Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes (BDL). Besonders kleinere Betriebe, mit einer Fläche von weniger als 100 Hektar, werden weniger.

Der Druck aus der Politik

Die Politik befeuert diesen Strukturwandel noch. Denn von staatlichen Hilfen profitiert vor allem der, der viel Fläche hat. Umweltverbände fordern seit langem, Agrarsubventionen an Umweltleistungen zu knüpfen und sie dadurch als Anreiz für eine nachhaltige Landwirtschaft zu nutzen. 

Agrarsubventionen

Die EU gibt zurzeit jährlich etwa 58 Milliarden Euro für Agrarsubventionen aus, rund 6,2 Milliarden fließen nach Deutschland. Die Mittel für die Förderperiode 2021 bis 2027 werden zurzeit ausgehandelt. 

Die Gelder werden nach einem Zweisäulensystem verteilt. Die erste Säule beinhaltet Prämien, die sich nach der Größe eines Betriebes errechnen. Dazu gehören die Basisprämie, die als Einkommensstütze gedacht ist, oder die Greening-Prämie für gewisse Umweltmaßnahmen. Mit der zweiten Säule werden vielfältige Programme zur ländlichen Entwicklung unterstützt, etwa zum Ökolandbau. (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft)

Dazu kommen immer mehr Auflagen, wie gerade die neue Düngeverordnung, gegen die sich der Protest im Herbst vor allem richtete. Katharina und Johannes haben das Gefühl, dass viele Auflagen unpraktisch sind und man sie als Bauern mit der Umsetzung alleine lässt. "Man kann nicht einfach ein Gesetz machen und sagen: Viel Spaß damit!", sagt Katharina.

Die Bauern bräuchten eigentlich mehrere Jahre, um sich auf ein neues Gesetz einzustellen, findet auch Alfons Balmann vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien. Viele Maßnahmen hätten schrittweise eingeführt werden können – dass es dazu nicht kam, dafür macht er aber auch die Landwirtschaftsbranche selbst verantwortlich, die sich gegen Veränderungen gestemmt habe. "Und nun setzt die EU der deutschen Politik eben die Pistole auf die Brust", sagt der Experte. Denn das Grundwasser reiße vielerorts die europäischen Nitrat-Grenzwerte. Das mache die neue Düngeverordnung notwendig.

Katharina Leyschulte, 26, im Stall beim Melken.

(Bild: Landwirt schafft Leben GmbH)

Was Katharina und Johannes von der Politik fordern? Mehr Planungssicherheit, sagen beide. Verordnungen dürften nicht einfach durchgesetzt werden, sondern Landwirte müssten sich auch darauf einstellen können. Katharina nennt ein Beispiel: die Investition in einen neuen Stall. "Wir können nicht einfach eine riesige Summe investieren und einen neuen Stall bauen, der in fünf Jahren dann nicht mehr up-to-date ist, weil sich die Tierschutzauflagen wieder geändert haben", erklärt sie. Auch hier treffe es vor allem die kleinen Höfe, sagt Johannes. "Für sie ist es oft schwierig, diese Auflagen zu erfüllen."

Der Druck aus der Gesellschaft

Ein Wort, das in der Debatte immer wieder fällt, ist die Forderung nach einer "Agrarwende". Agrarökonom Alfons Balmann sieht den Begriff kritisch, da er viele Landwirte verschrecke: "Mit diesem Begriff werden viele diffuse Dinge vermischt, etwa, dass es nur noch Ökolandbau oder Kleinbetriebe geben soll." Das ist bei den beiden Junglandwirten nicht anders.

Wenn Besuchergruppen auf ihren Hof kämen, dann höre sie oft dieselben Phrasen über "Massentierhaltung" und "Agrarindustrie", sagt Katharina: "Ich versuche dann, mit den Vorurteilen aufzuräumen. Diese Begriffe tun mir wirklich weh."

Viele Landwirte fühlen sich als Sündenböcke. Das gehe teilweise schon an die Substanz, sagt Johannes. "In Zusammenhang mit Nitrat und Insektensterben hört man immer nur: Die Bauern sind schuld – und man fragt sich schon: Sind wir in der Gesellschaft überhaupt noch gewollt? Natürlich kann man da die Lust am Beruf verlieren.“

Alfons Balmann sieht ein "Diskursversagen" zwischen den Landwirten auf der einen Seite und Umwelt- und Tierwohlverbänden auf der anderen. Wenn die Initiative "Wir haben es satt" zur Grünen Woche demonstriert und fordert, die "Agrarwende anzupacken" und das "Klima zu schützen", dann sind es vor allem Umweltverbände, die demonstrieren. Katharina und Johannes würden bei so einer Demo nicht mitlaufen. Weil ihnen manche Aktivisten, die etwa ein komplettes Verbot der Tierhaltung wollen, zu extrem sind.

„Es ist wichtig, dass man mit uns in den Dialog tritt – und das ist für mich kein Dialog.“
Katharina

Greenpeace sehen beide als Beispiel für einen Verband, der immerhin gesprächsbereit sei und mit dem man reden könne.

Die jungen Landwirte betonen, dass es nicht nur an ihnen liegt, die aktuellen Umwelt- und Klimaprobleme zu lösen. "Wir können das Thema nicht angehen, indem wir einer Berufsgruppe pauschal die Schuld geben", sagt Johannes, "sondern wir müssen sagen: Wir sind alle verantwortlich, also was können wir gemeinsam tun?"


Gerechtigkeit

"Dann müssen wir eben rebellieren" – Natasha vertritt in Davos junge Generationen
Wir haben mit ihr über das Weltwirtschaftsforum und die Frage nach Generationengerechtigkeit gesprochen.

"Die ältere Generation hat viel Erfahrung, ja – aber wir haben Ideen, wir haben Energie und wir haben die Lösungen für die aktuellen Probleme und die der Zukunft." Die wohl markigsten Worte am ersten Tag des Weltwirtschaftsforums in Davos kamen von einem Teenager – und es war nicht Greta Thunberg. Die saß zwei Plätze daneben, als Natasha Mwansa das Wort ergriff und für kräftigen Zwischenapplaus sorgte.

Dabei gilt das Treffen in der Schweiz eigentlich in erster Linie als eine Demonstration der Macht, wo führende Politiker und andere gesellschaftliche Akteure zusammenkommen, um über die großen Fragen zu diskutieren. Im vergangenen Jahr mischte Greta Thunberg das Treffen der Wirtschaftsgrößen auf – wohl auch dank ihr durften in diesem Jahr elf weitere Menschen unter 20 Jahren teilnehmen. Die Mächtigen der Welt wollen offenbar ein kleines Signal senden: Wir hören euch zu.

Doch ist das auch so? Wir haben mit Natasha Mwansa über ihre Erlebnisse in Davos gesprochen – sie sagt, dass die ältere Generation keine Angst vor der Einbindung der Jugend haben muss.

bento: Natasha, wie hast du auf das Weltwirtschaftsforum in Davos geblickt, bevor du eingeladen wurdest?

Natasha Mwansa: In meinem Kopf war das ein Treffen wichtiger Politiker und Geschäftsleute, mit vielen Debatten und Resolutionen, bei denen es vor allem um Detailfragen geht. Natürlich gehört das alles dazu, aber es gibt auch viel Freiraum, um sich zu vernetzen und voneinander zu lernen.