Bild: Robert Michael/dpa
Das Bild vom alten, abgehängten AfD-Wähler gilt nicht mehr. Das von der Greta-Jugend allerdings auch nicht.

Die Jugend ist grün. Wer sich anschaut, wofür sich junge Deutsche engagieren, denkt zuerst an "Fridays for Future", an Zivilcourage und an Anti-Rassismus-Demos. Für meine Heimat, im Osten Deutschlands, gilt das jedoch nur eingeschränkt: Schlüsselt man die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg nach dem Alter auf, dann haben zwar die Grünen bei den jungen Wählerinnen und Wählern starken Zulauf – noch mehr Gewinne erzielte allerdings die AfD. 

  • In Sachsen konnte keine andere Partei bei jungen Wählerinnen und Wählern so gut punkten wie die AfD. Bei den 18- bis 24-Jährigen holten die Rechtspopulisten 20 Prozent der Stimmen, die Grünen schafften ebenfalls 20 Prozent. Bei den 25- bis 34-Jährigen holte die AfD sogar 26 Prozent, die Grünen 15 Prozent.
  • Ganz ähnlich sieht es in Brandenburg aus. Dort holte die AfD bei den 16- bis 24-Jährigen 18 Prozent, blieb aber hinter den Grünen (27 Prozent). In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen sogar 30 Prozent, die Grünen kamen auf 15 Prozent.

(Hier je die genaue Aufschlüsselung für Sachsen und Brandenburg)

Ähnlich stark ist nur noch eine dritte Gruppe: Die "Sonstigen", also Kleinst- und Splitterparteien. Sie kommen addiert jeweils auf ähnlich gute Werte zwischen 17 und 23 Prozent.

Für Millennials im Osten gilt: Hauptsache nicht CDU, Hauptsache nicht SPD. Die Volksparteien von morgen heißen AfD und Grüne. 

Mit einer Stimme für die Grünen haben junge Wählerinnen und Wähler die Chance, im Parlament gehört zu werden. Doch ein großer Teil der Millennials meiner Heimat wählt rechts – oder eine der sonstigen Parteien, bei denen wahrscheinlich ist, dass sie die Fünf-Prozent-Hürde ins Parlament nicht schaffen. 

Warum haben SPD und CDU im Osten bei jungen Menschen trotzdem keine Chance mehr? Hier sind drei Gründe:

1 Die AfD gilt bei jungen Menschen nicht als rechtsradikale Partei. Sie gilt als normal.

Der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz treibt sich seit Jahren in rechtsextremen, heute zum Teil verbotenen Kreisen herum (SPIEGEL). Er will einen "nationalen Sozialismus" und sucht den Schulterschluss mit neurechten und extremen Gruppierungen wie Pegida und den Identitären (stern). 

Das Ganze passiert nicht länger heimlich, sondern offensiv. Kurz nach der Wahl schickte Kalbitz zum Beispiel eine Videobotschaft an den rechtsextremen Unterstützerverein "Ein Prozent":

Kalbitz ist kein Einzelfall – seine ostdeutschen Kollegen Björn Höcke in Thüringen und Jörg Urban in Sachsen gehören wie Kalbitz zum völkischen Flügel der AfD. Sie alle sind eingebettet in ein Netzwerk von rechtspopulistischen bis rechtsextremen Gruppierungen.

Müsste das nicht jungen Wählerinnen und Wählern zu denken geben? Offenbar nicht. Viele blenden die rechtsextremen Verstrickungen der AfD einfach aus. 

"Es ist ja leider so, dass alle anderen Parteien immer gegen diese eine sind", sagte mir ein Bekannter aus meiner Heimatstadt in Thüringen erst am Wochenende. Er ist Anfang 30, saniert gerade das Haus seiner Großeltern, die beiden jungen Töchter machen im Garten die ersten Gehversuche. Es geht ihm nicht schlecht. 

In der AfD seien Querdenker und Mutige, die auch mal Themen ansprechen, die sonst nur "im Hinterzimmer gemauschelt" würden, sagt er. Für ihn sind die AfD-Mitglieder keine tumben Rechten:

Das sind Ärzte und Professoren, die in der AfD sind, gebildete Menschen. Das wird ja nicht ohne Grund so sein.

Für jeden, der sich in der Partei engagiere, habe er daher nur "Respekt" übrig – "mit all dem, was die in der Öffentlichkeit aushalten müssen".

Junge Menschen im Osten wählen die AfD nicht wegen ihrer völkischen Umtriebe, sondern trotzdem. Im Erzgebirge hingen AfD-Plakate, in denen es um Tierschutz, Lehrermangel oder Pflege ging. In Thüringen ist für die Vizevorsitzende Wiebke Muhsal, 33, Bildung ein Kernthema. "Heimat" und "Sicherheit", das sind längst die Themen der anderen. Wer die Partei wählt, sieht in ihr keine rechten Umtriebe – oder stört sich zumindest nicht daran, sagt der Soziologe Matthias Quent. 

Quent forscht am Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft zu rechtsextremen Strukturen in Deutschland. Sein aktuelles Buch "Deutschland rechts außen" befasst sich mit dem Machtzuwachs der rechten Szene. Dort schlüsselt er auf, wie sich auch junge Menschen mit extremen Ideen identifizieren. Und sich das schönreden: "Viele junge Wähler nehmen die AfD als normal wahr."

2 Die Ost-Millennials übernehmen die Enttäuschung ihrer Eltern. 

Oft heißt es über den klassischen AfD-Wähler: alt, männlich, weiß – und abgehängt. Das ist längst überholt. Die AfD wählt nicht, wer am Boden ist. Sondern wer Angst hat, irgendwann am Boden zu sein.  

Im Osten sind das oft genau die, die sich nach der Wende etwas eigenes aufgebaut haben und nun fürchten, es wieder zu verlieren. Eben die Professoren und Ärzte, von denen mein Bekannter spricht, die mit Eigenheim, SUV in der Garage und vier Urlauben im Jahr. 33,9 Prozent aller AfD-Sympathisanten gehören zum reichsten Fünftel der Bevölkerung, weniger als zehn Prozent der AfD-Anhänger müssen sich hingegen große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation machen (Welt). 

Was hat das nun mit jungen Wählerinnen und Wählern zu tun? Für das Wahlverhalten im Osten gilt im besonderen Maße "Intergenerationalität", sagt der Soziologe Quent. Sprich: 

Junge Menschen werden nicht nur durch "Fridays for Future" geprägt, sondern vor allem in Familien.

Schulen tun nach Quents Meinung nicht genügend, um junge Menschen politisch zu bilden. Der Blick auf die Welt entstehe daher vor allem am Essenstisch daheim. 

Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung macht das ebenfalls deutlich: Je seltener die Wende in der Familie thematisiert wurde, desto häufiger sind junge Menschen im Osten der Meinung, sie spiele für ihr Leben heute keine Rolle mehr. 70 Prozent derjenigen, in deren Familie die Wiedervereinigung eher selten Thema war, stimmen der Aussage zu. (Studie)

Gleichzeitig ist das Unrechtsempfinden über die Abwicklung der Wende bei Jüngeren umso stärker, je mehr Eltern am Essenstisch darüber klagten. Das hat vor allem die AfD im Wahlkampf genutzt – und eine "Wende 2.0" eingefordert. Wer unter 30 Jahren ist, ging zwar 1989 nicht auf die Straße, fühlt sich durch die Erziehung seiner Eltern bei so einem Slogan aber trotzdem angesprochen.

Das Misstrauen in die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD wird weitervererbt. Wer ihnen nicht zutraut, die Klimakrise zu wuppen, wählt so eher grün. Wer ihnen nicht zutraut, das eigene Hab und Gut zu schützen, wählt braun.  

3 Millennials wählen AfD oder Grüne nicht aus Zukunftsangst – sondern als Zukunftsvision. 

Beide Parteien sorgen bei ihren Anhängerinnen und Anhängern für ein Wir-Gefühl. 

  • Die Grünen – in der Nähe zu "Fridays for Future" – erheben für sich den Anspruch, als einzige Partei die Klimakrise wirklich ernst zu nehmen. Du kannst selbst mit die Zukunft retten, wenn du auf Pappbecher und Langstreckenflüge verzichtest, sagen sie. Und wenn du gleichzeitig mit einer Stimme für Grün "denen da oben" deutlich machst, dass ihre Politik nicht genug ist.
  • Die AfD – und mit ihr rechtsextreme Grüppchen wie die Identitären – erheben für sich den Anspruch, als einzige Partei Themen wie Globalisierung und Migration wirklich anzusprechen, obwohl das aus ihrem Mund "Umvolkung" heißt. Und du kannst selbst ein bisschen dabei mithelfen, wenn du die AfD wählst und "denen da oben" deutlich machst, dass ihre Zeit vorbei ist. 

Dieser jeweilige Team-Spirit entsteht vor allem durch eine Dringlichkeitsrhetorik: Jetzt muss was passieren, bevor es zu spät ist! Bei den Grünen ist das der Kampf gegen die Klimakrise, bei der AfD der Kampf gegen ungebremste Einwanderung.

Doch was bei der einen Partei harmlos ist, macht die andere gefährlich. Die Grünen bewegen sich innerhalb demokratischer Spielregeln, die AfD hingegen will die liberale Demokratie zersetzen. Beide schaffen gerade im Kontrast zueinander ein Zugehörigkeitsgefühl. Eine Stimme für eine der beiden Parteien entsteht daher nicht, weil sich junge Wählerinnen und Wähler abgehängt oder gar verängstigt fühlen. Im Gegenteil: Eine Stimme für die Grünen oder die AfD wird als Akt des Widerstands gegen "die anderen" verstanden. 

Beide Parteien befinden sich im Zentrum eines Kulturkampfs, der nicht entlang sozialer Bruchstellen geführt wird, sondern um Werte. Es geht nicht um Wohlstand, sondern darum, was unter Heimat und Identität verstanden wird. Und wie wir morgen miteinander leben wollen.


Musik

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