Leon Köhler, 18, steht auf dem Georgenplatz in Zwickau, zwischen Straßenbahngleisen und Fußgängerzone. Es ist 10 Uhr morgens, Straßenwahlkampfzeit. 

Ein Sprinter fährt vor, eine Hand voll junger Leute springt heraus und beginnt mit dem Aufbau. Leon schaut etwas angespannt auf die Uhr. Er mag Pünktlichkeit, und die Helfer sind einmal falsch abgebogen. Sie kommen aus Leipzig, Dresden, dem Umland. Die meisten sind Studierende, haben ihre Semesterferien geopfert, um bei der FDP-Sommertour zu helfen.

Mit 18 Jahren bewirbt sich Leon Köhler von der FDP um einen Sitz im Sächsischen Landtag – als jüngster Kandidat in ganz Sachsen.

Er ist blond und schlank. Das Auffälligste an ihm ist vielleicht sein rotes Brillengestell. Dass er ein untypischer 18-jähriger ist, merkt man erst, wenn man sich mit ihm unterhält. 

Was die Umwelt-Ikone Greta Thunberg sagt, macht Leon zum Beispiel oft sauer. Da ist das mit dem zu langsamen Kohleausstieg Deutschlands. "Die schwadroniert ihre Meinung daher", sagte er und sie denke dabei keineswegs an die Menschen.

Leon hat nichts gegen Umweltschutz. Zu seinem Wahlkampfmaterial gehört eine knallgelbe Bienenmischung mit der Aufschrift: "Heute säen, was morgen gedeiht".  

Dort, wo Leon lebt, ist Umweltschutz aber auch ein soziales Thema. Ein sofortiger Kohleausstieg wäre für die Lausitz fatal, sagt er. "Tausende Arbeitsplätze hängen daran."

Ginge es nach ihm, würde man den Emissionshandel stärken, öfter Wissenschaftler konsultieren und in Sachsen Bäume pflanzen. Keine CO2-Steuer: Denn Verbote hält Leon für falsch. Maximale Freiheit des Einzelnen, wenig staatliche Eingriffe, das gefällt Leon an der FDP so gut.

„Jeder soll sein Ding machen können. Wir jungen Leute wollen nach dem Abi mit dem Auto rumgurken, einfach frei sein. Oder trinken, nach Mallorca fliegen.“
Leon Köhler

Leon spricht ruhig und eloquent. Er lacht selten, Politik ist für ihn Ernst. Manchmal vergisst man fast, dass er erst 18 ist. In den sozialen Medien ziehen viele über sein Alter her. Er solle erst einmal richtig arbeiten, eine Schaufel in die Hand nehmen, schreiben sie. Leon antwortet auf jeden Kommentar sachlich. Aber es wurmt ihn. "Damit hätte ich nicht gerechnet."

Bei der FDP werden Plastikrohre und bunte Bälle auf einen Tisch gestellt.

Daneben kommen Schilder: Digitalisierung, Bildung, Sicherheit und Infrastruktur steht darauf. Die Passanten können die Bälle auf die Rohre verteilen – je nachdem, was ihnen am wichtigsten ist. Einen Foto-Automaten, eine Virutal-Reality-Station und E-Scooter hat Leon auch dabei. Hier kommt der Fortschritt! 

Nebenan steht einer und beobachtet das Treiben: der Zwickauer Würstelmann. Seit 29 Jahren verkauft er seine heiße Ware am Georgenplatz. Karierte Schirmmütze auf den ergrauten Haaren, immer für ein Schwätzchen bereit.

Eine Frau mit Einkaufstasche läuft schnell vorbei, wirft einen irritierten Blick auf den quietschgelben Stand, bestellt beim Würstelmann eine Bauernwurst mit Senf. Dann deutet sie mit dem Kopf in Richtung FDP: "Es ändert sich ohnehin nichts."

Auch Leon kennt das Gefühl. Er nimmt Dinge deshalb gern selbst in die Hand.

In der Schule digitalisierte er seine Unterrichts-Mitschriften und schickte sie dem ganzen Kurs. Im Gymnasium war er bereits in der Unterstufe Klassensprecher, dann Landesschülerrat und engagierte sich nebenbei für Geflüchtete.

„Wenn ich etwas ändern wollte, egal wann, dann musste ich selbst etwas tun. Und meinen Ansprüchen werde ich meist nur selbst gerecht.“
Leon Köhler

Als Leon sich für die FDP entschied, feierte Pegida gerade den ersten Jahrestag in Dresden. Leon, 15, lief bei einer von fünf Gegendemos mit. Er wollte die Straßenseite wechseln – und stand plötzlich im Kreuzfeuer. "Die Rechten wollten mich verprügeln, weil ich von der linken Demo kam. Auf dem Rückweg drohten mir die Linken." Er entschied: keine Extreme mehr. Weder rechte noch linke.

Leon glaubt nicht mehr, dass Veränderung auf Demonstrationen entsteht – sondern durch parteipolitische Arbeit.  Im Bundeswahlkampf organisierte er den Social-Media-Auftritt eines erfolgreichen FDP-Kandidaten. In seinem eigenen Wahlkampf schreibt er die Pressemitteilungen selbst, kümmert sich um die Flyer für Parteifreunde. Nebenbei jobbt er als Barkeeper.

Inzwischen hat sich auf dem Markt ein riesiges gelbes Zelt entfaltet.

"Freie Demokraten. Für Sachsen" prangt darauf. Leon verteilt Flyer mit seinem Konterfei. Ein Mann kommt auf ihn zu, graue Haare, Halbglatze, kariertes Hemd, um die 60.

  • "Die Ausländer ...", sagt er. 

Leon hebt beide Hände und unterbricht ihn: 

  • "Damit sie es gleich wissen, wir haben nichts gegen Ausländer."
  • "Ich auch nicht. Nur, wenn sie Bambule machen ... naja, ist bei den Deutschen nicht anders. Aber unser Rechtssystem ist so lasch." 

Leon nickt, drückt ihm einen Flyer in die Hand und sagt: 

  • "Das Recht müsste nur richtig angewandt werden, es geht zum Beispiel nicht an, dass Leute ewig in der U-Haft sitzen." 
  • "Hm." 

Der Mann nickt und geht. 

Auch beim Würstelmann wird über Politik diskutiert. 

Ein Paar wartet auf seine Käseknacker. "Diese jungen Leute“, der Würstelmann zeigt zu Leons Stand, "haben mich nicht einmal begrüßt. Wenn einer von ihnen später eine Wurst will, kriegt er keine." Er lacht schelmisch.

Er selbst wisse schon, wen er wähle. Nicht die FDP. Vor ein paar Tagen war CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer in seinem Ort. Nett sei er gewesen, habe ihm das Du angeboten. Seine Frau habe sich gewünscht, dass der Ministerpräsident auf dem Rückweg ganz langsam fahren soll, um sich die kaputten Häuserfassaden anzuschauen. Er habe es versprochen.

Bei der FDP füllen sich die Plastikrohre mit bunten Kugeln.  

Sicherheit ist den Zwickauern offenbar besonders wichtig. Digitalisierung nicht so – die Virtual-Reality-Station ist nach zwei Stunden unangetastet. 

Diese Landtagswahl fühlt sich in Sachsen oft an wie Endgegnerzeit. Grüne, Linke, CDU berichten von massiven Anfeindungen. Mit zerstörten Wahlplakaten hat auch die AfD zu kämpfen. Die FDP ist davon kaum betroffen und weitestgehend aus der Schusslinie. Sie sitzt nicht einmal im Landtag.

An Leons Marktplatzstand bleibt es bis zum Ende ruhig. Ein Alter Mann schreit: "Macht ihr erstmal was für eure Rente!" Mehr Störungen gibt es nicht. 

Später packen Leon und die Helfer das große gelbe Zelt und die Bälle ein. Der Würstelmann bleibt allein auf dem Marktplatz zurück. Und in Zwickau ist wieder alles beim Alten.

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Fühlen

Erkan und Stefan vorm Comeback – ist das noch witzig?
Ein political correctes Treffen in München.

Ein Typ Ende vierzig öffnet die Tür. Er trägt ein Shirt mit der Aufschrift "Sausage" und sieht ein bisschen aus wie Stefan von "Erkan und Stefan". Aber Trainingsanzug und Handtuch, die Markenzeichen von Stefan, fehlen beide. "Hi, wir ziehen uns noch um, dann sind wir bei dir", sagt der Typ und verschwindet in einem Nebenzimmer. Dort wirft sich ein anderer gerade eine "Erkan"-Kette über. 

Kurze Zeit später kommen beide raus. Zwei Männer Ende 40 haben sich in ihre alterslosen Kunstfiguren verwandelt, Handtuch, Trainingsanzug, Bling-Bling-Kette. 

Erkan und Stefan sind zurück. Krass? 

Ende der Neunziger und in den frühen 2000ern wurde das Blödelduo berühmt und gehörte zu den Lieblingen meiner Jugend. Erkan gab am liebsten mit "Bunnys" an, die er doch nie abschleppte. Stefan brauchte meist ein bisschen länger, um irgendwas zu kapieren. Zwei Halbstarke, die einfach nur dazugehören wollen. Meine Kumpels und ich – Halbstarke, die einfach nur dazugehören wollten – haben die Filme abends auf der Couch mit Shisha und Chips abgefeiert.