Und warum ich ihr so gerne helfe

Wir alle haben Heldinnen und Helden. Menschen, zu denen wir aufblicken, die wir bewundern. Meine Heldin ist 94 Jahre alt. Und ich bewundere sie mehr als alle anderen Menschen. 


Esther Bejarano hat als junge Frau das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt und tourt jetzt mit ihrem Sohn und einem Rap-Duo um die Welt. Sie erzählt ihre Geschichte und singt hebräische, jiddische, deutsche, türkische und italienische Lieder (SPIEGEL ONLINE). Und ich finde mich in ihr wieder.

Ich weiß noch, wie ich Esther zum ersten Mal traf. Es war ein kalter Februartag. Vor der Lesung zitterte ich, weil es draußen so kalt war. Nach der Lesung zitterte ich, weil mich das, was ich hörte, nicht mehr loslassen wollte. 


Esther sagte damals: Die Lesungen seien ihre "persönliche Rache" an den Nazis.

Seitdem helfe ich ihr bei dieser Rache und besuche ihre Lesungen, wann immer ich kann.

So wie neulich, in der muffigen Turnhalle einer Hamburger Stadtteilschule.

Ich bin überpünktlich und setze mich in die erste Reihe. Die Heizung ist offenbar ausgefallen. Es ist kalt und ungemütlich und ich bin krank. Aber ich merke davon kaum etwas.

Der Saal füllt sich, bis alle Stuhlreihen besetzt sind. Als Esther sich auf den Weg zur Bühne macht, laufen mir bereits die ersten Tränen über das Gesicht.

(Bild: bento)

Es geht um die Liebe.

Esther erzählt von ihrer Kindheit. Von ihren Eltern, die in der litauischen Stadt Kowno ermordet wurden und von ihrer Schwester, die in Auschwitz starb. Der Vater hatte die Wahl, zu leben, sagt Esther.

Er hätte sich von seiner jüdischen Frau scheiden lassen können. Aber er sei lieber gemeinsam mit ihr in den Tod gegangen. Allein leben oder mit einer geliebten Person sterben. Wie groß diese Liebe gewesen sein muss.

Und es geht um den Krieg.

Vom Tod ihrer Eltern erfuhr Esther erst nach dem Krieg. Ich stelle mir vor, wie sie sich gefühlt haben muss: Im Ungewissen darüber, ob ihre Familie es geschafft hatte oder tot war.

Ich muss an meine Mutter denken. Auch meine Familie hat einen Krieg erlebt. Nach ihrer Flucht aus Bosnien wusste meine Mutter monatelang nicht, wie es ihrer Familie ging. Sie wusste nicht, dass ihr Vater mittlerweile in ein Lager gebracht worden war.

Ich muss auch an meinen Vater denken. Er war für das Studium nach Sarajevo gezogen. Nach nur drei Semestern wurde er vom Studenten zum Flüchtling, auf dem Weg in ein fremdes Land.

Meine Eltern verbrachten die Jahre, die ihre besten hätten sein können, in ständiger Angst.

Höre ich Esther zu, denke ich: Alles wiederholt sich. 

Noch heute werden Menschen verfolgt, weil sie die falsche Religion oder Nationalität haben. Antisemitisch motivierte Straftaten nehmen zu (Tagesspiegel).

Als ich Schülerin war, hat sich der Nationalsozialismus weit weg angefühlt. Antisemitische Beleidigungen waren in meiner Klasse normal. Das hörte erst auf, als wir ein ehemaliges Konzentrationslager besuchten – bis zum Abi war dann Ruhe.

Wenn ich Esther treffe, sehe ich mich selbst in ihr. Die Geschichte ist plötzlich nah, betrifft mich. Wenn sie erzählt, bleibt ihre Stimme ruhig. Aber jeder ihrer Sätze fühlt sich an wie ein Schlag in den Magen

Ich frage mich: Wie wollen wir erinnern, wenn es keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr gibt?

Im "Holocaust Museum" in Chicago erzählen seit Anfang des Jahres Hologramme statt Menschen ihre Geschichten (NDR). Die emotionale Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart können sie nicht schaffen.

Man kann mit ihnen nicht weinen und schon gar nicht lachen wie mit Esther.

Oder singen: Denn zum Abschluss des Abends stimmt Esther eine Nummer an.

Es ist der Schlager "Bel Ami". Esther singt:

„Du hast Glück bei den Frau'n Bel ami! Soviel Glück bei den Frau'n Bel ami! Bist nicht schön doch charmant bist nicht klug doch sehr galant bist kein Held nur ein Mann der gefällt.“

Der Saal klatscht und schunkelt mit.

Dabei hat das fröhliche Lied eine bittere Geschichte. Es rettete Esther im KZ das Leben. Ein Mädchen-Orchester sei damals auf der Suche nach einer Akkordeonspielerin gewesen, erzählt sie. Esther spielte Klavier, nicht Akkordeon. Sie versuchte trotzdem ihr Glück, spielte diesen Song und wurde aufgenommen - obwohl sie zum ersten Mal ein Akkordeon in der Hand gehalten habe.

Ich denke über das Schicksal nach. Esther sagt:

„Wir leben trotzdem. Wir werden leben und erleben und schlechte Zeiten überleben.“

Sie gibt einem der Rapper einen Kuss auf die Stirn und der Abend ist zu Ende. Nach dem Applaus strömen die Menschen aus der Pausenhalle. Ich bleibe noch sitzen: ziemlich verheult.

Als der Saal etwas leerer ist, wische ich mir die Augen ab und traue mich zur Bühne.

"Können wir ein Erinnerungsfoto machen?", frage ich.

"Ja, klar, ein Selfie. So nennt ihr das doch?", sagt Esther und lächelt schon wieder.

(Bild: bento)

Esthers Lesungen sind für mich eine Pause. Ein Raum, um Gegenwart und Geschichte zusammenzubringen – meine und ihre. Um zwei Stunden in Ruhe darüber nachzudenken, was das Leben ausmacht.

Und wer weiß: Vielleicht erzähle ich eines Tages die Geschichte meiner eigenen Familie – und junge Menschen helfen mir bei meiner "Rache".

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Style

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