Und wir alle sollten ihr zuhören.

Ein Interview am Tag. Mehr schaffe sie nicht, sagt Gertrude Pressburger. Lesereise? Talkshowauftritte? Sie lehnt sich zurück in ihrem Sessel und lacht. "Ich? Nein, nein." Und nach kurzem Überlegen: "Vielleicht wenn ich jünger gewesen wäre. Aber jetzt? Mit 90?"

Mit 90 Jahren ist sie plötzlich eine sehr gefragte Frau. Denn Gertrude Pressburger hat das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebt und jetzt "mit einer hinreißenden Mischung aus Zartheit und Entschiedenheit", wie die Schriftstellerin Eva Menasse schreibt, erstmals ihre Geschichte erzählt. Ein Dutzend Tage lang hat sie mit Marlene Groihofer gesprochen und der jungen Journalistin ihre Erlebnisse und Erinnerungen anvertraut.

Entstanden ist eine Freundschaft zwischen den beiden Frauen, die eine Jahrgang 1927, die andere 1989 – und ein bedrückendes, aber auch mitreißendes Dokument der Zeitgeschichte. Ein wichtiges Buch, von dem man sich wünscht, dass vor allem junge Menschen es lesen. "Gelebt, erlebt, überlebt" heißt es.

Pressburger ist zehn Jahre alt, als die Familie im September 1938 mit fünf Koffern vor den Nationalsozialisten aus Wien flüchten muss: ihr Vater, ihre Mutter, Gertrude und ihre beiden jüngeren Brüder Heinzi und Lumpi. Ihr Vater hat die Kinder zwar katholisch erzogen und taufen lassen, aber ihre Großeltern waren jüdisch. Die Pressburgers kommen in Jugoslawien unter, später in Italien. Sechs Jahre lang sind sie auf der Flucht, bevor sie erwischt und nach Auschwitz gebracht werden.

Die Beschreibung der Ankunft im KZ gehört zu den eindringlichsten Passagen. Die Mutter und die beiden Brüder werden auf einen Lastwagen geschickt, Gertrude selbst in eine andere Richtung, den Vater verliert sie aus den Augen. Ständig sucht sie nach ihren Angehörigen, bis sie es von einer Fremden erfährt: 

'Siehst du den Rauch dort drüben?'

Zögerlich hebt sie die Hand und zeigt auf einen großen Schlot, der hinter den Baracken steht: 'Die Menschen, die auf dem Lastwagen waren – sie sind alle schon vergast und verbrannt worden'." Die Mutter und ihre beiden Brüder, das wird Gertrude in diesem Moment bewusst, wurden ermordet.

Pressburger beschreibt das Leben im Vernichtungslager. Wie sie gedemütigt und gequält wird. Wie sie sich dem Schicksal überlässt. Und wie sie sich die Würde nicht nehmen lässt. Zum Beispiel, als einmal eine Aufseherin den hungernden Frauen einen Apfelrest hinwirft. Die Gefangenen prügeln sich darum, Gertrude Pressburger aber rührt sich nicht. "Was ist mit dir? Raufst nicht um den Apfel?", fragt die irritierte SS-Frau. "Ich bin kein Hund", antwortet Pressburger. Ihr Vater hatte ihr einst einen Satz ans Herz gelegt:

Halt hoch den Kopf und werde niemandes Knecht.

Von der Geschichte ihrer Familie und dem Vernichtungslager Auschwitz erzählt sie auf bewundernswerte Weise, ohne Hass und ohne das Bedürfnis nach Rache an den Mördern ihrer Familie. Da war etwa der deutsche Offizier, der in Auschwitz Hochzeit feierte. In der Kutsche fuhr das Brautpaar durchs KZ: "Ihr Brautschleier flatterte im Wind, als sie, von Pferden gezogen, an unseren Baracken vorbeifuhr. Wir standen da, abgemagert, verlaust, kahlgeschoren. 'Pfui, sind die grauslich', rief die Braut. Sehr gerne hätte ich mehr über den Charakter dieser Frau erfahren. Einer Frau, die sich an ihrem Hochzeitstag wünschte, einen Blick auf uns 'Untermenschen' zu werfen."

Pressburgers Erzählung endet aber nicht in Auschwitz, sondern reicht bis in die Gegenwart. Auschwitz, das wird deutlich, ist eben nicht lange her, sondern wirkt bis heute nach. So beschreibt sie, wie sie kurz vor Kriegsende durch einen Gefangenenaustausch nach Schweden kam und wie das Schicksal sie zurück nach Wien führte - ins "Feindesland", wie sie es aus nachvollziehbaren Gründen nennt. Wie sie Menschen ihrer Generation bis heute misstraut.

"Wer bist du? Was warst du im Krieg?", das seien die Fragen, die ihr dann durch den Kopf gingen. 

Lieber bin ich allein als mit jemandem in Kontakt, der vielleicht ein Nazi war.

Wie sie ihren Glauben verloren hat: "Ein Gott, der so etwas zulässt, der ist für mich nicht anbetungswürdig." Und dass sie nie wieder in Polen war, auch nie mehr dorthin reisen wollte.

Einmal macht sie in den Neunzigerjahren Urlaub in Stockholm. Soldaten in bunten Uniformen marschieren zu Blasmusik vorbei. Da erblickt sie ein deutsches Ehepaar in der Menge der Touristen. "So ein Kasperltheater, dieses Militär", hört sie den Mann sagen. "Damit hätten die Schweden nie einen Krieg gewonnen." Zornig pfeffert Pressburger dem Unbekannten an den Kopf: "Haben die Deutschen mit ihrem brutalen Militär den Krieg gewonnen? Sie haben Unglück über die ganze Welt gebracht. Gott sei Dank hat Schweden kein solches Militär."

Gertrude Pressburger lacht, wenn man sie auf diese Passage anspricht.

Ich kann einfach meinen Mund nicht halten.

"Ist vielleicht nicht immer gut, aber ich bin jetzt 90. Was kann mir schon passieren?"

Über ihre Flucht und ihre Zeit im KZ hat sie dagegen jahrzehntelang nicht viel gesprochen, aus Angst vor unbedachten Bemerkungen, die sie verletzen könnten, aber auch aus Angst vor der grausamen Erinnerung. Erst in den Siebzigerjahren erzählte sie ihrer Tochter, damals 13 Jahre alt, davon. "Ich wollte sie ja nicht zu sehr belasten", sagt Pressburger. Ihr 2006 verstorbener Mann hat nie genau nachgefragt, sie scheint darüber nicht unglücklich zu sein.

Die Journalistin Marlene Groihofer, 29, hat vor zwei Jahren ein viel beachtetes Radioporträt über Pressburger gemacht. Auf die alte Dame wurde daraufhin das Wahlkampfteam von Alexander Van der Bellen aufmerksam und fragte, ob sie ein Video-Statement abgeben würde. Der österreichische Grünen-Politiker befand sich gerade im Präsidentschaftswahlkampf gegen den aggressiv auftretenden FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer und gewann am Ende nach einer Wiederholungswahl im Dezember 2016 knapp (SPIEGEL ONLINE).

Pressburger sagte für das Video zu. Darin erzählt sie fast sechs Minuten lang vom Krieg und was er bedeutet. Auschwitz erwähnt sie nicht. Auch nicht den Kandidaten der rechten FPÖ – aber das Gerede des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache von einem angeblich drohenden "Bürgerkrieg" (SPIEGEL ONLINE): "Ich habe einen Bürgerkrieg als siebenjähriges Kind erlebt, da habe ich meine ersten Toten gesehen. Leider nicht die letzten." Klug und besonnen spricht sie auch darüber, was die Verrohung der Sprache anrichtet:

Die Beleidigung anderen gegenüber, das Heruntermachen, das Schlechtmachen – das stört mich am allermeisten.

Es ist ein leiser, berührender Appell vor allem an die junge Generation, mit Bedacht zu wählen. "Die Jungen haben ihr ganzes Leben noch vor sich", sagt Pressburger, "für mich ist es wahrscheinlich die letzte Wahl, ich hab' nicht mehr viel Zukunft." Einige Millionen Mal wurde das Video angesehen, das bei der Präsidentschaftsentscheidung eine wichtige Rolle spielte. Manche hielten es gar für eine Erfindung zur Wahl – aber echter als Gertrude Pressburger kann kein Mensch sein. Bei der Begegnung denkt und redet sie genau wie im Video.

Nach dem vielbeachteten Video kannte "Frau Gertrude" fast jeder in Österreich. Pressburger und die Journalistin Groihofer beschlossen, das Buch zu machen. Es endet ebenfalls mit einem Appell an die Jungen. "Heute sind viele Menschen in Österreich unzufrieden mit dem, was sie haben, obwohl es ihnen materiell an nichts fehlt", heißt es darin. Diesmal werde es kein Hitler sein, der komme. "Aber irgendjemand anderer, der den Unmut der Menschen ausnützt, irgendjemand anderer, auf den zu viele hereinfallen."

Das Buch, sagt Pressburger, sei auch so etwas wie ein Ersatz für einen Grabstein für ihre Eltern und ihre beiden Brüder. Der Gedanke an ihren Vater, der möglicherweise überlebt hatte, half ihr durch die Zeit in Auschwitz und danach. Bis sie eines Tages aus Dokumenten erfuhr, dass er das KZ zwar in Richtung eines anderen Lagers verlassen hatte, aber nie am Ziel angekommen war.

"Ich weiß ja aus eigener Erfahrung", sagt sie, "was bei solchen Transporten, die meist zu Fuß erfolgten, geschah: Wer zu schwach war und zusammenbrach oder Widerspruch wagte, wurde auf der Stelle erschossen und in den Straßengraben getreten." Und leiser fügt sie hinzu:

Meine Mutter und meine Brüder sind Asche. Und mein Vater liegt vermutlich in einem Graben. Jetzt erinnert wenigstens das Buch an sie.

Gertrude Pressburger wünscht sich, dass junge Menschen die Geschichte nachfühlen könnten. Auch deshalb habe sie ihre so ausführlich erzählt.

Es ist ein Glück für die Nachwelt.


Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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Ich habe gelernt, mit meiner Angst zu leben – dank dieser beiden Worte
Wir müssen reden. Über Angst.

Ich habe Angst. Ständig. Davor, dass ich die Kontrolle verliere. Dass ich den Punkt verpasse, an dem ich merke, dass immer mit 180-durchs-Leben-rasen irgendwann dazu führt, dass ich die Kurve nicht mehr kriege. Ich habe Angst vor sehr kleinen Hunden, vor fremden Toiletten und vor Krebs, vor Armut, dass keiner über meinen Witz lacht und vor der Stille danach. 

Ich habe Angst vor einhundertdreiundfünfzig Dingen, das habe ich gezählt, um mich selber zu beruhigen, denn was man zählen kann, das kann man auch zähmen.