Bild: Stella Venohr
Was hat sich hier verändert, seit im Osten der Ukraine Krieg herrscht?

Lange dunkle Haare, ein Strickkleid und ein schwarzer Mantel: Wie die meisten jungen Frauen in Kiew ist Anna Mosyuzenko modern und feminin gekleidet. Die 20-Jährige studiert hier Literaturwissenschaften, im Nebenjob bietet sie Stadtführungen an. Jetzt gerade steht sie auf dem Majdan, dem zentralen Platz der ukrainischen Hauptstadt.

Der Himmel ist blau, gestreift von weißen Wölkchen. Auf einem Sockel thront über dem Platz eine Statue: Berehynja. "Dieses Denkmal ist der Unabhängigkeit unseres Landes gewidmet", sagt Anna. "Die Figur trägt typisch ukrainische Kleider und auch der Kalinazweig in ihrer Hand ist landestypisch."

Trotz des Sonnenscheins ist es kalt, drei Grad über dem Gefrierpunkt. Unter Berehynja versammeln sich Menschen, manche von ihnen tragen Flaggen in blau und gelb, die Nationalfarben der Ukraine. Von irgendwo ist Musik zu hören.

Stadtführerin Anna Mosyuzenko spricht vor dem Parlament über die Opfer der Proteste vor zwei Jahren.(Bild: Stella Venohr)

Vor zwei Jahren protestierten Zehntausende Menschen in der Ukraine zunächst friedlich in Kiew, die meisten waren jünger als 30. Grund für die Demonstrationen war, dass die Regierung unter dem pro-russischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch ein Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Die Demonstranten wollten Janukowitsch und sein Regime stürzen.

Im Verlauf der Demonstrationen gab es Hunderte Verletzte und viele Tote. Daraufhin gingen noch mehr Ukrainer auf die Straße. Im Februar 2014 wurde Janukowitsch von der Regierung abgesetzt und floh nach Russland. Wenig später wurde das Parlament neu gewählt – und die Halbinsel Krim wurde von Russland annektiert.

Im Osten der Ukraine herrscht seitdem Krieg.

Hier am Majdan – dort, wo vor einiger Zeit Tausende protestierten – ist es nun ruhiger geworden. Im Süden des Platzes erstreckt sich das riesige "Hotel Ukraine", das früher noch "Hotel Moskau" hieß. Auf dem Platz treffen sich die Menschen, um immer wieder friedlich der Opfer zu gedenken.

Anna Mosyuzenko steht auf der nördlichen Seite des Majdans unter einem goldenen Tor. Dort wacht die Statue des Schutzpatrons Kiews, der Erzengel Gabriel. Für die Menschen hier ist er inzwischen keine friedvolle Gestalt mehr, sie erinnert sie an Luzifer: "Die Figur des Gabriels ist schwarz. Und Engel sind nicht schwarz", sagt Anna. "Manche Menschen hier glauben, dass all die schlimmen Sachen auf dem Majdan passiert sind, weil Luzifer und Berehynja sich gegenüber stehen."

Die Statue des Erzengels Gabriel(Bild: Stella Venohr)

Der Krieg der Ukraine tobt jetzt im Osten des Landes: in der Donbass-Region, wo sich pro-russische Separatisten und die ukrainische Armee Gefechte liefern. Es geht um die Abspaltung des Ostens – die Rebellen fühlen sich Russland zugehörig.

Im Westen ist es dagegen relativ ruhig. Hier erinnern die Menschen sich immer wieder an die Ereignisse vor zwei Jahren. Auf dem Majdan stehen Stellwände mit Fotos der auf dem Platz verstorbenen Personen. In Richtung Parlament sind Hunderte Kerzen aufgereiht, dazu Bilder von jungen Menschen. Tote. "Jahrgang 1990 bis 2013" ist zum Beispiel dort zu lesen.

Vorn wird mit Steckbriefen an die die Opfer vor zwei Jahren gedacht, im Hintergrund der Majdan.(Bild: Stella Venohr)
Während sich in Deutschland Studenten über Hausarbeiten oder Praktika den Kopf zerbrechen, haben Studenten in Kiew ihr Leben für die Unabhängigkeit verloren.
In Kiew wird an vielen Orten an die Proteste erinnert, so wie hier mit Fotos und Kerzen.(Bild: Stella Venohr)

Als Studentin hat Anna es nicht leicht, ihren Alltag in Kiew zu bewältigen. Zweimal am Tag bietet sie eine dreistündige Stadtführung an, kostenlos. Sie lebt vom Trinkgeld, pro Monat etwa 250 Euro. Es ist schwer, damit über die Runden zu kommen – denn die Währung des Landes, Hrywnja, ist so gut wie nichts mehr wert.

Oft sind die Lebenshaltungskosten dafür zwar niedriger als beispielsweise in Deutschland. Das gilt jedoch nicht für alle Bereiche: "Kleidung ist genauso teuer wie im Westen", sagt Anna. "Große Modeketten wie Zara oder H&M bieten ihre Produkte hier nicht billiger an." Ein Problem sei auch, wie unbeständig die Währung sei. "Du weißt nie, wie viel dein Geld am nächsten Tag noch wert ist, musst aber trotzdem deine Miete zahlen. Auch, wenn du weniger Geld aus dem Bankautomaten bekommst als im vorigen Monat."

Für die Uni selbst ist ebenfalls kaum Geld da: Das Gebäude hat lauter Risse in den Fassaden, die Fenster sind teilweise gesprungen. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier täglich Menschen lernen. Für heute hat sich Präsident Poroschenko angekündigt, er will da sein für die Studenten, Fragen beantworten. Sie tummeln sich im Innenhof, 3000 dürfen dabei sein.

Als Poroschenko dann auftritt, wird er ausgebuht, einzig bei seinem Ausruf "Slawa Ukraini, Slawa Academia" ("Gelobt sei die Ukraine, gelobt sei die Universität") ist kurzer Jubel zu hören.

Über Politik spricht er dann nicht, eher über die Geschichte der Universität. Er wisse, dass er nicht sehr beliebt sei bei vielen Studenten, die sich nach einer Annäherung an den Westen sehnen: "Er ist eben ein Wirtschaftsmensch und hat dadurch einen engen Draht zu den Oligarchen", sagt Dariya Orlova, Dozentin an der Mohyla Journalistenschule in Kiew.

"Das Problem dieses Landes und vor allem auch Poroschenkos: Es gibt zu viele Oligarchen. Sie haben hier in verschiedenen Regionen jeweils unterschiedlich viel Einfluss", sagt Dariya Orlova. Auch sie wünsche sich eine Annäherung an Europa.

Dariya Orlova erlebt gerade den Wandel der Ukraine.(Bild: Stella Venohr)

In den Straßen Kiews gibt es auch eine Schokoladenmanufaktur: Hinter Glas stehen kleine Figuren aus Schokolade. Sie stellen Putin dar, die vorderste Figur ist geköpft. In der nächsten Gasse kann man inmitten von kitschigen Häkeldeckchen und ukrainischem Wodka Toilettenpapier kaufen, das mit einem Foto von Wladimir Putin bedruckt ist.

Ein geköpfter Putin aus Schokolade demonstriert das Bild des russischen Präsidenten in Kiew.(Bild: Stella Venohr)
Viele junge Leute in Kiew wollen vor allem eins: weg.

Einige lernen Deutsch, sie wollen zum Studieren nach Deutschland. "Ich höre deutsche Musik, 'Unheilig' und 'Ich+Ich'", erzählt Olga Nowikow, eine Studentin. Sie und ihre Freundinnen seien neugierig auf Deutschland.

Besonders wichtig sei ihnen, dass die westlichen Europäer ein gutes Bild von ihnen hätten: "Es interessiert sich doch sonst keiner für uns", sagt Olga. "Ich wünsche mir, dass die Leute sehen, wie schön unser Land eigentlich ist."

Was also bleibt zwei Jahre nach den Protesten auf dem Majdan?

Kiew wirkt einerseits gefangen in Lethargie – gleichzeitig kommt die Stadt nicht zur Ruhe. Die Ukraine ist und bleibt geprägt von Konflikten. Mit der Orangenen Revolution 2004 gab es schon einmal einen Umbruch im Land: Damals protestierten die Kiewer gegen Betrug bei den Präsidentschaftswahlen und verhalfen schließlich ihrem Kandidaten Wiktor Juschtschenko ins Amt – unblutig und ohne Tote.

Trotzdem gibt es Parallelen zu den Konflikten vor zwei Jahren: Beide Male gingen die Menschen gegen die Allmacht der Regierung auf die Straße. Welche Wünsche der russlandkritischen Ukrainer konnten umgesetzt werden? Janukowitsch ist weg – die Annäherung an den Westen ist trotzdem ins Stocken geraten.

Vor zwei Jahren sah es in Kiew nicht so friedlich aus wie auf diesem Bild: Blick von der Sophienkathedrale(Bild: Stella Venohr)

Das Land scheint wie zerrissen zwischen Russland und Europa. Es ist ein Zerren der Politiker, aber auch eine Zerrissenheit innerhalb der Bevölkerung. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die die Armut im Land sehen und sich durch Russland Wirtschaftswachstum und Sicherheit erhoffen.

Auf der anderen Seite stehen die, die eine unabhängige Ukraine wollen und nicht an das alte System glauben. Das sind Menschen wie Stadtführerin Anna: "Vielleicht können wir irgendwann ja doch noch etwas bewegen", sagt sie. "Dann hätten sich die Proteste im Nachhinein doch gelohnt."

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