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Wenn es nach Markus Söder geht, funktioniert die Welt in Bayern jetzt ein wenig anders. In hunderten Polizeirevieren, Ämtern, Gerichten und Dienstgebäuden soll ab heute ein Kreuz an der Wand hängen. So will es ein Erlass, den der bayerische Ministerpräsident und seine CSU-Landesregierung kürzlich beschlossen. (bento)

Das Kreuz sorgt für Streit. Viele Kritiker meinen, dass die CSU die bayerischen Behörden einspanne, um bei der kommenden Landtagswahl zu punkten. Für viele ist der Kreuz-Erlass Symbolpolitik für konservative Wähler. Selbst Kirchenvertreter kritisieren die Idee. Kann ein Staat seinen Bürgern vorhalten, welche Religion besonders wichtig ist?

Selbst die CSU weiß offenbar, wie brisant der Erlass ist. Zur Sicherheit nennt man das christliche Zeichen in der Partei ein "traditionelles Symbol". Das Aufhängen soll nicht überprüft werden (SPIEGEL ONLINE). Immerhin. Aber kann man Kreuze aufhängen, ohne es christlich zu meinen?

Wir haben vier jungen Christinnen und Christen nach ihrer Meinung gefragt und wollten von ihnen wissen, wie sie den Kreuz-Erlass der CSU finden:

Pia & Clara, beide 16

(Bild: privat)

Pia, 16, Schülerin und Pias Zwillingsschwester

Seit ich denken kann, hängt bei uns daheim ein Kreuz an der Wand. Wir haben beide eine Kreuzkette zur Kommunion bekommen, tragen sie aber nicht. Ich bin wie meine Schwester in der Kirche engagiert. Wir sind Ministrantinnen und machen Jugendarbeit. 

Wenn man sagt, man sei gläubig, wird man vor allem von Gleichaltrigen oft schief angeschaut und als konservativ abgestempelt. Darum mag ich es nicht, meinen Glauben nach außen zu tragen. Nur weil ich gläubig bin, heißt das nicht, dass ich alles unterstütze, was die Kirche macht. 

Die Kreuzpflicht finde ich nicht gut. Ich finde, wenn ein Kreuz am Eingang öffentlicher Gebäude hängt, wirkt das so, als sei nur das Christentum die wahre Religion.

Clara, 16, Schülerin und Pias Zwillingsschwester

Ich möchte meinen Glauben auch lieber für mich behalten. Für mich ist das eine persönliche Sache, die jeder anders interpretiert und sich aus allen möglichen Ideen zusammenbastelt. 

Das Kreuz bedeutet mir nicht so viel. Dadurch, dass viele es heute auch aus modischen Gründen tragen, hat es seine eigentliche Bedeutung ein bisschen verloren. 

Die Kreuzpflicht wirkt so, als wolle man andere Religionen nicht willkommen heißen. Das Kreuz wird bei dieser Sache vielleicht auch als Wahlkampfmittel missbraucht, um Identifikation herzustellen und damit die konservative Wählerschaft zu behalten. Das finde ich falsch. Andere Religionen gehören auch zu Deutschland.

Thomas, 27, BDKJ-Vorsitzender

Thomas ist Bundesvorsitzender des Bundes der katholischen Jugend. Der BDKJ ist Dachverband von 17 katholischen Jugendverbänden mit rund 660.000 Mitgliedern. (Bild: BDKJ)

Ich habe meinen Glauben durch die Gruppenstunden und Freizeiten bei der Kolpingjugend kennengelernt. Seit einer Reise nach Taizé, bei der ich mit anderen junge Menschen eine Woche am Leben der Gemeinschaft dort teilhaben konnte, trage ich ab und zu eine Kette mit Taizé-Kreuz. Seit dem Studium habe ich auch ein Kreuz in meiner Wohnung. 

Das Kreuz erinnert mich persönlich an die Botschaft Gottes. Außerdem ist es in der Öffentlichkeit ein Erkennungszeichen für Christinnen und Christen aus der ganzen Welt. Für eine vielfältige Gesellschaft ist es wichtig, dass Glaubensüberzeugungen und Wertevorstellungen offen gezeigt werden können. Das Kreuz erinnert mich aber auch an meine eigene Verantwortung. Deshalb engagieren wir uns in den Jugendverbänden für ein buntes Land, für Geflüchtete und gegen Menschenfeindlichkeit. Wir wollen Haltung zeigen. Glaube heißt für mich, dass man auch versucht, die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Grundsätzlich freue ich mich über jedes öffentlich sichtbare Kreuz. Allerdings ist es ein Symbol für Gottes Heilsversprechen an alle Menschen. Es auf einen traditionellen Wandschmuck zu reduzieren oder es für eine politische Agenda einer Partei oder Regierung zu instrumentalisieren ist anmaßend und entwertet dieses Zeichen. Wir als katholische junge Menschen im BDKJ sprechen uns deutlich gegen eine Vereinnahmung von Symbolen aus. Deshalb kritisieren wir den Kreuz-Erlass scharf.

Vicky, 25, bento-Redakteurin

(Bild: privat)

Früher trug ich häufig ein kleines, goldenes Kreuz an einer Halskette, heute trage ich es nur noch gelegentlich. Ich bekam die Kreuzkette zu meiner Erstkommunion in der dritten Klasse von meiner Oma. 

Ich verbinde die Kette eher mit ihr, mit einem lieben Menschen, dem schönen Familienfest an diesem Tag, als mit dem Glauben an sich. Das Kreuz als Symbol bedeutet mir eigentlich gar nichts. Ich bin zwar gläubig, aber ich brauche keine permanente Erinnerung daran, was in der Bibel steht. Es ist nicht mein Zeichen für Glaube und Religion. Ich finde andere Dinge, andere Botschaften des Glaubens wichtiger, zum Beispiel die Nächstenliebe.

Den Kreuzerlass finde ich falsch. Religion und Glaube sind Privatsache. Ich will nicht, dass ein Staat oder Bundesland sich darin einmischt und bestimmt, welche Glaubenssymbole die Menschen sich jeden Tag anschauen müssen. Und es impliziert, dass der christliche Glaube der einzige hier akzeptierte Glaube ist, und andere Religionen sich unterordnen müssten. Für mich ist das ein Widerspruch zur Religionsfreiheit.

Andreas, 20, fängt bald ein Theologie-Studium an

(Bild: privat)

Ich wurde christlich erzogen und trage das Kreuz eigentlich schon seit Kindestagen in und bei mir. Es ist ein Zeichen für Jesus Liebe zu den Menschen, für die er gestorben ist. Um mich immer daran zu erinnern, habe ich ein Kreuz in meinem Zimmer und einen Rosenkranz in meiner Tasche.

Grundsätzlich finde ich es immer gut, ein Kreuz in die Amtszimmer zu hängen. Der oberste Wert des Christentums ist Nächstenliebe. Darum ist es auch ein Symbol für alle und kein ausschließendes Zeichen. Trotzdem bin ich gegen die Kreuzpflicht. Ich finde, die CSU ist keine christliche Partei. Sie legt sich das Christentum beliebig aus, so, dass es zu ihrer Politik und ihren Interessen passt.

Für Christen ist das Kreuz ein Heiligtum. Die CSU rechtfertigt ihren Erlass damit, dass es auch ein kulturelles Zeichen sei. Ich finde, das macht es zu einem willkürlichen Symbol. Das ist gefährlich für das Christentum. Dass es der CSU an Nächstenliebe fehlt, sieht man zum Beispiel an den zahlreichen Abschiebungen und an den Vorbehalten gegenüber Minderheiten.

Das Kreuz sollte immer freiwillig aufgehängt werden. Das ist hier nicht der Fall. Es ist kein christliches Bekenntnis, sondern einfach parteipolitisches Kalkül in Zeiten des Wahlkampfes.


Gerechtigkeit

Warum es gut ist, dass die Spanierinnen ihren Premier endlich vom Hof gejagt haben
Hier sind vier Gründe.

Das Ende kam überraschend: Jahrelang hat Mariano Rajoy jeden Skandal ausgesessen. Wer der deutschen Bundeskanzlerin den Spitznamen Teflon-Merkel verpasst hat, kennt die spanische Politik nicht. An Mariano Rajoy schien wirklich nichts hängen zu bleiben.

Am Freitag ist es dann doch passiert, das spanische Parlament entzog ihm das Vertrauen (mehr dazu bei bento). Der Sozialist Pedro Sánchez ist neuer Präsident. Und das ist eine gute Nachricht. Aus vier Gründen.