#SayNoToSpec

Die Werbeagentur Zulu Alpha Kilo hat ein Video veröffentlicht, in dem sie auf die leidigen Arbeitsbedingungen der Branche aufmerksam machen wollte. Gerade im Kreativsektor werden in der Hoffnung auf potentielle Aufträge unzählige Stunden Arbeit gratis verrichtet.

Unter "Spec Work" versteht man Arbeit, die man für einen potentiellen Kunden verrichtet - ohne Garantie dafür zu haben, dass man den Auftrag letztendlich bekommt. In den USA und in Kanada wird diese Praxis jetzt unter dem Hashtag #SayNoToSpec diskutiert.

Dieses Problem betrifft nicht nur Werbetreibende, sondern auch Freelancer aus Musik, Kultur und Journalismus.

Du schreibst doch so gerne!

Wochenlang stecken Kreative unbezahlte Arbeit in Projekte, für die sie dann in Prestige bezahlt werden. In Form von Werbung, Likes und Retweets. In gratis Festivaltickets und Einladungen zu Galerieeröffnungen. Dass man damit weder Bahnticket noch Miete bezahlen kann, wird beim anschließenden Weinausschank und der netten Atmosphäre backstage gerne vergessen. Besonders von Auftraggeberseite. Kostenlose Arbeit wird vor allem: verlangt.

Also so eine Website, die baust du doch in zwei Stunden!

Das Argument hinter der Nicht-Bezahlung: Was du gerne machst, machst du ohnehin! Am besten gratis in der Freizeit, denn Arbeit macht keinen Spaß. Arbeit ist lediglich das, was man als fleißige Bürgerin unter den angstschweißtreibenden Bedingungen des freien Marktes verrichtet, um sich und seinen ausgezehrten Körper mit Importware aus dem Discounter zu versorgen. Der Nutzen der sogenannten "Arbeit" soll auf den ersten Blick ersichtlich sein. Vereinfacht ausgedrückt: Ware wird angeboten, Mensch kauft Ware, Ware hilft Mensch. Alles gut.

Kreative Arbeit hingegen braucht niemand. Kunst, das ist etwas für bourgeoise Berufstöchter, die nichts Besseres zu tun haben, als den ganzen Tag Le Monde Diplomatique zu lesen.

Während niemand auf die Idee kommen würde, erst den zweiten Stock seines Hauses fertig planen zu lassen, um dem Architekten hinterher trotzdem abzusagen, ist das beim Pitchen in der Werbebranche allgegenwärtige Praxis. In anderen Branchen sorgt das nur für Kopfschütteln, was man auch in dem Video sehen kann. Gratis arbeiten? Undenkbar für Cafébetreiberinnen, Restaurantbesitzer oder Fitnesstrainer. Sie verlangen nicht nur das Vertrauen ihrer Kunden, sondern auch deren Geld – vor der eigentlichen Ausführung der Dienstleistung.

Für Menschen im Kulturbetrieb gelten andere Regeln. Für sie ist das alles noch eine Nummer härter als für die Agenturen, die beim Gewinnen eines Pitches mit üppigen Budgets entschädigt werden. Die Kulturarbeiter prügeln sich um die besten Gratispraktika und konkurrieren schon während des Studiums nicht nur um die besten Noten, sondern um Beihilfen, Stipendien und Ausbildungsplätze in renommierten Betrieben. Das alles, um dann in befristeten Arbeitsverhältnissen auf Stundenlohnbasis Karriere zu machen.

Selbst schuld? Alleine der Gedanke, dass Arbeit mehr als nur einen Job bedeuten könnte, stößt der neiddurchzogenen Mittelschicht beim Feierabendbier sauer auf. Sollen die mal lieber was Handfestes lernen, sowas wie BWL!

Was bei der Diskussion nicht vergessen werden darf: Prekäre Arbeitsverhältnisse gibt es in allen Branchen. Viele haben überhaupt nicht erst die Wahl, sich ihre favorisierte Sparte aussuchen zu können, um dort mittels finanziellem Rückhalt der Eltern jahrelang unbezahlte Arbeit zu verrichten. Seit einigen Jahren finden auch sozial mehr oder minder gut positionierte Akademiker nicht automatisch Platz in der ihnen ursprünglich zugesicherten Position.

Arbeit muss einfach bezahlt werden.

Zulu Alpha Kilo, die für das Video verantwortliche Agentur, lehnt deswegen unentlohnte Pitchanfragen seit fünf Jahren kategorisch ab. Zuerst reagierten die Kunden verärgert, erklärt Gründer Zak Mroueh auf der Website. Seitdem konnte die Agentur jedoch einige der begehrtesten Unternehmen des Landes für sich gewinnen.

Wenn das nur für Freelancer auch so einfach wäre.

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#SayNoToSpec

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