Wir sind beim zweiten Bier und laufen durch das Stadtzentrum von Pristina, Kosovo, als Kastriot, 23, und Orbis, 22, vom Englischen ins Deutsche wechseln. Über uns leuchtet eine Straßenlampe dunkelgelb, um uns herum stehen niedrige Reihenhäuser, dahinter türmen sich auf einem Hügel Plattenbauten und halb fertige Hochhäuser in den dunklen Nachthimmel. “Kennt ihr das auch?”, fragt Orbis und schaut uns beide herausfordernd an. “TRL, MTV, Berlin, Neukölln, Abou-Chaker-Family; Sonny Black Prototyp, Nemesis, Taliban…” 

Kastriot, der ruhigere der beiden, überlegt kurz, räuspert sich und rappt weiter: “Araber, Terr-or-ist, Anführer Dschingis Khan.” Orbis johlt vor Freude, grinsend schaut er mich an. “Sonnenbank Flavour von Bushido”, murmele ich schließlich, gucke unsicher und gebe etwas beschämt zu, dass ich den Text höchstens noch zur Hälfte gekannt hätte. Wir müssen alle lachen. “Ja Mann”, ruft Orbis aufgeregt auf Deutsch in den Nachthimmel. “Wir kennen deutschen Rap besser als der Deutsche!” 

Um uns herum stehen junge Menschen mit Biergläsern vor einer Bar und schauen uns belustigt zu. Wenige Minuten zuvor hatten Orbis und sein Freund mich gefragt, wie ich Nietzsche finde – auch auf Deutsch. Auf diese Frage fiel mir noch weniger ein. 

Wo bin ich gelandet? 

Eigentlich war ich in Pristina, um zu verstehen, was es heißt, als junger Mensch hier zu leben. 

Im Schnitt ist die Bevölkerung 29 Jahre alt, das Kosovo ist das jüngste Land Europas. Was verändert sich in der Gesellschaft, wenn so viele Menschen noch jung sind? 

In Deutschland wird oft darüber geredet, dass das ganze Land immer älter wird. Im vergangenen Jahr beklagten sich junge, engagierte Menschen unter dem Hashtag #diesejungenleute darüber, dass sie nicht ernstgenommen würden (bento). Zurzeit macht das Boomer-Meme die Runde (bento). Pünktlich zum 70. Geburtstag scheint die Bundesrepublik im Ruhestand zu versinken. Selbst Friedrich Merz, 63, gilt noch irgendwie als frischer Hoffnungsträger. 

Im Kosovo scheint auf den ersten Blick alles anders: Es ist nicht nur in der Bevölkerungsstruktur jung, das Land gibt es erst seit 11 Jahren, bis heute erscheint vieles provisorisch. Der Staat Kosovo ist das Ergebnis eines einmaligen Versuchs – kann man mit viel Überzeugung und Hilfe von außen ein junges, demokratisches und friedliches Land aufbauen? 

1999 griff die Nato in den Jugoslawien-Konflikt ein und unterstützte die kosovarischen Separatisten gegen die von Serbien geführte Armee. Die Anhänger der kosovarischen UCK-Bewegung wollten die Unabhängigkeit. Die westlichen Staaten wollten zeigen, dass sie keine weiteren Kriegsverbrechen dulden. 

Die Zeit nach dem Krieg war eine der Hoffnung. Manche Eltern nannten ihre Kinder Tonibler und Klinton – aus Dankbarkeit gegenüber dem britischen Regierungschef Tony Blair und seinem US-Kollegen Bill Clinton. Noch heute erinnert eine absurd wirkende, goldene Statue in Pristina an den früheren US-Präsidenten. Vor wenigen Tagen hat das Kosovo neu gewählt. Was wurde aus den Hoffnungen von damals?

 Fragt man Orbis, was es bedeutet, in Pristina zu leben, erzählt er einen kurzen Witz: 

"Treffen sich ein Anwalt, ein Ingenieur und zwei Arbeitslose im Pub. Wie viele Menschen sitzen am Tisch?" Kunstpause. “Wenn es zwei sind, bist du im Kosovo.” 

Der arbeitslose Anwalt und der arbeitslose Ingenieur – das sind Orbis und Kastriot selbst. Sie sind gut ausgebildet, haben mit Anfang zwanzig einen Masterabschluss gemacht und sprechen mehrere Sprachen. Doch beide hatten noch nie einen richtigen Job. So wie ihnen geht es vielen. Die Jugendarbeitslosigkeit lag im vergangenen Jahr laut offizieller Statistik bei 55 Prozent. 

Die Mischung aus guten Abschlüssen und schlechten Chancen sei typisch für das Kosovo, sagt Frank Hantke. Der 65-Jährige leitet das Büro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Pristina. In einer repräsentativen Jugendstudie ließ sie untersuchen, wie es jungen Menschen im jüngsten Land Europas wirklich geht und was sie über ihre Zukunft denken.

Ernüchterndes Ergebnis: Obwohl viele junge Menschen fleißig sind, sehen nur wenige die Zukunft optimistisch. Nicht einmal jeder Dritte arbeitet in dem Beruf, für den er ausgebildet wurde. 44 Prozent der jungen Kosovaren gelten als “überqualifiziert”. Doch auch in Zukunft will jeder Zweite mindestens einen Bachelor machen. 

Wie passt das zusammen? Hantke glaubt, dass Bildung für viele junge Menschen im Kosovo eine Flucht nach vorn sei. Ins Ungewisse. Gerade weil die Perspektiven so schlecht seien, hofften viele darauf, mit einem höheren Bildungsabschluss ihre Chancen zu verbessern. Wie wichtig Bildung im jüngsten Land Europas ist, sieht man in Pristina an jeder Ecke: Privatschulen, Universitäten und dubios wirkende Colleges. 

Obwohl es kaum Jobs für Akademiker gibt, würden fast wöchentlich neue Einrichtungen eröffnet, sagt Hantke. Gleichzeitig fehle in handwerklichen Berufen der Nachwuchs. Der Hochschulboom im Kosovo hat nur wenig mit Interesse an Wissenschaft zu tun – er ist ein Geschäftsmodell. “Es ist billiger in einem Bürogebäude eine neue Uni zu eröffnen als irgendwo eine Berufsschule mit Kfz-Werkstatt zu errichten”, sagt Hantke. 

Statt auf Start-ups und Selbstverwirklichung setzt Kosovos Jugend auf Sicherheit und eine klassische Spießerlaufbahn: Sieben von zehn Jugendlichen würden nach eigenen Angaben am liebsten im öffentlichen Dienst arbeiten. 

79 Prozent halten Beziehungen zu “Menschen mit Macht” für wichtig bei der Jobsuche. Für diejenigen, die auf all das keine Lust mehr haben, ist Arbeitsmigration oft der einfachste Ausweg. Jeder dritte Jugendliche will den Kosovo längerfristig verlassen, sagt die Jugendstudie. 

Kastriot und Orbis sind bislang geblieben. Und dennoch irgendwie geflohen – in den Sarkasmus zumindest. Es scheint ihre Art, mit der Situation umzugehen. Während wir durch die Innenstadt spazieren, vergeht keine Minute, in der sie nicht ironisch über ihr Land sprechen. Wie hoch die Miete ist? Mit 250 Euro im Monat nicht billig, aber dafür auch im Winter gut planbar. Kastriot grinst: “Wir haben nur Kaltmiete hier.” So geht es immer weiter. 

Die beiden jungen Männer beherrschen nicht nur fließend mehrere Sprachen, sondern offenbar auch unendlich viele pessimistische Sprüche. Sie tragen ihren Nihilismus voller Stolz vor sich her, wie Deutsche ihre Northface-Jacke. Als wir an einem Parkplatz ein streitendes Paar beobachten, zitiert Kastriot mit verstellter Stimme den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek: “Erfolgreiche Menschen sind niemals glücklich. Glück ist eine Kategorie für Sklaven.” 

Als wir uns am Anfang des Abends kennenlernten, klang unser Gespräch noch ganz anders. “Fridays for Future” hatte zu einem Treffen ins Kulturzentrum Termokiss eingeladen. Das erste unabhängige “Quendër social” in Pristina befindet sich in einem alten, bunt angemalten Heizungsgebäude am Stadtrand. 

Hier finden mehrmals die Woche Yogakurse statt, es gibt Konzerte und Infoabende. Jetzt soll es um den nächsten Klimastreik gehen. Etwa zwanzig Studierende und Aktivisten sind dem Aufruf gefolgt, dazu einige Ehrenamtliche von Termokiss.

Das Umweltthema könnte im Kosovo eigentlich eine große Rolle spielen: Pristina gilt als eine der Hauptstädte mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit, laut einer Weltbank-Studie sind die Smog-Werte oft schlimmer als in chinesischen Großstädten (Reuters). Doch bislang hat der Umweltschutz hier nur wenige junge Menschen auf die Straßen getrieben. 

Beim größten weltweiten Klimastreik Ende September versammelten sich in Pristina gerade einmal 100 Personen. 

Etwa die Hälfte davon kam von Nichtregierungsorganisationen, schätzen die Organisatoren. Doch Bäume zu pflanzen, sich festzuketten oder etwas blockieren, erscheint vielen absurd. Eine Zivilgesellschaft, wie man sie in Westeuropa kennt, gibt es im Kosovo trotz der vielen jungen Menschen bislang nicht. Woran liegt das? 

“Die Menschen hier haben noch nie selbst etwas erreicht”, vermutet Orbis. Das Kosovo stand in der Geschichte fast immer unter dem Einfluss größerer Mächte. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte es zum Osmanischen Reich, danach zu Jugoslawien. Währenddessen war das Kosovo ein Teil von Serbien. Als es dann unabhängig wurde, sorgten Nato-Soldaten für Sicherheit. Fehlt deshalb ein Bewusstsein für die eigenen Möglichkeiten? 

Frank Hantke von der Friedrich-Ebert-Stiftung hatte schon am Vormittag etwas ähnliches gesagt: “Gesellschaftspolitisches und ehrenamtliches Engagement ist im Kosovo oft nur etwas für den Lebenslauf.” 

Für Kastriot ist die schlechte Luft in Pristina dagegen ein ganz persönliches Thema. Seit Langem hat er Probleme mit der Lunge. Im vergangenen Jahr musste er an den Lymphknoten operiert werden. Dennoch war es eher Zufall, dass er und Orbis vor einigen Monaten bei der ersten “Fridays for Future”-Versammlung landeten. Eigentlich kümmern sich die beiden um die Bibliothek von Termokiss. 

Nach dem Treffen im Termokiss irren wir durch die Nacht. Auch an einem Mittwoch kurz nach Mitternacht sitzen noch viele Menschen in den Bars. Aus den Fenstern der vorbeifahrenden Autos klingt schnulziger Balkan-Pop, die Stimmung ist entspannt. Auf vielen Stoßstangen kleben die Länderkürzel der Vorbesitzer wie Qualitätssiegel. 

CH für die Schweiz, DE für Deutschland, GB für Großbritannien. Doch wer als Kosovare diese Länder einmal spontan besuchen will, hat kaum eine Chance. In einem internationalen Pass-Ranking landete das Kosovo auf Platz 100 – von 107 insgesamt. Selbst Bürger des Südsudans, Liberias oder Turkmenistan können demnach leichter verreisen. 

Viele junge Menschen, mit denen man spricht, fühlen sich von Europa verraten. Die EU rede von Freiheit und Demokratie, doch in Wahrheit wolle sie doch einfach nur Ruhe, sagt Orbis. 

Er und Kastriot sprechend fließend Deutsch, doch sie waren noch nie in der Bundesrepublik. Die Sprache, in der sie heute Nietzsche lesen, haben sie vor dem Fernseher gelernt, mit MTV und Super RTL. 

Ihre letzten drei Urlaube waren Wanderausflüge nach Albanien, erzählt Kastriot. Das Nachbarland teilt die gemeinsame Sprache und ist eines der wenigen Länder, die kein Einreisevisum verlangen. Doch auch Albanien, dem Beitrittsgespräche fest versprochen worden waren, darf vorerst nicht näher an die EU heranrücken. Erst vor kurzem legte Frankreich sein Veto gegen neue Gespräche ein. Die anderen EU-Staaten hielten sich freundlich zurück. Welche Chancen soll das Kosovo da noch haben? 

Selbst Frank Hantke, der eigentlich nach Pristina kam, um die Werte Europas und der sozialen Demokratie zu verteidigen, scheint pessimistisch. Er spricht von “Stabilokratie”, wenn er die Zusammenarbeit beschreibt, die seit zwanzig Jahren erfolgreich für Ruhe sorgt und bei Korruption und Misswirtschaft großzügig wegsieht. 

Dabei spielt Europa im Kosovo eine große Rolle. Seit elf Jahren darf die EU im Kosovo machen, was in anderen Ländern undenkbar scheint. Im Rahmen des europäischen “Eulex”-Programms dürfen Vertreter der EU bei Prozessen beraten und teilweise selbst wie Richter auftreten. Doch das Experiment ging nach Ansicht vieler Kritiker schief. 2012 hieß es, ranghohe Eulex-Mitarbeiter hätten Freisprüche verkauft. Die Vorwürfe konnten nie bewiesen werden. Im kommenden Jahr soll Eulex nun endgültig auslaufen. Für die letzten 24 Monate hat die EU noch einmal knapp 170 Millionen Euro eingeplant. 

Was die Jugend über die internationale Hilfe denkt, ist in Pristina auf vielen Graffitis zu sehen. Mal ist der letzte Buchstabe von "Eulex" ein Hakenkreuz, ein anderes Mal wurde der UN-Schriftzug in F-UN-D abgeändert – das albanische Wort für "Ende".

Doch für die jungen Menschen im Kosovo könnte die wachsende Wut auf Europa vielleicht sogar etwas zum Besseren verändern.

Bei den Neuwahlen im Oktober gewann zum allerersten Mal in der elfjährigen Geschichte des Landes kein Warlord, kein Held von früher. 

Albin Kurti heißt der Mann, der bald neuer Premierminister werden könnte. Der 44-jährige Vorsitzende der linken Partei “Vetevendosje” (deutsch: “Selbstbestimmung”) hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, gleichzeitig als populistisch und intellektuell zu gelten. Noch vor kurzer Zeit sorgten seine Anhänger für Aufsehen, weil sie EU-Fahrzeuge umwarfen und Tränengas im Parlament versprühten. Heute spricht der ehemalige Studentenanführer lieber über sein gut gefülltes Bücherregal und verspricht, seine Ziele nur noch mit konventionellen Methoden erreichen zu wollen. 

Inhaltlich gilt jedoch weiter der Name seiner Bewegung: Selbstbestimmung. Vetevendosje will, dass das Kosovo unabhängiger von der EU und ihren Forderungen wird. Kurti, der mit einer norwegischen Politikwissenschaftlerin verheiratet ist, sagt, er wolle das Land selbstbewusster machen – und gerechter. Tausende Richter sollen überprüft werden, dubiose Staatsjobs für Angehörige bestimmter Parteien gestrichen werden. Es klingt ein bisschen größenwahnsinnig. Ob es dennoch gelingen kann, ist ungewiss.

Vor allem Exil-Kosovaren und junge Menschen wie Orbis und Kastriot haben den Neuanfang gewählt. Eine EU-skeptische Politik, um die viel beschworenen europäischen Werte besser umsetzen zu könen. Kann das funktionieren?

Falls es dennoch dauert, bis sich etwas verändert, hätte Frank Hantke von der Friedrich-Ebert-Stiftung sogar Verständnis: “Die Region war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ein Randgebiet des osmanischen Reiches. Hier kennt eben niemand die Französische Revolution.” 

Orbis und Kastriot kennen den Spruch, aber er nervt sie. Ihr Leben im Stillstand läuft schließlich weiter. Bislang sei es für sie nie eine Option gewesen, auszuwandern, sagen die beiden. Doch in letzter Zeit, meint Kastriot schließlich, habe er es sich doch manchmal überlegt. Er schaut nachdenklich. Sein Deutsch ist gut, sein Masterabschluss auch. Das Umweltthema ist ihm wichtig. In Deutschland könnte er vielleicht die Energiewende mitgestalten, überlegt er. Orbis will von solchen Plänen nichts wissen. Er sieht seinen Platz in Pristina. 

Die Uneinigkeit der beiden Freunde zeigt gut, wo junge Menschen im Kosovo heute stehen. Wollen sie hier bleiben und warten oder einfach gehen und woanders das Glück suchen?

Die Frage schwebt über vielen Gesprächen an diesem Abend. Es ist spät geworden, wir reden und trinken immer noch unter der Laterne. An Zeit mangelt es jungen Menschen im jüngsten Land Europas wirklich nicht. 

Kastriot will wissen, wie beliebt Nietzsche in Deutschland noch sei. Als ich eine Antwort gebe, schauen er und Orbis enttäuscht. Für “Jenseits von Gut und Böse” mit etwa vierhundert Seiten hätten sie im Original auf Deutsch sechs Monate gebraucht, erzählen die beiden. Sechs Monate. Warum nur? Kastriot schaut mich fragend an. Dann sagt er: "That’s life! You suffer and then you go on."


Fühlen

Und jetzt du! Warum sind junge Menschen so einsam?
Wir haben mit jungen Menschen über Einsamkeit gesprochen

"Generation allein: Warum sind junge Menschen so einsam?" (mdr), "Eine ziemlich einsame Generation" (Stuttgarter-Zeitung.de), "Twentysomethings - gemeinsam einsam" (Deutschlandfunk Nova) ­– junge Menschen gelten als besonders einsam. Das sagen auch Studien.

Eine Umfrage hat herausgefunden, dass 36 Prozent der 18- bis 29-Jährigen sich manchmal einsam fühlen. 23 Prozent gaben sogar an, häufig einsam zu sein. Keine andere untersuchte Altersgruppe ist so einsam. (Statista)

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft befand in seiner Untersuchung "Einsamkeit in Deutschland", dass das Gefühl von Einsamkeit bei jungen Leuten zugenommen hat (bento).