Nik Myftari floh als Kind aus dem Kosovo nach Deutschland. Heute führt er ein erfolgreiches Start-up.

Für einen Gründer zahlt sich Abwarten selten aus, Nik Myftari rettete es das Leben. Damals in Pec, seiner Heimatstadt im Kosovo, Anfang 1999. Der 14-Jährige lebte mit seiner Familie im letzten Haus der Straße, als die serbischen Milizen kamen.

Mit Lautsprechern forderten sie alle Bewohner auf, rauszukommen. Die Myftaris zögerten noch, während die Nachbarn aus den vorderen Häusern schon auf der Straße standen. Soll der Vater aus der Hintertür fliehen oder ist es schon zu spät? Aus ihrer offenen Haustür sahen sie, wie die Serben die Männer in einer Reihe aufstellten.

Kreshnik, der älteste Sohn, schrie, während ihn seine Mutter zurück ins Haus riss. Die Myftaris legten sich auf den Boden des Elternschlafzimmers, draußen erschossen die Freischärler 13 Nachbarn. "Dass wir sterben, war mir klar", habe er gedacht. "Hoffentlich werden wir nicht massakriert." So erinnert sich Nik heute an den Tag vor rund 16 Jahren.

Kinder während des Bürgerkriegs im Kosovo, 1999

Nik Myftari starb nicht an diesem Tag. Seine Familie floh zu Fuß nach Montenegro, dann nach Deutschland. Der heute 30-Jährige lernte Deutsch, schaffte es ans Gymnasium und an die Uni. Nach dem Abschluss vor zwei Jahren gründete Myftari "Spotted", ein Dating-Portal für Schüchterne. Wer bei der ersten Begegnung den Mund nicht aufgekriegt hat, kann in der App eine Nachricht für den Schwarm hinterlassen. Ist der andere auch bei Spotted, liest er mit etwas Glück die Nachricht und gibt dem "Spotter" eine zweite Chance.

Die Idee wurde zeitweise zum Hype, viele Unis haben ihre eigene Spotted-Facebook-Seite mit herzzerreißenden Gesuchen von Verliebten. Auch aktuell sollen täglich 3000 Menschen die App auf ihr Smartphone herunterladen, erzählt uns Myftari. Vor wenigen Wochen erst hat das Start-up bei Investoren mehrere Millionen Euro Kapital eingeworben, gegen Anteile am Unternehmen. Spotted wird in Listen der heißesten deutschen Tech-Gründungen geführt. Es läuft gut für den einstigen Flüchtling.

Die Andersgründer

In Start-ups zählen nur die beste Idee, das smarteste Gründerteam und die schnellste Umsetzung? Leider nicht. Gerade in Deutschland ist die Gründerszene von Anwaltssöhnen und Edel-BWLern dominiert, für die das eigene Unternehmen nur der coolere Weg zur ersten Million ist. Doch es gibt auch die anderen: Die Gründer, die sich mit dem eigenen Unternehmen nach oben gearbeitet haben: Die Andersgründer.

"Die Start-Up-Branche ist super für mich, hier zählt nur, was man kann", sagt Myftari, bis heute mit leichtem Akzent. Investoren gehe es ums Geschäft, nicht um seinen Nachnamen. Dass andere privilegierter aufgewachsen waren, habe er eher im Studium gemerkt: "Wenn die Eltern die richtigen Leute kannten, hatten die drei geile Praktika und nach dem Abschluss einen Superjob."

Wäre seine Geschichte verlaufen wie häufig in Deutschland, hätte Myftari die Banker- und Berater-Kindern höchstens im Taxi getroffen. Er vorne, sie auf seiner Rückbank. Seine ersten zweieinhalb Jahre in Deutschland lebte der Kosovo-Flüchtling mit seinen Eltern und drei Geschwistern im Asylbewerberheim, in einem Industriegebiet am Rande von Mannheim. Tagsüber lernte er die neue Sprache, nachts musste zum Einschlafen der Fernseher laufen, weil er im Dunklen die Leichen sah, über die er bei der Flucht steigen musste. So erzählt er es heute.

Spotted-Seite für die Münchner Stabi

Trotzdem kam er voran: Als er im Deutschkurs nichts mehr lernte, habe er sich mit Kopfhörern ins Klassenzimmer gesetzt, damit sie ihn endlich auf die Hauptschule ließen. Dort meldete er sich einfach ständig und fiel auf unter den vielen Asylbewerbern in seiner Klasse, die die Balkankriege nach Deutschland getrieben hatten. Viele seien gar nicht zum Unterricht gekommen. "Es wusste ja niemand, ob er nicht eh bald abgeschoben wird. Aber irgendwas wird es auch dann bringen, dachte ich mir."

Der schwarzhaarige Myftari erzählt seine Geschichte mit Bedacht, er hat wenig gemein mit vielen der blitzgescheiten Schnellsprecher aus der Gründerszene. In die Start-up-Hauptstadt Berlin wollte er nie ziehen, in Mannheim fühlt er sich zuhause. Klar, Myftari kann auch die andere Tonlage: "Just Do It. Scheiß auf die Angsthasen", rät er jungen Gründern in Interviews.

Mit seinem Start-up gibt Myftari Verliebten eine zweite Chance.

Sein Drive und seine Ausdauer half ihm auch als Unternehmer, gerade im ersten Jahr von Spotted. Der Launch der Seite verzögerte sich um Monate, Geld von Investoren war noch nirgends in Sicht. Myftari und seine drei Mitgründer wussten selten, wovon sie die nächste Miete zahlen sollen. "Egal, was mir passiert. So schlimm wie damals kann es nie mehr kommen", sei seine Einstellung gewesen. "Die meisten Unternehmen scheitern daran, dass die Gründer nicht durchhalten."

Nik Myftari heute, in seinem Mannheimer Büro

Durchhaltevermögen wird Myftari auch künftig brauchen, seine Existenz als Unternehmer ist ständig bedroht. Der Markt für Dating-Apps ist hart umkämpft, Geld lässt sich nur schwer verdienen mit der schnellen Liebe per Smartphone. Spotted muss sich gegenüber Tinder oder Lovoo behaupten - große Konkurrenten, die sich an alle Verliebten richten, nicht nur die, die ihre zweite Chance suchen.

Es wird nicht der gefährlichste Kampf im Leben des Nik Myftari werden. Er hat seine zweite Chance schon genutzt.