Wie geht es den Menschen dort?

Die Kugel trifft Mohammed, als er den Laden seines Stammfrisörs betritt. Kurz unter dem Gesäß dringt sie in den Oberschenkel ein und schießt unterhalb der Hüfte wieder heraus. Zwei Männer auf einem Moped brausen davon. Der Rettungswagen bringt Mohammed ins Krankenhaus, der nächste Schuss: Morphin. Den Schmerz spürt Mohammed erst zwei Tage später.

So erinnert sich Mohammed an den Tag im vergangenen August. Die Männer mit den Mopeds gehörten zur Gang "Loyal to Familia". In Mohammeds Heimat Mjølnerparken, ein Straßenzug in Kopenhagen, haben die "Brothas" das Sagen. Im Herbst lieferten sich die Gangs einen Bandenkrieg, ganz Dänemark war entsetzt.

Immer wieder kamen Männer auf den Mopeds nach Mjølnerparken, schossen um sich. Zwei Menschen starben, Dutzende wurden verletzt.

Mjølnerparken, das sind vier Häuserblöcke, 560 Sozialwohnungen, rund 1800 Menschen. Ein Getto, sagt der dänische Staat. Vielleicht das schlimmste im Land. Mohammeds Heimat ist zum Symbol geworden. Für Kriminalität, für Bandenkriege, für gescheiterte Integrationsgeschichten und Einwanderer, die angeblich lieber unter sich bleiben.

(Bild: bento / Steffen Lüdke)

Deshalb kam im März sogar der dänische Regierungschef nach Mjølnerparken. Mit sieben Ministern stellte Lars Løkke Rasmussen das vor, was er "Getto-Plan" nennt: "Die Gettos müssen weg", sagt Rasmussen an diesem Tag mit entschlossenem Blick.

Das "Dänentum" sei in Gefahr. Obwohl die Kriminalität in den Gebieten, die Rasmussen Gettos nennt, seit Jahren sinkt, will die rechtsliberale Regierung Gegenden wie Mjølnerparken umkrempeln. Die Sozialdemokraten und auch die rechtspopulistische Dänische Volkspartei unterstützen den Plan, deswegen wird er wohl auch durchs Parlament kommen. (Jyllands Posten)

Der Plan sieht unter anderem vor, den Besuch in Kindergärten für Kinder ab dem ersten Geburtstag zur Pflicht zu machen, unter Umständen ganze Häuserblöcke abzureißen. Und Migrantenkinder zu belohnen, wenn sie in der Schule gute Leistungen abliefern.

Die umstrittenste Maßnahme: Wer in einer Gegend wie Mjølnerparken Drogen vertickt oder Graffiti sprüht, soll dafür doppelt so hart bestraft werden können wie im Rest Dänemarks. Die Polizei kann die Maßnahme für eine bestimmte Zeit verhängen, wenn sie das für notwendig hält. 

Seit Rasmussens Auftritt in Mjølnerparken wird in Dänemark diskutiert: Ist das legitim? Dürfen Menschen durch Gesetze in zwei Klassen geteilt werden?

"Was denkst du denn, wie ich das finde?", ruft Mohammed, 31, und tritt einen Stein weg. "Beschissen finde ich das."

Die mögliche Verdopplung der Strafen ist die einzige Maßnahme des "Getto-Plans", die sich in Mjølnerparken wirklich herumgesprochen hat. "Wir, unsere Kultur, die braune Hautfarbe – damit haben sie ein Problem."

Schau dich um. Sieht das wie ein Getto aus?
Mohammed

Tatsächlich: Wer mit Mohammed heute durch die Siedlung schlendert, muss das Getto suchen. 24 Grad, halbnackte Menschen sonnen sich auf einer Wiese in der Nachbarschaft. 

Ein bisschen Kindergeschrei, das Zwitschern der Vögel: geschossen wird nicht mehr. Die Gangs haben Frieden geschlossen, heißt es.

Das ist die eine Seite.

Die andere: Den Proto-Dänen trifft man in Mjølnerparken kaum. Etwa ein Drittel der Bewohner hat Wurzeln in den Palästinensergebieten. "Salam aleikum" hört man hier öfter als das dänische "hej hej". Auf den Balkonen hängen Satellitenschüsseln, sie übertragen das Fernsehprogramm der alten Heimat. Frauen mit Kopftüchern rauchen Shisha.

Mjølnerparken wird überwacht, an jedem Hauseingang hängen Videokameras. Von hier stammt der islamistische Attentäter, der 2015 versuchte, einen schwedischen Karikaturisten zu erschießen, weil er den islamischen Propheten gezeichnet hatte. (SPIEGEL ONLINE)

Ist es all das, was diesen Ort zum Getto macht?

Die dänische Regierung führt eine Liste. 22 Gegenden stehen dort drauf. Als Getto gilt demnach ein Viertel, wenn die Anwohner vergleichsweise kriminell, arm und ungebildet sind. Und, wenn mehr als die Hälfte der Bewohner nicht-westliche Wurzeln hat.

Im Detail: Was macht Mjølnerparken laut Regierung zu einem "Getto"?

Als Getto gilt ein Gebiet mit mehr als 1000 Anwohnern, wenn es mindestens drei dieser fünf Bedingungen erfüllt.
Die Arbeitslosenrate liegt bei über 40 Prozent. (Mjølnerparken bei 43,5 Prozent)
Mehr als die Hälfte der Bewohner hat Eltern, die aus nicht-westlichen Ländern stammen. (Mjølnerparken bei 82,1 Prozent)
Das Einkommensniveau liegt im Schnitt bei unter 55 Prozent des dänischen Durchschnitts. (Mjølnerparken bei 53 Prozent)
Mehr als die Hälfte der Anwohner hat gar keine oder nur eine grundlegende Schulbildung. (Mjølnerparken bei 51 Prozent)
Mehr als 2,7 Prozent der Erwachsenen sind vorbestraft. (Mjølnerparken bei 2,52 Prozent)
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Auf Mjølnerparken treffen vier der fünf "Getto-Kriterien" zu. Aber ist es so einfach?

Gettos, das sind die jüdischen Viertel, die von den Nazis in Warschau und Vilnius eingerichtet wurden. Das verbinden viele auch mit amerikanischen Vierteln wie Harlem oder Bronx. Getto, dabei denken wohl die meisten an Elend, Armut, Ausgrenzung. Lassen sich Menschen in einem Land wie Dänemark unter diesem Ausdruck zusammenfassen?

Die Eltern aus dem Ausland, dazu noch vorbestraft – zumindest das gilt auch für Mohammed. Er raubte einem Mann das Handy. Saß im Gefängnis. Später nahm die Polizei ihn wieder fest, weil sie bei einer Leibesvisitation ein Messer fand. Ein Arbeitswerkzeug, sagt Mohammed. Die Polizei wertete es als Waffe. Für ein paar Tage kam er in den Knast.

Es ist schon kurz nach drei, als an Mohammeds Werkstatt der erste Kunde vorfährt. Mohammed soll ihm neuen Auspuffrohre montieren. Er zögert nicht, Cap ab, Arbeitsjacke an, fünf Minuten, dann röhrt der Audi A4 noch lauter als zuvor. Der Preis? Passt schon. Es ist Mohammeds Art der Nachbarschaftshilfe.

Mohammed, 31: "Was denkst du denn, wie ich das finde?"(Bild: bento / Steffen Lüdke)

Die Hausverwaltung Lejerbo, ein Nonprofit-Unternehmen, bezahlt Mohammed dafür, dass er die kleine Werkstatt am Laufen hält. Nebenbei passt er auch noch auf die Mülltonnen auf. Jeden Tag kommt er. Auch an Weihnachten.

Mohammed hat eine Freundin und vier Kinder. Der älteste Sohn ist zwölf, die beiden Zwillinge zwei. Ihnen will er mal was bieten. Deswegen lässt er sich nebenbei zum Hausmeister ausbilden, geht zur Berufsschule.

Wenn er im Januar fertig ist, will Lejerbo ihn einstellen. Dann soll er in Mjølnerparken die Klos, Duschen und Fensterläden in Ordnung bringen. Das ist sein großes Ziel. Die Werkstatt will er weiterhin betreiben, "ich will den Kids beibringen, wie sie ihre Roller und Fahrräder reparieren", sagt Mohammed. "Irgendwann müssen sie das selbst können."

"Thugs Mansion": Mohammeds Werkstatt in Mjølnerparken(Bild: bento / Steffen Lüdke)

Über Mohammeds Job entscheidet Søren Wiborg. Er ist der ehemalige Polizeichef der Gegend. Heute arbeitet er für das Wohnungsunternehmen Lejerbo, hat sein Büro in Mjølnerparken.

215, so viele Arbeitslose gebe es in Mjølnerparken noch, sagt Wiborg. Bis vor Kurzem seien es noch 293 gewesen. Auch bei den anderen "Getto-Kriterien" sehe es gut aus, wenn die vorläufigen Zahlen stimmen, ist Mjølnerparken eigentlich gar kein "Getto" mehr. Den Plan der Regierung findet er trotzdem nicht verkehrt, einige Maßnahmen seien sinnvoll, sagt Wiborg.

Ehemaliger Polizeichef Wiborg: Entscheider über Mohammeds Job(Bild: bento / Steffen Lüdke)

Die Bewohner selbst sehen es anders – sie wehren sich gegen den Begriff, wenn sie denn gefragt werden. "Die Leute aus dem Getto haben kein Problem", sagt der 28-jährige Simeon. "Die Dänen haben ein Problem mit dem Getto".

Dauernd würden Politiker über das Thema reden, dabei gehe es nur darum, rechtskonservativen Wählern nach dem Mund zu reden. Simeon arbeitet als Lehrer – und ist bewusst vor einem Monat nach Mjølnerparken in eine WG gezogen. "Mir geht es gut hier", sagt er. Die Gegend erinnere ihn an die Vorstadt, in der er aufgewachsen sei.

Simeon, 28: "Die Dänen haben ein Problem mit dem Getto"(Bild: bento / Steffen Lüdke)

Was es mit einem Menschen macht, wenn seine Heimat von allen als "Getto" verstanden wird, zeigt Zeyns Geschichte. Der 23-Jährige hat gerade seinen Master in Civil Engineering gemacht, sucht seit Monaten einen Job. Vergeblich. Er wurde zu keinem einzigen Bewerbungsgespräch eingeladen, trotz ordentlicher Noten.

Er könne doch Teile seines arabischen Nachnamens weglassen, empfahl man ihm beim Bewerbungstraining. Und die Adresse, die müsse er unbedingt aus dem Lebenslauf löschen. Zeyn spielte mit. Seitdem läuft es. Zwei Unternehmen haben Interesse, noch wartet er auf Zusagen.

Zeyn, 23: Ordentliche Noten, kein Bewerbungsgespräch(Bild: bento/Steffen Lüdke)

Zeyn sieht gut aus, geht offen auf Menschen zu. Auch deswegen durchbricht er die Vorurteile der anderen Dänen meist nach wenigen Minuten. Als er auf eine weiterführende Schule kam, war er der einzige mit ausländischen Eltern in der Klasse. "Hi, ich bin Zeyn aus Mjølnerparken", stellte er sich vor.

Danach dachten alle, ich würde sie ausrauben.
Zeyn

Erst später sei seinen Klassenkameraden aufgefallen, dass er gar kein Gangster sei.

Stigmatisierung nennt Troels Schultz Larsen, was Zeyn widerfährt. Er forscht an der Roskilde-Universität zu Gettos und sagt: "Wir haben in Dänemark keine, auch Mjølnerparken ist keins". Wissenschaftlich sei die Einordnung Unsinn.

Stattdessen bereite die Bezeichnung den Bewohnern Probleme. Eine Versicherung abschließen: nicht so einfach für Menschen aus Mjølnerparken. Pizza bestellen: nur bei Lieferdiensten, die auch nach Mjølnerparken liefern. "Unter solchen Benachteiligungen leidet das Selbstbewusstsein der Anwohner", sagt Schultz Larsen.

Er ist nicht er einzige Wissenschaftler, der das so sieht. Die dänische Regierung interessieren solche Stimmen bisher nicht. Sie bedient vor allem die Ressentiments besorgter Dänen und grenzt die Menschen in Mjølnerparken so aus.

Die einzelnen Maßnahmen mögen Erfolg versprechen. Aber Fakt ist: Jeder Auftritt in einem vermeintlichen Getto macht das Leben der Menschen dort noch ein kleines bisschen schwieriger.

Es ist dieses Gefühl, außerhalb von Mjølnerparken nicht dazuzugehören, das auch Mohammed Angst zu machen scheint. Obwohl er gebürtiger Däne ist. "Ich kann kein Arabisch lesen", sagt er. Dänisch ist seine Muttersprache, viele Dänen würden aber auf den ersten Blick das Gegenteil denken.

Mohammed in der Werkstatt: Arbeitswerkzeug oder Waffe?(Bild: bento / Steffen Lüdke)

Mehrmals täglich fährt die Polizei durch das Viertel. Vor ein paar Monaten nahm sie Mohammeds Bruder fest. Er sah die Szene vom Fenster aus, eilte nach unten. Ein Polizist fixierte Mohammed, drückte ihm die Hand ins Gesicht. Über das, was dann passierte, gibt es zwei Versionen. Mohammed habe ihn gebissen, gab ein Polizist zu Protokoll.

Nicht absichtlich, sagt Mohammed. Søren Wiborg, der Angestellte des Wohnungsunternehmens, nennt Mohammeds Verhalten "tollpatschig". Wieder so eine unglückliche Situation. Ein Gericht glaubte dem Polizisten, verurteilte Mohammed. Sein Anwalt legte Einspruch ein.

Das Problem: Verliert er vor Gericht, verliert Mohammed auch seinen Hausmeister-Job, seinen Plan für die Zukunft.

Das Wohnungsunternehmen kann es sich nicht leisten, jemanden zu beschäftigen, der einen Polizisten angreift. Spätestens seit ein dänischer Fernsehsender in der Sache Druck macht, steht das fest. Søren Wiborg tut das leid, er würde Mohammed in dem Fall gerne einen anderen Job besorgen. In einer Vorstadt Kopenhagens vielleicht. Aber Mohammed will keinen anderen Job.

Wenn sie mich rausschmeißen, fange ich nirgendwo anders an.
Mohammed

"In Mjølnerparken kennen mich die Leute, die Chefs respektieren mich", sagt er. Was würde ein neuer Boss von ihm denken, wenn er mal wieder so tollpatschig ist? Nein, nein, Mohammed schüttelt den Kopf, er habe doch gerade erst angefangen, den Kindern zu erklären, wie sie ihre Roller reparieren können. Die Vorstellung gefällt ihm nicht. Die Vorstadt ist keine Option. 


Haha

Jemand hat ein sehr, sehr lustiges "Lip Reading"-Video zur "Royal Wedding" gemacht
"Wer ist euer Lieblingscharakter aus Harry Potter?"

Die Macher von "Seagulls!" und "Inauguration Day" haben wieder zugeschlagen: Beim "Bad Lip Reading" der Royal Wedding werden Prinz Harry und Meghan Markle andere Worte in den Mund gelegt. Halt einfach so, wie es zu ihren Lippenbewegungen passen könnte.

Kostprobe gefällig? Der Erzbischof steht mit dem Paar am Altar und fragt: "Wer ist euer Lieblingscharakter aus Harry Potter?" Harry und Meghan sind sich einig und antworten mit: "Hagrid."