Bild: Symbolbild: john-mark-arnold / Unsplah
Ein Gespräch mit einer Forscherin, die mit diesen Frauen gesprochen hat.

In keinem anderen deutschen Bundesland sitzen so wenige Frauen in politischen Ämtern und Gremien wie in Bayern. Von den bayerischen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sind gerade einmal neun Prozent Frauen. Unter den Landräten in den Landkreisen sind es sogar nur sieben Prozent. (DER SPIEGEL)

Barbara Thiessen, Prodekanin der Fakultät für Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut, nennt Bayern darum "das bundesweite Schlusslicht geschlechtergerechter Partizipation". Die 54-Jährige versucht herauszufinden, warum dort vor allem so wenige junge Frauen Politik machen – und wie man das ändern kann. Dafür hat sie an der Hochschule Landshut das Projekt "FRIDA" – Frauen in der Kommunalpolitik – ins Leben gerufen, das sie für den Forschungsverband "ForDemocracy" durchführt. Ihre Ergebnisse sind vor allem in Hinblick auf die Kommunalwahl in Bayern am Sonntag interessant. 

Über das Forschungsprojekt "FRIDA"

FRIDA ist eine qualitative Studie der Universität Landshut. Angeleitet wird das Projekt dort von der Professorin und Prodekanin der Fakultät für Soziale Arbeit Barbara Thiessen. Es setzt da an, wo quantitative Studien bisher geendet haben: Untersuchungen zeigen, dass Männer und Frauen sich gleichermaßen für Politik interessieren, aber: Männer werden politisch deutlich häufiger aktiv als Frauen (Bayerischer Jugendring). FRIDA will herausfinden, warum das so ist. 

Der Fokus der Untersuchung liegt auf dem ländlichen Raum in Bayern. Dazu wurden bereits 15 Gruppendiskussionen mit jeweils vier bis sechs Frauen über 1,5 Stunden geführt, also insgesamt mit etwa 70 Frauen. Dazu kommen 20 Expertinneninterviews mit Kommunalpolitikerinnen sowie Frauen aus der Jugend- und Frauenarbeit. 

Aber warum ist es eigentlich so wichtig, dass junge Frauen sich an der Politik beteiligen? "Für die Demokratie ist es wichtig, dass alle sich beteiligen: Junge, Alte, Frauen, Männer, Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte", sagt Barbara Thiessen. 

Wir haben mit ihr gesprochen.

bento: Barbara, warum machen so wenige junge Frauen in Bayern Kommunalpolitik?

Barbara Thiessen: Junge Frauen in Bayern überlegen sich ganz genau, ob sie zu einem politischen Thema Stellung beziehen oder lieber nicht – zumindest die, mit denen wir gesprochen haben. Viele haben Angst, ausgelacht oder nicht ernst genommen zu werden. Dazu kommen auch Selbstzweifel. Eine Frau sagte uns: "Gefühlt hat man irgendwie immer ein bisschen zu wenig Ahnung." 

Auf Frauen lastet ein hoher Konformitätsdruck und es gibt viel soziale Kontrolle: Das fängt schon damit an, dass Jungs von klein auf mehr zugetraut wird als Mädchen. Sie kriegen mehr Taschengeld, sie dürfen laut sein, während Mädchen oft leise sein und zuhören sollen. 

bento: Und das ist noch immer so?

Barbara: Ja, und verstärkt im ländlichen Raum. Das hat Konsequenzen: Junge Frauen haben uns beispielsweise erzählt, dass sie sich auf dem Land nicht so freizügig kleiden wie in den Städten, weil sie Angst vor Kommentaren haben. Und auf dem Land weiß jeder, wenn sich eine junge Frau für "Fridays for Future" engagiert und wessen Tochter sie ist.

Barbara Thiessen

(Bild: Privat)

bento: Aber die Nachbarn auf dem Dorf wissen doch auch, wenn ein junger Mann bei Fridays for Future aktiv ist.

Barbara: Aber junge Männer dürfen sich eher ausprobieren. Ihr politisches Engagement hat nichts mit der Frage zu tun, ob sie "männlich" sind. 

Der politische Mensch wird männlich und weiß gedacht, und wer in dieses Modell nicht reinpasst, ist erklärungsbedürftig. Auf dem Land sind solche Vorstellungen noch stärker verhaftet. 

bento: Ist Bayern deshalb auch das Bundesland mit den wenigsten Frauen in der Kommunalpolitik?

Barbara: Ja, das ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor, Bayern ist als Flächenstaat durch den ländlichen Raum geprägt. An den Wahlergebnissen sieht man auch, dass Bayern sich eher konservativ und katholisch orientiert. Auch in der Kirche gibt es nicht viele Frauen in Führungspositionen. Und: Es gibt in Bayern beispielsweise immer noch Vereine – zum Beispiel Trachtenvereine –, in denen Frauen keine Mitglieder werden dürfen. Da büßen sie natürlich Sichtbarkeit ein.  

bento: Hat die soziale Kontrolle, die du beschreibst, noch andere Folgen? 

Barbara: Ja. Frauen verlassen den ländlichen Raum. Viele ziehen in die größeren Städte, wie München, Nürnberg oder Augsburg, und kommen auch nicht zurück. Das deckt sich auch mit den Erkenntnissen anderer Studien, dass die Abwanderung vom Land vor allem eine weibliche Bewegung ist. 

bento: Wenn viele der Frauen, die bleiben, aber die konservativeren Ansichten mit den Männern teilen, muss man die dann ja nicht in die Politik zwingen?

Barbara: Es gibt natürlich auch viele, die sich in den traditionelleren Rollenbildern wohlfühlen, ja. Aber diejenigen, bei denen das nicht der Fall ist, müssen eine noch größere Hürde nehmen. Und das ist ein Problem.

bento: Wer sind diese Frauen, die sich trotzdem in die Politik trauen?

Barbara: Das ist ein spannender Punkt: Oft sind das nämlich zugezogene Frauen, die vielleicht jemanden aus der Gegend geheiratet haben. Die sagen dann: "Ich gehöre hier sowieso nicht dazu." Sie fühlen sich nicht so verletzbar wie diejenigen, die dort aufgewachsen sind. Aber auch die haben es schwer, denn ein weiteres Problem liegt auch in den politischen Strukturen. 

bento: Inwiefern?

Barbara: Beispielsweise die Nominierungsverfahren: Momentan stehen überwiegend Männer auf den Listenplätzen der Parteien, und die wiederum nominieren andere Männer – weil viele die jungen Frauen einfach gar nicht im Blick haben. Sie begegnen ihnen nicht in ihrem Alltag. 

Ein Problem ist auch das Thema Vereinbarkeit: Für junge Frauen wird ein politisches Amt oft zur Dreifachbelastung, neben ihrer Erwerbsarbeit und ihren Familien. Viele Sitzungen finden am Abend statt, auch das ist schwierig für junge Mütter. Darum entscheiden sich viele erst nach der Familienphase zu kandidieren. Aus Expertinneninterviews mit aktiven Frauen in der Kommunalpolitik wurde uns das auch bestätigt. 

bento: Eva Weber von der CDU hat in ihrer Antrittsrede als Oberbürgermeisterkandidatin von Augsburg erklärt, dass sie keine Kinder bekommen kann. Sie wollte damit vorbeugen, als Karrierefrau abgestempelt zu werden. (DER SPIEGEL)

Barbara: Das fand ich unglaublich. Es kann doch nicht sein, dass eine Frau belegen muss, dass sie keine Kinder bekommen kann, um als ernstzunehmende Politikerin gelten zu können. Aber leider ist es immer noch so: Wie Frau es macht, macht sie es falsch. Wenn sie Kinder hat, wird sie als Rabenmutter beschimpft, weil sie sie "alleine" lässt, um sich politisch zu engagieren. Hat sie keine Kinder, dann ist das auch ein Manko. 

bento: Du erforschst auch, welche Maßnahmen gegen den Mangel von Frauen in der Kommunalpolitik ergriffen werden können. Was habt ihr herausgefunden? 

Barbara: Meiner Meinung nach geht es aber darum, Strukturen zu ändern. Dass Paritätsgesetze und quotierte Listen – wie Thüringen und Brandenburg sie eingeführt haben – funktionieren, hat Frankreich bereits vorgemacht. Seit dem Jahr 2000 gibt es diese Regelung dort. Die Gremien haben sich relativ zügig mit Frauen gefüllt. Und dann ist es auch nicht mehr so überraschend, wenn eine Frau sich politisch äußert. 

Und Medien spielen auch eine Rolle. Wenn eine Frau ins Amt gewählt wird, dann ist es völlig egal, dass sie einen Faltenrock trägt. Wenn diese Äußerlichkeiten immer betont und damit als ungewöhnlich markiert werden, dann wird damit auch markiert, was gewöhnlich ist, nämlich: Ein Mensch im Anzug. 

bento: Bei dieser Wahl ist etwas anders: Beispielsweise in Regensburg oder in Augsburg haben die weiblichen Kandidatinnen gute Chancen auf ein Amt. 

Barbara: In Regensburg sehen wir ein ganz typisches Muster: Wenn ein Mann es richtig versaut hat, dann haben Frauen gute Chancen. Ein Beispiel: Nach Helmut Kohls Finanzskandal kam Angela Merkel in der CDU an die Macht. In Regensburg gab es einen großen Korruptionsskandal, der Oberbürgermeister Joachim Wolbergs wurde vergangenes Jahr wegen Vorteilsnahme schuldig gesprochen (DER SPIEGEL). Wenn es holprig wird oder ganz aussichtslos ist, dann werden gerne Frauen aufgestellt. 

bento: Das heißt, es hat sich eigentlich noch gar nichts geändert?

Barbara: Doch, ein bisschen was schon. Ausschließlich männliche Listen kann man heutzutage auch nicht mehr aufstellen. Das ist mittlerweile erklärungsbedürftig und peinlich. 


Fühlen

Party trotz Coronavirus: "Unser Motto war 'Last Night Out'"
Kontakt zu anderen Menschen soll derzeit vermieden werden. Einige treffen sich trotzdem in Bars und Clubs. Warum bringen sie sich - und vor allem andere in Gefahr?

Das Kitkat und der Tresor in Berlin Mitte sind geschlossen, das Sisyphos in Lichtenberg, die Klubs Kater Blau, Wilde Renate und Suicide in Friedrichshain auch. Sowie Watergate und Ritter Butzke in Kreuzberg.

Wegen des Coronavirus hat die deutsche Bundesregierung Bürgerinnen und Bürger dazu aufgefordert, räumliche Distanz zu anderen Menschen zu wahren. Das betrifft auch die Club-, Bar- und Gastroszene. Denn aktuell zählt jeder Tag: Je mehr Menschen bereits, zum Teil unerkannt, angesteckt sind, desto schwieriger wird es, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen oder ganz zu stoppen. (SPIEGEL)

Nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit schließen deswegen am Wochenende die Bars. Das dürfte sich auch in den kommenden Wochen nicht ändern. Manche öffnen ihre Türen gerade trotzdem noch – und auch die Gäste kommen.

Party trotz Corona

Wir haben junge Leute gefragt, warum sie trotz Coronavirus noch ausgehen. Ob so ein Verhalten nicht unverantwortlich ist – und sie kein schlechtes Gewissen haben.

Eric*, 27, München