Bild: Julia Jaroschewski
Qualität und die richtige Dosis retten Menschen.

Julian ließ sich auf einer Party zum ersten Mal Heroin spritzen. Er war 22 Jahre alt und hatte dort neue Leute kennengelernt, sie boten ihm Heroin an. Er streckte seinen Arm hin, sie setzten die Nadel an. "Es war wie in einem Impfzentrum – einer nach dem anderen ließ sich einen Schuss setzen", sagt Julian. Von da an sei er süchtig gewesen. 

Vor acht Jahren war das. Heute ist Julian 30. Er trägt ein Superman-Shirt, Sonnenbrille. Blasse blaue Flecken auf seinem linken Arm sind der einzige Hinweis darauf, dass er ohne Heroin nicht mehr leben kann. "Es ist ein Klischee, dass nur Leute von der Straße heroinsüchtig sind", sagt Julian. "Es kann sein, dass hier einer neben uns sitzt, der Heroin nimmt – aber man sieht es ihm nicht an."

Kolumbianer und Kolumbianerinnen fangen immer früher an, Drogen zu nehmen – quer durch alle Gesellschaftsschichten. Viele Drogen kosten weniger als ein deutsches Bier: Ein Gramm Marihuana wird in Bogotá für umgerechnet 1,50 Euro gehandelt, in Deutschland kostet es etwas mehr als 10 Euro (WiWo). Ein Gramm minderwertiges Kokain kostet in Kolumbien etwa drei Euro, in Westeuropa um die 40 Euro (Statista). Der schnelle Rausch mit einer Dosis "Basuco", das geraucht wird, kostet in Kolumbien gerade einmal 50 Cent.

Wer wie Julian gute Kontakte hat, kommt auch an Heroin. Das gilt in Kolumbien noch als Untergrund-Droge. Bis zu zwei Gramm täglich spritzte er früher, verschwendete viel Geld, umgerechnet 15 Euro pro Tag, mehr als 5000 Euro pro Jahr. In Deutschland hätte er dafür mehr als 36.000 Euro bezahlt. 

In Kolumbien ist derzeit Wahlkampf. Die Präsidentschaftswahl wird auch über die künftige Drogenpolitik des Landes entscheiden. Seit Jahrzehnten herrscht dort ein blutiger Drogenkrieg: Verdienten anfangs noch einige weniger Schmuggler an dem Stoff, kontrollierten mit der Zeit Gangs das Geschäft. Nicht nur die Drogenkartelle in den Städten führten Fehden gegeneinander, auch der Staat wurde Teil des Konflikts. Polizei und Militär versuchen seither, den illegalen Handel zu zerschlagen, suchen nach illegalen Kokafeldern und Drogenlabors. 

Die Positionen der Kandidaten, die sich am 17. Juni eine Stichwahl liefern, könnten kaum unterschiedlicher sein:

  • Der linke Ex-Guerillero Gustavo Petro kritisiert den bisherigen Krieg gegen die Drogen, weil er nicht funktioniere. 
  • Der konservative Hardliner Iván Duque will geschaffene Lockerungen wieder abschaffen. Zum Beispiel die straffreie Dosis für den Eigenkonsum. Die erlaubt Kolumbianern etwa, 20 Gramm Marihuana, fünf Gramm Hasch oder ein Gramm Kokain dabei zu haben. 

Gewinnt Duque, droht eine härtere Drogenpolitik. "Das würde mich in einen Kriminellen verwandeln", befürchtet Julian. "Die Polizei würde mich wie einen Verbrecher verfolgen, obwohl ich arbeite, studiere, ein Leben habe."

Aus Kolumbien werden weltweit Länder mit Kokain beliefert, auch in Europa, auch die USA. Zehntausende Bauern in Kolumbien leben vom Koka-Anbau. Der Drogenhandel prägte die Geschichte und die Gesellschaft des Landes. Es hat selbst ein Drogenproblem: Marihuana, Kokain, Kokapaste, "Basuco" genannt, und andere Partydrogen sind überall erhältlich. Sie sind billig. 

"Weil es so viele Drogen gibt, nehmen Jugendliche oft irgendetwas, ohne zu wissen, wie die Qualität ist, und gefährden damit ihr Leben", sagt Christian, der Konsumenten und Süchtige berät. Der 27-Jährige arbeitet für die Nichtregierungs-Organisation Acción Técnica Social (ATS) in Bogotá. Eine Art Experimentierlabor für eine neue Drogenpolitik: Das Team sucht nach Alternativen dazu, den Krieg der Regierung gegen Drogen fortzusetzen. 

Sie versuchen, Antworten zu finden: Was tun, wenn Milliarden in den Kampf gegen Drogen fließen, aber der Konsum trotzdem steigt? Sind Drogen gar nicht das Problem – sondern der Umgang damit? Und ist es nicht sinnvoller, Abhängigen zu helfen, anstatt sie zu bestrafen und in ohnehin überfüllte Gefängnisse zu stecken?

Das Haus von ATS in einem ruhigen Wohnviertel wirkt wie ein Hipster-Treff. Ein "No more drug war"-Aufkleber an einer Tür, daneben ein Aufsteller mit einem grün-pinken Gehirn, in der Ecke blüht eine Hanfpflanze. In einem Mini-Museum sind Drogen ausgestellt: Heroin, Ketamin, Alkohol oder Benzo-Tabletten, präsentiert in kleinen Vitrinen. 

"Leuten zu sagen, sie sollen aufhören mit den Drogen, ist keine Lösung – weil sie trotzdem weitermachen", sagt Christian. Er glaubt, dass nicht Drogen das Problem sind – sondern eher, dass Nutzer verunreinigten Stoff nehmen, sich mit Krankheiten infizieren. Ihn ärgert, dass viele junge Kolumbianer in Bogotá oder Medellin auf der Straße landen, an einer Überdosis sterben, weil niemand weiß, wie man sie retten kann. 

Leuten zu sagen, sie sollen aufhören mit den Drogen, ist keine Lösung – weil sie trotzdem weitermachen.
Christian

Er zieht eine braune Papiertüte aus einer Kiste hervor, ein Spritz-Kit, mit sterilen Nadeln, Kanülen, Desinfektionsmittel und Filter, Pflaster und Kondom, das das ATS-Team bei Festivals verteilt und bisher in Städten wie Bogotá, Cali und Peireira kostenlos an Abhängige wie Julian ausgab. "Das Projekt hat mir geholfen und mich aufgeklärt, wie man Spritzen benutzt, wie man sie sterilisiert", sagt Julian. 

Julian teilt seine Nadeln nie. Er kann es sich dank seines Jobs als Kameramann leisten – und ihm ist seine Gesundheit wichtig. Damit gehört er aber zur Minderheit: Einer Studie zufolge teilen sich durchschnittlich etwa fünf Abhängige in Kolumbien eine Spritze – jedes Mal mit dem Risiko, sich mit Krankheiten wie HIV oder Hepatitis B anzustecken. 

Aber nicht nur die Spritzen sind ein zusätzliches Risiko – auch die Qualität der Drogen. Die ATS-Initiative "Échele cabeza cuando se dé en la cabeza" (Mach dir einen Kopf, was du konsumierst) prüft kostenlos und anonym, wie sauber Drogen sind. Es ist die erste Drogentest-Stelle in Lateinamerika mit staatlicher Lizenz. 

Ein Jugendlicher klingelt und bringt eine Probe vorbei, im Labor häufen sich mit Drogen gefüllte Plastiktütchen in einem Einweckglas. Mehr als 4500 Proben analysierte ATS in den vergangenen fünf Jahren. Ein Schnelltest dauert nur ein paar Sekunden. Der Stoff wird in einer Ampulle mit anderen chemischen Verbindungen beträufelt und reagiert – Farben zeigen an, um welche Droge es sich handelt und wie clean die Substanz ist.

Die Ampullen mit Kokain leuchten meist nur ganz leicht. Oft gar nicht. In dem Land, in dem das Kokain zu Hause ist, ist der Stoff, den Straßendealer verkaufen, häufig mies. "Hier in Bogotá sind 60 oder 80 Prozent des Kokains schlecht", sagt Christian. "Die Dealer strecken, was geht." 

Drogen auf Kokapaste-Basis, "Basuco", enthalten meist mehr Zusatzstoffe, als den eigentlichen Wirkstoff – wie zerkleinerte Glassplitter, Tapete oder Zement. Das Team von ATS warnt nicht nur Nutzer, wenn ihre Drogen schlecht sind, sondern informiert auch die Polizei: ein Frühwarnsystem für gefährliche Drogen, die im Umlauf sind.

Die Dealer strecken, was geht.
Christian

In den vergangenen Jahren wurden in Kolumbien zwar einige auf Süchtige spezialisierte Krankenhäuser eingerichtet, doch viele Ärzte haben zu wenig Erfahrung mit Drogennutzern, vor allem mit Heroin. "Viele behandeln uns nicht, oder nicht richtig – ich habe viele Freunde wegen einer Überdosis verloren", sagt Julian. Von Christians Organisation ATS erhielt Julian Naloxon, ein Medikament, das die Wirkung von Opiaten blockiert, zur Soforthilfe bei einer Überdosis

Wirkung von Kokain

  • Kokain wird aus Blättern des Kokastrauchs gewonnen. Es wird geschnupft, injiziert oder geraucht
  • Die Droge hemmt die Wiederaufnahme der Glückshormone Dopamin, Noradrenalin und Serotonin – und verstärkt so die Wirkung dieser Botenstoffe im Zentralnervensystem. 
  • Es wirkt aufputschend, dämpft das Hungergefühl und mindert das Schlafbedürfnis. Der Rausch wird in drei Stadien unterteilt: Euphorie, Rausch und Depression.
  • Abhängig von der Dosis und der Konsumentin oder des Konsumenten klingt die Euphorie nach zehn bis 60 Minuten ab. Nach etwa sechs Stunden ist es abgebaut.
  • Wenn Kokain injiziert oder geraucht wird, wird es sehr schnell in den Blutkreislauf aufgenommen. Es kann Krampfanfälle auslösen,  Kreislaufversagen oder einen Herzinfarkt
  • Die größte Gefahr liegt in der Abhängigkeit. Es kann zu schweren körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen führen.

(Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen)

Immer wieder erwischt es junge Konsumenten, die sich mit Heroin nicht auskennen und sich bei der Dosierung verschätzen. "Erst war es schön und dann schrecklich: Ich nahm immer mehr, bis ich umkippte", erinnert sich Ximena, eine Freundin von Julian, die nur gelegentlich Heroin nimmt. Ihr Freund fand sie in ihrem Zimmer, ihre Familie wusste nicht, dass sie Heroin konsumiert. Zwei Tage lang musste sie im Krankenhaus bleiben: Die Ärzte dachten, dass sie Selbstmord begehen wollte. 

"Ich glaube nicht, dass ich süchtig bin. Ich nehme Drogen ab und zu, in der Freizeit", sagt Ximena. Sie wisse, dass Exzesse schlecht seien. 

Ich nahm immer mehr, bis ich umkippte.
Ximena

Julian versucht, seinen Heroinkonsum nach und nach herunterzuschrauben. Ihm mache es keinen Spaß mehr, high zu sein, das Glücksgefühl sei verschwunden. Aber er hat Angst vor dem "Affen", den Entzugserscheinungen: Rückenschmerzen, Ohnmacht.  Morgens spritzt er, um aufzustehen, abends, um den Körper zu beruhigen und einzuschlafen. Trotzdem versucht er, die Dosis immer weiter herunterzusetzen, gerade auf 25 Milligramm, statt – wie früher – zwei Gramm am Tag. 

Auch dank der Unterstützung von ATS lebt er ein ganz normales Leben, arbeitet – nur eben mit Heroin. "Ich nehme es nur noch, damit ich nicht krank werde, Energie habe", sagt Julian. "Wenn ich nicht so verdammte Schmerzen hätte, würde ich ab morgen nichts mehr kaufen – es ist für mich wie eine Medizin, wie eine Pille."

Die Recherche wurde vom European Journalism Centre (EJC) unterstützt und von der Bill & Melinda Gates Foundation mitfinanziert.


Grün

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